Coca als Chance. Symptompolitik beenden!

Lucho Guerrero erklärt im Interview mit Heinz Schulze die vielfältigen Auswirkungen des zuehmenden Kokaanbaus und welche Lösungen es gibt.

Lucho Guerrero Figueroa war von 2000 bis 2006 Abgeordneter und Vorsitzender der parlamentarischen Kommission für alternative Entwicklung und Drogenbekämpfung des Kongresses der Republik Peru. Heinz Schulze sprach mit ihm über die gescheiterte  Drogenbekämpfung und mögliche Lösungen.

Infostelle Peru:  Wie steht es aktuell um den Anbau von Coca in Peru? Die konservative Zeitung El Comercio schreibt, dass die Anbaufläche von 2020 bis Ende 2022 enorm zugenommen hat und jetzt rund 105.000 Hektar beträgt. Wie sind Deine Informationen dazu?

Lucho Guerrero: Ich gehe davon aus, dass aktuell auf 150.000 bis 200.000 Hektar Coca angebaut wird. Man muss einfach die Einzelangaben zusammenzählen und bei Reisen ins Landesinnere die Augen offen halten. Wichtig ist zu wissen, dass weit mehr als 90 Prozent für die Verarbeitung zu Kokain dienen.

Diese Zunahme muss doch auch den Verantwortlichen in denjenigen Ländern zu denken geben, die als „Drogenbekämpfung“ Millionen Dollar oder Euro in den Anbau von Alternativprodukten statt Coca oder in die Vernichtung von Coca-Feldern stecken.

Das Konzept, Coca durch Projekte sogenannter Alternativprodukte zu ersetzen, ist gescheitert. Diese können nicht mit den Geldern konkurrieren, die die Drogenmafia einsetzt. Und, ich denke, dass diejenigen, die in dieser vergeblichen Form der Drogenbekämpfung tätig sind, keine wirkliche Lösung wollen. Sie würden ja ihre Arbeitsplätze verlieren. Und, die Drogenmafia setzt überall Geld ein: Sie korrumpiert und „kauft“ Bürgermeister, Abgeordnete, Minister, Funktionäre in staatlichen Stellen, Banker, Polizei, Militärs, Transporteure, Männer wie auch Frauen. Und vergessen wir nicht: Am großen Geschäft verdient ein ganzer Rattenschwanz, denken wir nur an die Produzent*innen und Verkäufer*innen der für die Herstellung von Kokain benötigten Chemikalien. Dazu kommt: Klappt es mit Bestechung nicht, kommen Druck, Drohungen, Einschüchterung und Schlimmeres. Gewalt und Mord sind Teil des Geschäfts der Mafia.

Außerhalb von Lateinamerika ist oft nicht bekannt, wie problematisch sich die Herstellung von Kokain auswirkt. Welche Probleme sind die größten?

Also, da geht es um die ganze Kette der Herstellung: Stichworte sind Abholzung, Vergiftung der Umwelt inklusive von Gewässern durch die vielen Chemikalien wie Schwefelsäure, etc., dann die Repression gegen die indigene Bevölkerung in diesen Regionen, die gesamten Umstände und Zustände bei Herstellung, Transport, Handel. Dazu kommen die immensen Manöver für Geldwäsche, die Abhängigkeit der Konsument*innen, die gesundheitlichen Auswirkungen sauberer und erst recht verunreinigter Ware, auch Beschaffungskriminalität und die gesamte Drogenkriminalität, Drogentote.

Bleiben wir noch kurz bei der Herstellung von Kokain: Ein Vorschlag lautet, einfach die Einfuhr aller zur Herstellung nötigen Chemikalien in Peru zu verbieten. Was meinst du dazu?

Das ist zu kurz gedacht. Zur Herstellung von Kokain gehört neben viel Wasser unter anderem Erdöl, Kalk, Natrium, Schwefelsäure. Die kommen aus Peru selbst oder werden auch im ganz normalen Leben benötigt, wie Äther oder Schwefelsäure – Schwefelsäure zum Beispiel für Autobatterien, Kunstdünger, Reinigungsmittel.

Man liest und sieht in peruanischen Zeitungen immer wieder, wenn als Drogenbekämpfungsmaßnahme erfolgreich Cocafelder vernichtet wurden, ein Labor ausgehoben oder Kokain beschlagnahmt wurde. Wie schätzt du das ein?

Ja, Gott sei Dank werden die Felder nicht mehr wie früher in Kolumbien aus der Luft mit Gift besprüht. Es ist ein offenes Geheimnis, dass Hinweise auf illegale Felder von der Drogenmafia selbst kommen. Sie gibt der Polizei bzw. dem Militär Hinweise, zum Beispiel auf ein verstecktes Labor im Regenwald, sodass ein Erfolg der Drogenbekämpfung vorzuzeigen ist, alle zufrieden sind – und das Geschäft weiterlaufen kann. Durch Hinweise dieser besonderen Art schaffen sich Mafia-Clans auch gern kleinere Konkurrenten vom Hals.

Kokain ist eine zerstörerische Droge. Wer gewinnt an ihr?

Okay, wenn man ein Leben auf Kosten der Menschheit als Gewinn ansieht, gehören zu den Gewinnern: Die Bosse der Kartelle, die gekauften Politiker*innen (lokal, regional, national, international), Aktionär*innen der Unternehmen, die die erforderlichen Chemikalien herstellen und verkaufen, Großtransporteure, hohe Tiere bei Polizei und Militär. Anwälte, Banker, die das Drogengeld waschen, hochrangige Mitarbeiter*innen der Drogenbekämpfung und der großen Organisationen, die Millionen schwere Alternativprojekte zum illegalen Cocaanbau durchführen lassen.

Eine völlig andere Art von Gewinn ist natürlich der Einsatz im Gesundheitsbereich, zum Beispiel in der Therapie Kranker.

Und die Verlierer sind?

Zu ihnen zählen, mittelfristig gesehen, auch die Kleinbauern, die mit dem Anbau von Coca für die Weiterverarbeitung zu Kokain zunächst gutes Geld verdienen, aber später zerstörtes Land haben; die indigene Bevölkerung, deren Lebensgrundlage, der Regenwald, abgeholzt und vergiftet wird; diejenigen Menschen, die die giftige Brühe aus Blättern und Chemikalien stampfen müssen; die Jungen, die die besonders schädliche pasta básica (Vorstufe des Kokain) konsumieren. Verlierer sind wir alle, natürlich die Umwelt und die peruanische Gesellschaft – allein schon, weil die immensen Summen der Einnahmen aus Drogen nicht versteuert werden und so dem Staat für z.B. Bildung oder Gesundheit nicht zur Verfügung stehen. Verlierer sind nicht zuletzt die Kokainabhängigen und deren Familien: erst recht in Verbindung mit Beschaffungskriminalität, Prostitution, Gefängnis und dem ganzen Elend.

Und, was ist nun Deiner Meinung nach die Lösung?

Die einzige Lösung ist die Legalisierung der Cocablätter. Dazu muss man wissen: Die Cocablätter enthalten 14 Alkaloide, also natürliche pflanzliche Stickstoffe, wie sie auch in Tomaten, Kartoffeln, Tabak oder Kaffee vorkommen. Nur eines der vierzehn (!) ist für die Gewinnung von Kokain tauglich. Eine Legalisierung muss den Anbau, die industrielle Verarbeitung der Cocablätter und den Handel beinhalten. Nur dann werden die guten Eigenschaften der 13 anderen Alkaloide wirklich wissenschaftlich erforscht. Auch deshalb müssen die Cocablätter endlich aus der internationalen Drogenliste (sog. Wiener Konvention) entfernt werden und die Verbote bei der Welthandelsorganisation aufgehoben werden. ENACO, die als staatliche Stelle in Peru legal angebaute und registrierte Coca aufkauft, müsste mit kompetentem Personal die komplette legale Coca zu einem höheren Preis aufkaufen, als ihn die Drogenhändler bezahlen. Das Geld dafür kann aus den Töpfen für die ineffektiven Projekte für Alternativprodukte und aus dem Budget für die zur Drogenbekämpfung bestimmten Waffen kommen, so dass sich der illegale Anbau immer mehr erübrigt. Dadurch ergibt sich die Basis, die unzweifelhaft guten Eigenschaften der Coca und ihrer Alkaloide ernsthaft zu erforschen und zu verwenden. Erst nach der Legalisierung können Alltagsprodukte wie Mehl, Zahnpasta, Getränke, Medikamente und vieles mehr in nennenswertem Umfang entwickelt, hergestellt, vertrieben und auch exportiert werden. Und natürlich ergibt sich die Möglichkeit, die aus dem vorletzten Jahrhundert stammende Formel zur Herstellung von reinem Kokain sauber und umweltschonend zu modernisieren, um es zum Beispiel auf Rezept sinnvoll einzusetzen.

Für das Getränk Coca Cola gibt es wohl eine Ausnahmeregelung. Man hört immer, dass dafür Cocablätter aus Peru exportiert werden?

Ich gehe davon aus, dass Coca Cola jährlich von ENACO rund 200.000 Kilo Cocablätter erhält – trotz des Exportverbots durch das Wiener Abkommen. Das zeigt meines Erachtens, dass das Wiener Abkommen eine politische Entscheidung war, die geändert werden kann.

Vielen Dank für das Interview!

Lesetipp: Die neue Broschüre der Infostelle Peru über die Geschichte der Coca in Peru und ihre Kriminalisierung können Sie hier kostenlos herunterladen.

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