Serie Umweltheld*innen: Antony Oscátegui

Antony Oscátegui will aus seiner Heimat Cerro de Pasco eine gesündere Stadt machen.

Orte, an denen das Leben besonders mühsam ist, haben oft die schönsten Bräuche, Tänze, Rhythmen und Feste hervorgebracht. Die Heimatverbundenheit der Bewohner*innen hält über Generationen, auch wenn die Nachkommen schon längst nicht mehr dort wohnen.

Das gilt auch für die Bergbaustadt Cerro de Pasco. Schon allein die Lage auf 4300 Meter bürgt für ein anstrengendes Leben in Kälte,  Wind und rauer Vegetation.  Durch den Bergbau  kommen vergiftete Abraumhalden und ein Riesen-Abbaukrater mitten in der Stadt hinzu. Cerro de Pasco ist heute ein Sinnbild für die Verwüstung und die Umweltschäden, die jahrhundertelange Bergbautätigkeit zurücklassen. Hier wohnt Antony Oscategui, 25, der sagt, dass er seine Heimatstadt liebt und sich dafür einsetzt, dass sie lebenswert wird.

Antony Oscátegui setzt sich für seine Heimatstadt Cerro de Pasco ein Foto: Elena Clenin

In Cerro de Pasco muss man den Anorak praktisch nie ausziehen, ganz egal wie strahlend die Sonne am blauen Himmel steht. Auch Antony Oscátegui behält seinen dunkelblauen Anorak an, wenn er erzählt, wie er als Kleinkind mit seinen Förmchen und Schäufelchen und etwas Zucker zur Abraumhalde hoch stieg, um mit anderen Kindern Sandkuchen zu backen. „Wir waren Kinder, wollten einfach spielen.“ In der 5. Klasse war es mit der Unschuld vorbei. Der Lehrer brachte ihnen bei, dass Cerro de Pasco einer der meist verschmutzten Orte Perus ist. Dass die Hügel rund um die Stadt Abraum aus dem tiefen Krater sind, aus dem – mitten in der Stadt – Zink, Silber, Blei und Gold abgebaut werden. Und dass der Sand, mit dem der kleine Antony einst seinen Sandkuchen gebacken hat, voller Gift ist: Quecksilber, Blei, Cadmium, Arsen.

Zwischen Abraumhalden und einer Tagebaumine mitten in der Stadt ist Antony Oscategui in Cerro de Pasco aufgewachsen. Foto: Hildegard Willer

„Ich bin nicht gegen den Bergbau, aber er soll umwelt- und sozialverträglich arbeiten“, sagt der 25-jährige Antony Oscátegui heute. Wer in Cerro de Pasco lebt, für den gehört Bergbau dazu. Antonys Vater Carlos ist seit über 20 Jahren Minenarbeiter. Anfangs noch mit einer Festanstellung, nach der Übernahme durch einen privaten Konzern in zeitlich befristeten Leiharbeitsverträgen.

Antony lebt mit seinem Vater, seiner Großmutter und zwei jüngeren Schwestern in einem der engen dunklen Reihenhäuschen inmitten von Cerro de Pasco.  Die Eingangstür ist niedrig, die Treppen eng, lang und dunkel, fast wie ein Minenschacht. Der kräftige und große Antony muss sich bücken, um durch die Haustür zu kommen. Seine Mutter ist gestorben, als er 18 Jahre alt war. Heute ist Antony 25 Jahre alt und studiert Jura und Politikwissenschaften an der Universität von Huanuco. Vor allem aber ist er Aktivist für ein gesünderes Cerro de Pasco. Das Engagement für seine Heimatstadt begann vor fünf Jahren, als er mit Freunden eine Jugendgruppe gründete: A Tajo Abierto –  Im Tagebau– nannte sich die Gruppe. „Es ging uns vor allem darum, auch die positiven Seiten von Cerro de Pasco zu zeigen.“ Die Gruppe organisierte Kunstfestivals, lud Graffitikünstler aus dem ganzen Land nach Cerro de Pasco ein. Das Ergebnis kann man an vielen Häuserwänden in Cerro de Pasco sehen, die mit Wandmalereien bedeckt sind.

Malerei an einem Haus in Cerro de Pasco. Entstanden beim Graffiti-Festival der Jugendgruppe A Tajo Abierto Foto: Hildegard Willer

Erst als vor drei Jahren die Leute der NGO Labor ihn zu ihrem Jugendbildungsprogramm einluden, begann Antony sich stärker mit den nicht so schönen Seiten von Cerro de Pasco zu beschäftigen. „Ich erfuhr von den vielen Studien, die beweisen, wie hoch die Schwermetallbelastung ist.“ Eigentlich brauchte er die Studien dazu nicht. Wie alle Einwohner*innen von Cerro de Pasco kennt er die Familien, deren Kinder an Blutkrebs, Nasenbluten, unerklärlichen Kopfschmerzen, Unkonzentriertheit und nervösen Störungen leiden. Grund ist die hohe Schwermetallbelastung.  Antony kannte auch Esmeralda Martin, die vor zwei Jahren an ihrer Blutkrankheit starb, obwohl ihre Eltern immer wieder bei den Gesundheitsbehörden in Lima vorstellig geworden waren.

Eine auf sie abgestimmte ärztliche Behandlung gibt es in Cerro de Pasco nicht für diese Kinder. Genau dafür setzt sich Antony nun ein. Nicht alleine, sondern zusammen mit Betroffenen aus ganz Peru, die sich in der Plattform der von Schwermetallen belasteten Personen zusammengetan haben. Antony Oscátegui hat dort das Amt des Jugendsekretärs inne. Immer wieder fährt er zusammen mit seinen Kolleg*innen nach Lima, wird bei den Behörden vorstellig. Im Dezember 2021  war es endlich so weit: die damalige Premierministerin Mirtha Vasquez unterschrieb das Gesetzesdekret, nachdem die Betroffenen besondere ärztliche Behandlung erhalten würden. Leider war Mirtha Vasquez  nicht lange im Amt, und mit dem Nachfolger harrt das  Gesetz noch immer seiner Ausführungsbestimmungen.

Wandmalerei in Cerro de Pasco Foto: Hildegard Willer

Antony gibt dennoch nicht auf. Die Hürden sind aber nicht nur in der Hauptstadt, sondern bei den Behörden und dem Minenbetreiber selbst in Cerro de Pasco. Wenig Transparenz,  korrumpierte Behörden, klagt Antony. „Wenn ich mit jemandem von der Mine sprechen will, dann schicken die mich von Cerro de Pasco nach Lima, und in der Unternehmenszentrale in Lima sagen sie mir, ich solle mit ihrem Büro in Cerro de Pasco sprechen.“

Antony und seine Gruppe arbeiten gegen den Trend. Viele junge Menschen wollen Cerro de Pasco verlassen, sie sehen keine Zukunft mehr in ihrer Heimatstadt.  Andererseits, so Antony, gibt es eine Gruppe junger Menschen, die sich mit ihm für ein besseres Cerro de Pasco einsetzt. „Wir verlangen nichts Unmögliches, sondern dass der Abbau umweltverträglich geschieht, dass wir endlich Trinkwasser bekommen.“ Denn in der 60.000-Einwohnerstadt ist nicht nur die Luft bleihaltig, sondern in fast 100 Jahren Bergbau haben es Behörden und Bergbaufirma nicht geschafft, die Bevölkerung mit sauberem Trinkwasser zu versorgen. Mit den Ergebnissen einer jüngsten Studie zur Schwermetallbelastung in Cerro de Pasco möchten Antony und andere  Engagierte eine internationale Klage gegen den Bergbaukonzern anstreben. „Erst wenn unser Fall auch international bekannt wird, wird sich etwas ändern.“

Wenn man Antony fragt, was ihn in Cerro de Pasco hält, gerät er ins Schwärmen: „Hier hatte ich eine Mutter, einen Vater, hier sind meine Leute.“ Das Wichtigste im Leben seien diese Beziehungen, und die hätte er in Cerro de Pasco. „Hier in Cerro de Pasco mag es kalt sein, aber die menschliche Wärme hält uns zusammen.“

Das Cerro de Pasco, von dem Antony träumt, und zu dem er beitragen will: „ In 15 Jahren möchte ich ein Cerro de Pasco sehen, das Trinkwasser für alle hat. Ein Cerro de Pasco, das seine kranken Kinder medizinisch behandelt. Dass es regelmäßig öffentliche Berichte über die Verschmutzung gibt, und dass diese unter den Grenzwerten liegt. Und dass junge Menschen hier wieder eine Perspektive sehen.“

Gut kann man sich Antony als künftigen Politiker vorstellen, auch wenn er selbst sich eher als technischen oder administrativen Politikberater sieht, der die Grundlagen liefert, damit Politiker entscheiden können.

„Mit der Kälte hier in Cerro de Pasco haben wir zu leben gelernt“, sagt er zum Schluss des Gesprächs. „Aber nicht damit, dass wir kein Trinkwasser haben, und dass unsere Luft und unser Boden vergiftet sind.“

Hildegard Willer

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