Peru.Klima.Gerecht

Geballte Information und viel Austausch über deutsch-peruanische Klimapolitik beim Peru-Seminar 2022

Zweimal 42 Menschen trafen sich zum ersten hybriden Peru-Seminar der Infostelle Peru (ISP) vom 29. April bis 1. Mai – die einen im Tagungshaus St. Georg in Köln, die anderen zugeschaltet aus verschiedenen Teilen Deutschlands und Perus.

Ein erstes Highlight – so die eindeutige Rückmeldung am Ende des Seminars – war die Diskussion mit Mirtha Vásquez, ehemalige Parlamentspräsidentin und Premierministerin, zur aktuellen Situation in Peru.

Der Samstagmorgen diente dem Einstieg in das komplexe Thema der deutsch-peruanischen Klimapolitik. Einen ersten Überblick zum Thema Klimagerechtigkeit und die Auswirkungen der Klimakrise in Peru gab Leon Meyer zu Ermgassen vom Vorstand der ISP. Die USA, Kanada und die Länder der Europäischen Union sind historisch für 72 Prozent der Treibhausgasemissionen verantwortlich. Die Folgen trägt hingegen vor allem der Globale Süden: 98% der Toten in Folge von klimabedingten Krisen lebten in Ländern des Globalen Südens, die auch den ganz überwiegenden Teil der finanziellen Kosten der Klimakrise zu tragen haben (bis 2030 ca. 92 Prozent der insgesamt prognostizierten 954 Mrd. US-Dollar). Anschaulich nachvollziehbar wurde dies durch fünf persönliche Erfahrungsberichte betroffener Menschen im Amazonasgebiet, an der Küste und im Andenhochland, aufgenommen in kurzen Videoclips von der Klimaschutzbewegung Mocicc.

Carlos Herz, Direktor des Centro Bartolomé de las Casas in Cusco, stellte in seinem anschließenden Vortrag das Thema Klimagerechtigkeit in einen größeren (wirtschafts-)politischen Zusammenhang. Hauptverursacher der Treibhausgasemissionen in Peru sind die Entwaldung (über 50%), ein schlechtes Abfallmanagement und die Emissionen durch den Verkehr. Als Ausblick stellte Carlos Herz Ideen für eine politische Agenda für echten Klimaschutz vor, deren Priorität darin liegen muss, den amazonischen Regenwald zu retten und das Leben und die Rechte der indigenen Völker zu garantieren.

Im Anschluss wurde es interaktiv: Die Teilnehmer*innen bereiteten sich in Kleingruppen auf ein Forum deutsch-peruanische Klimapolitik vor, bei dem sie im Anschluss in verschiedenen Rollen über das peruanische Klimanotstands-Gesetz und über die Gemeinsame Absichtserklärung (DCI) zwischen Peru, Norwegen und Deutschland zum Schutz des peruanischen Regenwaldes verhandelten. Die Gruppe „peruanische Regierung“ schickte Präsident Castillo persönlich ins Rennen, unterstützt von einem großen Beraterstab im Rücken. Die deutsche Regierung war mit Beamten aus dem Umwelt- und dem Entwicklungsministerium vertreten. Weiter nahmen Vertreter*innen der peruanischen und der deutschen Zivilgesellschaft teil: die Klimaschutzbewegung Mocicc, der indigene Dachverband AIDESEP und eine deutsche Peru-Solidaritätsgruppe.

Im Panel nach der Mittagspause gab es viele und komplexe Informationen. Die Klimaschutzexpertin Cristina Urrutia erläuterte in einem ersten Input, was es mit REDD+ auf sich hat – je nach Verständnis ein Rahmenwerk, ein Mechanismus, ein Projekt oder der Markt für Maßnahmen zur Reduzierung der Entwaldung im amazonischen Regenwald. Die Gemeinsame Absichtserklärung (Declaración Conjunta de Intención, DCI) zwischen Norwegen, Deutschland und Peru, die seit 2021 auch Großbritannien und USAID einbezieht, ist eine freiwillige Vereinbarung und das wichtigste Abkommen Perus zur Umsetzung von REDD+. Ziel ist es, einen Beitrag zur Verringerung der Entwaldung im peruanischen Amazonasgebiet und damit zu Perus Klimaschutzverpflichtungen zu leisten.

Im anschließenden Input setzte sich der Waldschutzexperte Renzo Giudice von der Uni Bonn kritisch und differenziert mit den Erfolgen und Herausforderungen von REDD+ auseinander. In der abschließenden Folie zeigte er eine ernüchternde Tatsache nach knapp 20 Jahren auf: Noch nie waren die Treibhausgasemissionen durch Entwaldung in Peru so hoch wie 2019, und noch nie wurde in Peru mehr Regenwald abgeholzt als 2020.

Nach den beiden Einführungen gab Miguel Guimaraes vom indigenen Dachverband AIDESEP seine Einschätzung über Erfolg und Misserfolg der Gemeinsamen Absichtserklärung ab. Obwohl sehr viel Geld für Waldschutzprogramme ausgegeben wurde, sei weiterhin sehr viel Wald abgeholzt worden. Er forderte, dass die finanziellen Mittel vor Ort, nämlich bei den indigenen Gemeinden landen müssten, die den größten Beitrag zum Waldschutz leisteten. Indigene Umweltschützer*innen müssten mehr wertgeschätzt, ihr Leben besser geschützt werden. Wenn die Indigenen nicht im Amazonasgebiet leben würden, gäbe es heute keinen Regenwald mehr, so sein Appell für mehr Beteiligung und Wertschätzung der indigenen Gemeinschaften.

Zum Schluss der Runde berichtete der Journalist Aramís Castro von der Nachrichtenplattform OjoPúblico von seinen Recherchen zur DCI  (siehe auch Artikel im InfoPeru 81). Seine wichtigsten Ergebnisse: Die Landtitulierung läuft sehr schleppend, u.a. wegen hoher Bürokratie und Ermittlungen wegen Korruptionsvorwürfen in den Regionalbehörden. Die indigenen Gemeinschaften haben wenige Informationen und sind wenig in die Umsetzung einbezogen. Auch für ihn sei es sehr schwierig gewesen, Informationen von offizieller Seite zu bekommen.

Nach einer Pause gingen die Diskussionen in fünf Arbeitsgruppen weiter. Deren wichtigste Ergebnisse können hier nachgelesen werden.

Am Abend wurden die bisher streng eingehaltenen Hygiene- und Bestandsregeln dann doch etwas lockerer gehandhabt. Denn niemand wollte auf den Tanz zu den vielseitigen Rhythmen, die wieder von Carmen Velarde aufgelegt wurden, verzichten. Auch der intensive Austausch bei Bier, Wein und Pisco kam nicht zu kurz.

Am Sonntag ging es weiter mit einem Markt der Möglichkeiten, der vom Buchprojekt über Trockentrenntoiletten und das Kinderprojekt Cantuta über Informationen zu den Arbeitsgruppen Coca und Entwicklungszusammenarbeit der Infostelle Peru bis zur Arbeit von Infoe – Institut für Ökologie und Aktions-Ethnologie Vieles zu bieten hatte. Auch beim anschließenden Austausch über die Ergebnisse der Arbeitsgruppen vom Vortag gab es noch reichlich Diskussionsstoff.

„Tolle Veranstaltung! Weiter so!“ „Es war einfach toll, mal wieder alle zu treffen!“ „Vielen Dank! Meine Vorstellungen wurden übertroffen.“ „Danke für die tolle Organisation, das Einladen so vieler verschiedener Aktivist*innen und für das Schaffen einer so offenen und herzlichen Atmosphäre. Das hat das Erste-Mal-Kommen sehr einfach und schön gemacht.“ „Ich möchte mich ganz herzlich für die hervorragende Veranstaltung bedanken! Es war sehr erhellend und die Auswahl der Referenten war super interessant.“ „Vielen Dank für das tolle Seminar. Besonders die Beiträge zur gemeinsamen Absichtserklärung (DCI) fand ich sehr spannend.“ Dieser Auswahl von Rückmeldungen möchten wir nur noch ein herzliches Dankeschön an die Teilnehmer*innen fürs engagierte Dabeisein hinzufügen.

Annette Brox

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