Von Espinar nach Brüssel

Mitte Juni besuchte eine Delegation aus Peru das Europaparlament in Brüssel, um sich für eine griffige Lösung zur Konzernverantwortung einzusetzen.

Mit dabei ist Esmeralda Larota aus der Provinz Espinar, im Süden der Region Cusco. Sie erlebt die Folgen des Bergbaus in der riesigen Kupfermine Tintaya-Antapaccay täglich am eigenen Leib.

Der kleine Hof, wo Esmeralda mit ihren Eltern lebt, liegt auf einer Kuppe im Dorf Huancané Bajo. Von da sind es wenige Kilometer zum Damm des Rückhaltebeckens der Kupfermine Tintaya. Verschiedene Bäche fliessen aus der Richtung der Mine, wie auch unterirdische Wasseradern, die in kleinen Teichen an die Oberfläche kommen. Das Dorf gehört zu dem am stärksten mit Schwermetallen belasteten Siedlungen in der Umgebung der Mine. 

“Ich habe die Veränderungen selbst miterlebt seit meiner Kindheit”, erzählt die etwas über 30-jährige Esmeralda. Sie zeigt uns die Stelle am Bach, wo sie immer das Trinkwasser her holten. “Zuerst wurden die Tiere krank, starben plötzlich an Krankheiten, die es vorher nicht gab. Dann begannen wir selbst, an Glieder- und Kopfschmerzen zu leiden.” Unterdessen seien viele im Dorf gestorben, an Krebs und anderen Krankheiten, die früher kaum vorgekommen seien. Auch wurde eine Wasserleitung zum Hof verlegt, doch sie ist seit Monaten unterbrochen. Stattdessen trinken sie nun Regenwasser, das in einem Tank gefasst wird – solange es reicht.

Esmeralda Larota holt Wasser für ihre Tiere aus dem verschmutzen Bach hinter ihrem Hof. In der Ferne ist der stillgelegte Tagebau der Mine Tintaya sichtbar. Foto: Thomas Niederberger

Dass die Menschen in Huancané Bajo stark erhöhte Werte an Schwermetall und Arsen im Blut haben, ist erwiesen. Zuletzt zeigte eine Studie von Amnesty International bei 78% der untersuchten Personen in der Provinz Espinar gefährliche Konzentrationen an. Der Schweizer Konzern Glencore bestreitet jedoch einen Zusammenhang zum 40-jährigen Bergbau und macht für die Verschmutzung die natürlich im Boden vorhandene Mineralisierung verantwortlich. Obwohl alles darauf hindeutet und das Problem seit über 10 Jahren bekannt und dokumentiert ist, wurde bis heute keine Studie durchgeführt, die den Wirkungszusammenhang eindeutig belegt.

“Als wir wegen den sterbenden Tieren mit den Leuten von der Stiftung der Mine sprachen, meinten diese – zieht doch weg, wenn euch die Verschmutzung stört!” erinnert sich Esmeralda. Doch wohin sollte sie denn gehen? Sie ist die einzige, die sich um ihre gebrechlichen Eltern kümmert. Ein Leben in der Stadt könnten sie sich nicht vorstellen. Allerdings seien viele schon weggezogen, und der Zusammenhalt in der Gemeinde sei verloren gegangen. “Alle schauen nur für sich selber.” Wer jemanden in der Familie hat, der in der Mine sein Geld verdient, getraue sich nicht mehr, die Zustände zu kritisieren. Sie selber fürchte sich nicht, “ich habe nichts zu verlieren”. 

Szenenwechsel: Am 14. Juni steht Esmeralda vor einer Kommission des Europaparlaments in Brüssel und berichtet vom Leid, dass die Mine brachte. Sie ist als Augenzeugin Teil einer Delegation, welche für die Kampagne “Espinar kann nicht warten – für ein wirksames europäisches Lieferkettengesetz” nach Europa reiste. Die Kampagne wird von einer breiten Koalition von peruanischen und europäischen Organisationen unter dem Mantel des Red EU-LAT getragen – darunter auch die Bergbau-Kampagne der Infostelle. Espinar steht hier stellvertretend für so vieles, dass beim Abbau von Metallen falsch läuft. 

Die EU-Direktive für Konzernverantwortung, in Englisch als “due diligence” (Sorgfaltspflicht) und in Deutschland als Lieferkettengesetz bekannt, soll zukünftig verhindern, dass Konzerne sich im globalen Süden hinter schwachen Gesetzen und untätigen Behörden verstecken können. Betroffene wie Esmeralda sollen damit vor Gerichten der EU-Mitgliedsländer Entschädigung und Wiedergutmachung einklagen können. Doch vieles hängt von den Details ab, die derzeit zwischen dem Europaparlament und der europäischen Kommission verhandelt werden. 

Dass eine Mine von Glencore, mit Sitz in der Schweiz und gehandelt an der Börse von London, im Zentrum dieser Kampagne steht, hat seine Gründe. Der Konzern steht seit längerem weltweit in der Kritik wegen seiner besonders aggressiven Geschäftspraktiken (siehe auch den Bericht zu Korruption bei Glencore in diesem Newsletter). Die EU-Direktive soll auch für Firmen gelten, die ihren Sitz nicht in einem EU-Land haben, aber mindestens 40 Millionen Euro Jahresumsatz innerhalb der EU erzielen. Damit keine Schlupflöcher und perversen Anreize geschaffen werden, soll die Sorgfaltspflicht auch für Banken und Versicherungen gelten, welche Firmen wie Glencore finanzieren, sowie für die Kunden, welche ihre Rohstoffe von ihr beziehen.

Wird die EU-Direktive angenommen und in den Mitgliedsländern umgesetzt, wird es sich erst zeigen müssen, ob sie an Orten wie Espinar zu konkreten Verbesserungen führt. Wenige Kilometer von Huancané Bajo entfernt sind dort zur Zeit die Verhandlungen im Gange zwischen der mächtigen Minenfirma und den zwei kleinen indigenen Gemeinden Pacopata und Huini Coroccohuayco. Es geht um den Kauf ihres gesamten Gemeinschaftslandes für die Erweiterung der Mine mit einer neuen Tagebaugrube. 

Hier soll bald Kupfer abgebaut werden. Foto: Thomas Niederberger

Die Verhandlungen finden hinter verschlossenen Türen statt, unter sehr ungleichen Kräfteverhältnissen und ohne die Beteiligung staatlicher Stellen oder zivilgesellschaftlicher Organisationen. Da es sich “nur” um eine Erweiterung handelt, stellt sich die Firma auf den Standpunkt, dass es kein formelles Konsultationsverfahren brauche. Eine kollektive Umsiedlung der betroffenen Gemeinden wird nicht beabsichtigt. Einmal mehr, so scheint es, werden die Rechte der Betroffenen mit dem Bulldozer aus dem Weg gekehrt.

Thomas Niederberger (Cooperaccion/Comundo)

Mehr zum Besuch von Esmeralda Larota auf der Seite der Bergbau-Kampagne Peru und dem Youtube-Kanal (mit deutschen Untertiteln). Alle Inhalte der Kampagne (in Spanisch) sind auf Facebook, Twitter, Instagram und Youtube zu finden.

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