©Hildegard Willer

Giftige Exporte

Vier europäische Unternehmen – darunter auch deutsche Investoren – verkaufen in Peru verbotene Pestizide

Die Unternehmen Bayer, Syngenta Group, BASF und Agrolac verkaufen in Peru eine Gruppe von Pestiziden, die in der Europäischen Union wegen ihrer potenziellen Schäden für die menschliche Gesundheit und die Umwelt verboten sind.

Peru ist eines der Länder, in die Pestizide geliefert werden, die in der Europäischen Union verboten sind und die von einer Gruppe multinationaler Unternehmen ohne Einschränkungen exportiert werden. Kleinbauern kaufen sie und setzen sie auf ihren Feldern ein, um Schädlinge zu beseitigen, ohne die gefährlichen Auswirkungen auf ihr Leben, die Artenvielfalt der Ökosysteme und die Lebensmittel, die auf unseren Tischen landen, zu kennen.

Nach Durchsicht des Registers der vom Nationalen Gesundheitsdienst für die Landwirtschaft (Senasa) zugelassenen Agrochemikalien und der Zollberichte der letzten fünf Jahre hat  Salud con lupa    festgestellt, dass die Unternehmen Bayer und BASF (Deutschland), Syngenta (Schweiz/China) und Agrolac (Spanien) 19 in Europa verbotene Pestizide nach Peru exportieren.[1]

Der EU-Umweltausschuss hatte zugesagt, im Jahr 2020 über einen Gesetzesentwurf abzustimmen, in dem vorgeschlagen wird, die Produktion und den Export von Pestiziden, die in der EU seit mehreren Jahren verboten sind, zu beenden, sah sich aber dem starken Widerstand der Chemielobby ausgesetzt.

In den letzten Jahren ist der weltweite Absatz von Pestiziden um durchschnittlich vier Prozent pro Jahr gestiegen. In Lateinamerika sind mindestens ein Drittel der meistverkauften Produkte hochgefährliche Pestizide, die in der Europäischen Union verboten sind. Dieser Anstieg steht im Zusammenhang mit der Ausweitung von Monokulturen (einschließlich Soja, Ölpalmen und Mais), die zu drastischen Veränderungen der Lebensbedingungen der bäuerlichen Gemeinschaften und der menschlichen Entwicklungsperspektiven der Länder geführt hat.

Gravierende Folgen sind unter anderem das Aufkommen von Pflanzen und Insekten, die schwieriger zu bekämpfen sind, was neue Generationen von transgenem Saatgut und einen intensiveren Einsatz von Pestiziden erfordert; das Auftreten von Gesundheitsproblemen bei Landarbeitern wie Krebs, Missbildungen, Veränderungen des Hormon-, Fortpflanzungs- und Verdauungssystems; und die Verringerung der Artenvielfalt, die Verschlechterung der Ökosysteme und des Boden- und Wasserlebens.

Neben Unternehmen aus der Schweiz (Syntega Konzern) und Spanien (Agrolac) sind besonders die beiden deutschen Chemiegiganten Bayer und BASF beteiligt.

Der deutsche multinationale Konzern „Bayer“ beispielsweise hat seit 1992 eine Tochtergesellschaft in Lima. Sie vertreibt sieben in der Europäischen Union verbotene Pestizide, darunter Imidacloprid, das zu einer Gruppe von Insektiziden, den Neonicotinoiden, gehört, die auf das zentrale Nervensystem von Insekten wirken, sie lähmen und innerhalb weniger Stunden töten. Aber auch Pflanzen nehmen diese Agrochemikalie auf, die laut mehreren wissenschaftlichen Studien eine der Ursachen für den Rückgang der Population von Bestäubern wie Bienen ist. Aus diesem Grund haben die europäischen Märkte 2018 ihr Veto eingelegt, aber Bayer vermarktet es in Peru als die beste Lösung gegen Schädlinge wie Wanzen, Blattläuse und andere Ungeziefer, die Tomaten-, Avocado-, Mango-, Orangen-, Rüben-, Baumwoll- und Reispflanzen befallen.

Bayer exportiert nicht nur ein, sondern mindestens vier Insektizide nach Peru, die Imidacloprid als Inhaltsstoff enthalten, das von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als sehr gefährliche Substanz eingestuft wird.

Ein weiterer Bestandteil der Pestizide, die Bayer an peruanische Landwirte verkauft ist Fipronil, ein hochgiftiges, weißes Pulver zu Insektenbekämpfung: In der Europäischen Union seit Jahrzehnten verboten und von der US-Umweltschutzbehörde als potenziell krebserregend eingestuft.

Dies sind nur zwei Beispiele des Pestizidangebots von Bayer auf dem peruanischen Markt; es werden noch zahlreiche weitere angeboten, wie etwa das Fungizid Fenamidon gegen Schädlinge in Paprika-, Zwiebel-, Erdbeer-, Kartoffel- und Tomatenkulturen oder das gefährliche Mancozeb – obwohl Untersuchungen 2018 ergeben haben, dass es bei Menschen, die mit diesen Substanzen in Kontakt kommen, zu erheblichen hormonellen Schäden kommen kann.

Auch der deutsche Gigant BASF hat eine Niederlassung in Peru und verkauft mindestens sechs Agrochemikalien, die in der Europäischen Union verboten sind, darunter etwa das Insektizid Fastac, hochtoxisch für den menschlichen Hormonhaushalt und Auslöser von Schwindel, Kopfschmerzen, Übelkeit, Müdigkeit, Haut- und Augenreizungen.

Jeder Hersteller ist verpflichtet, das Risiko seines Produkts auf dem Etikett anzugeben, aber das Geschäft mit Pestiziden wird in Peru wahllos betrieben, ohne dass die Landarbeiter ausreichend beraten werden. Ohne angemessene Schulung entsorgen viele von ihnen Pestizidbehälter in unmittelbarer Nähe von Wasserquellen wie Flüssen, was die Kontaminationsszenarien erhöht.

Erschwerend kommt hinzu, dass die Landwirte keine Schutzausrüstung tragen, welches bei vielen Pestiziden erforderlich ist.  Das Fungizid Quinoxyfen, das von BASF zur Bekämpfung von Schädlingen im Weinbau verkauft wird, erfordert zum Beispiel das Tragen von Schutzkleidung für einen Zeitraum von mindestens 24 Stunden.

Eine weitere schwerwiegende Folge des Pestizideinsatzes ist die Folge des Bienensterbens: In Peru werden Neonicotinoide vermarktet, eine Gruppe von Insektiziden, die wegen der alarmierenden Sterblichkeitsrate bei Bienen in der EU verboten sind.

Regulierung ist unzureichend

Bis heute hat die „Senasa“, die dem Ministerium für Landwirtschaft und Bewässerung untersteht, die Vorschriften zur Kontrolle des Handels, der Verwendung und der Lagerung von Pestiziden nicht aktualisiert, um die Zulassungsbedingungen für diese Produkte im Land zu verschärfen. Noch weniger hat es die Pestizide verboten, die in anderen Ländern bereits wegen ihrer Gesundheits- und Umweltschädlichkeit verboten sind.

Nach den seit 2015 geltenden Vorschriften des „Nationalen Systems für Pestizide zur Verwendung in der Landwirtschaft“ muss die Senasa vor der Zulassung einer Substanz bewerten, “ob der Nutzen die Risiken überwiegt”, was bedeutet, dass sie mehrere Berichte, wie z.B. toxikologische und Umweltverträglichkeitsberichte, vorgelegt hat. Bei mindestens 19 Substanzen, die in der EU bereits verboten sind, war dieser Rechtsrahmen jedoch „flexibel“.

Beatriz Salazar, Forscherin am Zentrum für Peruanische Studien (CEPES) sieht als einzige Lösung, solange es keine Reformen des von Pestiziden abhängigen Agrarmodells gibt, dass die EU die Produktion und den Export von eingeschränkten Pestiziden auf ihrem Gebiet einstellt. Andernfalls werden die Pestizide weiterhin illegal über die Grenzen zu Ecuador oder Brasilien ins Land gelangen, wo sie ebenfalls von flexiblen gesetzlichen Rahmenbedingungen profitieren.

Salazar weist auch auf die Verantwortung Perus hin:

“Auch die peruanische Regierung könnte Druck auf die europäischen Länder ausüben, damit diese die Umweltverpflichtungen aus den Freihandelsabkommen einhalten. Zu diesen Abkommen gehört das Rotterdamer Übereinkommen, das jedes EU-Land verpflichtet, das Zielland über die Risiken einer Chemikalie zu informieren, bevor es sie exportiert, oder es zu informieren, wenn es Verbots- oder Beschränkungsmaßnahmen ergreift”, erklärt sie. Dieser Mechanismus hat sich jedoch als nicht so effektiv erwiesen. Deshalb hat die UNO gefordert, die Liste der gefährlichen Pestizide in die Konvention aufzunehmen, um die Schädigung der Umwelt und die Menschenrechte der am meisten gefährdeten Menschen, die diesen Substanzen ausgesetzt sind, zu stoppen.

Konkrete Ergebnisse aus peruanischen Regionen

Eine Studie, die 2022 in der Zeitschrift Nature veröffentlicht wurde, warnte vor dem Ausmaß der Pestizidbelastung in landwirtschaftlichen Gemeinden in Huancavelica, Ica, Junín und Lima. Anhand von Haartests wurden 67 Wirkstoffe, die in Insektiziden, Herbiziden und Fungiziden enthalten sind, in besorgniserregender Menge gefunden. Die Untersuchung wurde an 50 Personen durchgeführt, zumeist Landarbeiter aus ländlichen Dörfern. Von diesen gaben 35% an, dass sie bei der Anwendung von Pestiziden auf ihrem Land keine persönliche Schutzausrüstung verwenden. Außerdem verzehrten die Menschen in ländlichen Gebieten eher Lebensmittel, die direkt vom Feld geerntet wurden, d.h. ohne vorherige Dekontaminationsbehandlung, wodurch sie einem höheren Risiko ausgesetzt waren, so die Studie.

Die Verantwortlichen?

“Das Problem der Pestizide ist allgegenwärtig, wenn es um Landwirtschaft, Gesundheit, Artenverlust und Wasserverschmutzung geht. Es ist ein wichtiges Querschnittsthema”, sagt die Agraringenieurin Susan Haffmans vom Pesticide Action Network, das eine führende Rolle bei der Entwicklung des Pestizidatlas 2022[2] gespielt hat – dennoch ist die Doppelmoral seitens der EU nicht zu übersehen: sie lässt die Pestizidexporte ihrer Unternehmen zu, während sie die Einfuhr von Agrarprodukten aus dem Süden mit der Begründung verbietet, dass diese mit Pestiziden beschichtet sind.

“Die Profite einer Gruppe von multinationalen Unternehmen werden auf Kosten der Menschen und des Planeten in den Vordergrund gestellt”, fügt Greenpeace hinzu.

Vor kurzem hat die belgische Nichtregierungsorganisation Humundi eine in unserem Land durchgeführte Untersuchung über die schwache Regulierung des Verkaufs und der Anwendung von Pestiziden vorgestellt. Peru ist einer von 53 Märkten, in die zwischen 2013 und 2021 69.000 Tonnen gefährlicher Substanzen aus Belgien exportiert wurden, so die Studie. Humundi verweist nachdrücklich auf die Verantwortung von Syngenta, Bayer und BASF.

“Das Argument dieser Unternehmen ist, dass hinter dem Pestizidanbau Arbeitsplätze stehen. Sie zerstören die Umwelt, aber sie stellen nur wirtschaftliche Interessen in den Vordergrund”, sagt Jonas Jaccard, Vertreter von Humundi.

In Europa diskutieren Frankreich und Belgien nun ernsthaft über Exportbeschränkungen für gefährliche Pestizide, aber die Chemielobby verhindert, dass sie vorankommen.

Wenn die EU ihre Verantwortung für die Reduzierung von Schadstoffen wahrnehmen würde, müssten weitere strukturelle Veränderungen eingeleitet werden. Derzeit gibt es eine Gesetzesinitiative zum Verbot der Produktion und des Exports gefährlicher Chemikalien, die aber voraussichtlich noch in diesem Jahr von der Europäischen Kommission überprüft wird. Im Rahmen einer öffentlichen Beratung sammelt die Kommission weiterhin Beiträge von Forschern, Unternehmen und interessierten Nichtregierungsorganisationen.

“Dies ist ein Problem, das nicht von einem Land allein gelöst werden kann. Wir brauchen verbindliche und strengere Regeln seitens der gesamten europäischen Gemeinschaft”, sagt die Forscherin Beatriz Salazar über erforderliche Maßnahmen, die sich positiv auf Peru auswirken könnten.

Alicia Tovar/Salud con Lupa

Quelle: https://saludconlupa.com/series/un-veneno-oculto-en-mi-plato/exportacion-toxica-4-multinacionales-europeas-venden-en-peru-19-pesticidas-prohibidos-en-su-territorio/

 

Autorin und Übersetzung: Svenja Pesch

[1] (Quelle: Relación de los plaguicidas de uso agrícola vigentes, prohibidos y cancelados de SENASA al 2021, veröffentlicht in: https://saludconlupa.com/series/un-veneno-oculto-en-mi-plato/exportacion-toxica-4-multinacionales-europeas-venden-en-peru-19-pesticidas-prohibidos-en-su-territorio/)

[2] https://www.boell.de/de/pestizidatlas