Alpakaherde in Versuchsstation im Colca-Tal ©Hildegard Willer

Das Millionengeschäft mit der Alpakawolle

Peru ist der weltweit führende Hersteller von Alpakawolle. Jedes Jahr exportiert das Land Alpakawolle im Wert von rund 200 Mio. US-Dollar.
Der Markt wird bestimmt von den Konzernen Michell und Inca Tops. Das erste Glied in der Produktionskette sind jedoch die Alpaqueros, Familien, die in den Hochandengebieten leben, wo die Landwirtschaft aufgrund der klimatischen Bedingungen unrentabel ist. Sie erhalten nur 20 USD pro Jahr für die Wolle eines Tieres. Ihre prekäre Einkommenssituation wird durch die starken Fröste und Dürreperioden noch verschlimmert.

Der folgende  Text ist eine stark gekürzte Übersetzung einer Reportage von Elizabeth Salazar Vega (Text)  und Alessandro Cinque (Fotos) auf OjoPúblico.

In Peru leben mehr als 87 % der weltweiten Alpakapopulation. Das sind mehr als 4 Millionen Tiere. Das Land ist der weltweit führende Produzent von Alpakawolle, gefolgt von Bolivien und Australien. Allein 2022 exportierte Peru Alpakawolle, Stoffe, Kleidungsstücke und andere Produkte im Wert von über 187 Millionen US-Dollar, vor allem in die Vereinigten Staaten sowie nach Italien und China.

Das erste Glied in dieser millionenschweren Produktionskette sind die mehr als 82.000 Züchter*innen im südlichen und zentralen Hochland des Landes, die die uralte Tradition der Pflege, Fütterung und Schur von Alpakas aufrechterhalten. Verdienen tun sie damit jedoch nur wenig. Die Wolle, die sie aus einem Alpaka gewinnen, bringt gerade einmal 20 USD pro Jahr ein.

Die Alpaqueros leben in Gemeinden, die größtenteils sehr arm sind und in denen die Landwirtschaft aufgrund der extremen Kälte nicht rentabel ist. So ist die wichtigste wirtschaftliche Tätigkeit die Alpakazucht. Sie wird jedoch von Jahr zu Jahr unrentabler, insbesondere wegen der Dürren und Fröste, die die Wasserversorgung und natürlichen Weiden für ihre Tiere einschränken.

Werden gerne verwechselt: Alpaka mit der flauschigen Wolle links; rechts ein Lama, das vor allem als Lasttier gefragt ist ©Hildegard Willer

Im Mai 2022 mussten die Familien in den Hochandengebieten von Cusco ungewöhnliche Temperaturen ertragen: Die Thermometer zeigten unter Null, obwohl die Frostsaison normalerweise erst im Juni und Juli beginnt. Dieses Jahr wiederholte sich die Situation. In mehr als 4.000 Metern Höhe wachen die Tiere mit schnee- und frostbedecktem Fell auf, weil es keine schützenden Unterstände gibt.

In Ocongate, einem der ärmsten Bezirke der Region, sterben viele Kälber vor der Geburt oder innerhalb weniger Wochen nach der Geburt an Krankheiten wie Lungenentzündung. Auch einige erwachsene Tiere sterben an Fieber, Infektionen oder Hunger, da das Gras, von dem sie sich ernähren, gefroren ist.

Die Alpakaschur erfolgt im Oktober und November, bevor die Regenzeit einsetzt, damit die Tiere frisches Gras haben, um ihre Energie wieder aufzutanken. Im Jahr 2022 regnete es jedoch nicht und es gab nicht genug Wasser für die Weiden.

Die Alpaqueros erklären, dass sie aufgrund des fehlenden Regens gezwungen waren, die Schur auszusetzen, damit insbesondere die trächtigen Tiere nicht wegen Hitzestress und Hunger leiden oder sogar sterben. In Zeiten der Dürre treiben die Züchter ihre Herden normalerweise auf der Suche nach frischem Weideland auf andere Flächen im Gemeindegebiet, aber die Trockenheit war so extrem, dass es nirgends Reserven gab. Die Wetterphänomene des Küsten-Niño und Globalen Niño könnten in den kommenden Monaten den Niederschlagsmangel im südöstlichen Hochland noch verschlimmern.

“Die Futtermittelproduktion ist nicht mehr ausreichend. Der Klimawandel führt zu einem Rückgang der Weideflächen, aber gleichzeitig wollen die Familien mehr Alpakas züchten, um ihr Einkommen zu erhöhen. Hinzu kommt eine geringere Wasserverfügbarkeit, da die Feuchtgebiete austrocknen. Ohne Regen und Gletscher werden diese Ökosysteme, die für die Ernährung der Alpakas wichtig sind, verschwinden”, erklärt Delmy Poma, Präsidentin von DESCO (Centro de Estudios y Promoción del Desarrollo).

Alpakaherde in Zuchtstation von DESCO im Colca-Tal ©Hildegard Willer

Im Januar dieses Jahres führte die Regierung einen staatlichen Zuschuss ein, um die von der Dürre und dem Frost betroffenen Züchter*innen zu unterstützen. Sie erhielten 266 Soles (66 Euro) pro Alpaka für maximal 12 Tiere. Für die Dorfbewohner*innen ist dieser Betrag lächerlich, wenn man bedenkt, dass ein genetisch hochwertiges Alpaka mit feien Fasern  20.000 Soles (knapp 5.000 Euro) kostet.

Die Auswirkungen der Klimakrise

Von der Alpakazucht allein können die Familien nicht leben. Die Männer suchen sich parallel Jobs in städtischen oder touristischen Gebieten, während die Frauen sich der Pflege und dem Weiden der Tiere widmen. Sie wandern mit dem Vieh durch die Berge und stricken die Alpakahandschuhe und -mützen, um sie auf den Märkten von Cusco zu verkaufen.

Immer weniger junge Leute  werden heute Alpaqueros oder Weber. Die meisten wandern in die Städte ab, sobald sie die Schule beendet haben, in der Hoffnung, dort neue Arbeitsmöglichkeiten zu finden. Der Beruf des Alpaquero ist erst ab einer Herde von 200 Tieren rentabel. Allerdings stammen 85 % der landesweit vermarkteten und exportierten Fasern von Erzeuger*innen, die nur zwischen 20 und 100 Alpakas besitzen.

Diese Familien kümmern sich intensiv um ihre Tiere, aber nur wenige haben Zugang zu Schulungen, um ihre Fütterungs-, Zucht-, Schur- und Kategorisierungstechniken zu verbessern, was zur Steigerung der Qualität und Quantität der Fasern beitragen könnte.

Nach Angaben der Spinnerinnen von Chinchero reicht die feinste Wolle eines Alpakas nur für zwei Pullover oder einen Mantel pro Jahr. Diese Wolle – früher als Baby-Alpaka bekannt – wird für den Exportmarkt verwendet. Der Rest der geschorenen Fasern wird mit anderen Textilien gemischt und dient für Teppiche, Plüschtiere und andere Zwecke.

Auch die Klimakrise verändert die Alpakawolle. Die Tiere verbrauchen in Frost- oder Dürreperioden ihre Energie für das pure Überleben. Deshalb wächst die Wolle langsamer und variiert in der Dicke, was ihren Marktwert verringert.

Das Landwirtschaftsministerium initiierte 2022 ein Projekt mit Schulungskampagnen zur Qualitätsverbesserung. Außerdem gibt es seit Jahren einen Frost- und Kälteplan, um die Alpaqueros mit Medikamenten, Ställen und Weideflächen für ihre Tiere zu unterstützen. Allerdings erreichen diese Maßnahmen längst nicht alle Züchter*innen. Bis 2023 sollten 2.571 Ställe in den höher gelegenen Alpakagebieten bereitgestellt werden, doch bisher wurden nur 20 % davon geliefert, obwohl die Fröste bereits im Hochland angekommen sind.

Die Beherrscher des lokalen Marktes: Michell und Incatops

Die Wertschöpfungskette im Alpakageschäft reicht von der Zucht der Tiere bis zum Export von Wolle oder Textilien. Dazwischen stehen die Sammler und Zwischenhändler, die die Wolle von den Kleinerzeuger*innen kaufen, weil diese nicht die strukturellen Voraussetzungen (Firmennamen, Rechnungsstellung etc.) haben, um sie direkt an die Unternehmen zu verkaufen. Die Endabnehmer sind Unternehmen, die die Wolle verarbeiten. Marktführer sind die Gruppen Michell und Inca. Die beiden peruanischen Konzerne haben zwischen 2018 und 2022 56 % der Exporte von Alpakaprodukten in Peru abgewickelt. Sie verkauften 20.438 Tonnen im Wert von 470 Mio. Euro, Transport-, Versicherungs- und Frachtkosten nicht eingerechnet. Die wichtigsten Zielländer waren China, Italien und Norwegen.

Im Jahr 2021 verzeichnete die Michell-Gruppe einen Nettoumsatz von 458,6 Mio. Soles (rund 114 Mio. Euro) im In- und Ausland. Allein mit dem Export von Alpakaprodukten erzielte Michell einen Umsatz von 86 Mio. Euro, hauptsächlich aus Verkäufen in die Vereinigten Staaten.

Im Gegensatz zu Michell hat die Inca-Gruppe mehrere Geschäftszweige, darunter Immobilien, Finanzen, Dienstleistungen und Software. Ihr Aushängeschild ist jedoch der Textilsektor, und zwar über die Inca Tops S.A., die neben dem Textilhändler Amano auch das Genforschungsunternehmen Pacomarca verwaltet, sowie die Firma Incalpaca TPX S.A. und ihre Marken Kuna, Andean, Incalpaca und Ikual. Im Jahr 2021 erzielte allein Inca Tops S.A. einen Umsatz von 48 Mio. Euro, hauptsächlich in China.

Beide Unternehmensgruppen haben ihr Imperium auf einer Luxusfaser aufgebaut, die ihren Wert in der Verarbeitungs- und Vermarktungsphase vervielfacht. Selbst wenn das Kleidungsstück kein Designerlabel trägt, ist der Endpreis im Verhältnis zu den Rohstoffkosten extrem hoch: In Spezialgeschäften in Lima kann ein Pullover aus der feinsten Wolle 180 Euro kosten, ein Mantel 490 Euro.

Verglichen damit ist der Gewinn einer Familie, die 100 Alpakas züchtet, minimal. Im günstigsten Fall liegt er bei 1.800 Euro im Jahr. In einem Jahr produzieren ihre Tiere 230 Kilo Wolle, die für 6.600 Euro verkauft werden können, wenn sie von guter Qualität sind. Während die Alpaqueros also acht Euro (31,3 Soles) pro Kilo Wolle erhalten, wird die gleiche Menge an verarbeitetem Garn für mindestens 30 Euro exportiert.

Wenn die Regionalgruppen des Nationalverbandes der Alpaka- und Lamazüchter (SPAR) besser zusammenarbeiten würden, hätten sie eine deutlich bessere Verhandlungsposition gegenüber den Unternehmen, meint Vicente Huaman, SPAR-Präsident von Ocongate. Um das Monopol von Incatops und Michell zu brechen, müssten die Alpaqueros sich deutlich stärker organisieren und die Wolle selbst industriell in großem Stil verarbeiten und vermarkten.

Bisher jedoch machen die Unternehmen, die die Luxus-Lieferkette beherrschen, weiter ihre Geschäfte. Denn es ist ihnen gelungen, das Angebot an Alpakawolle an sich zu binden. Währenddessen erleben die 600 Alpaqueros in Ocongate eine weitere Saison mit großer Trockenheit, die viele ihrer Tiere nicht überleben werden, was die Lebenssituation der Familien noch prekärer machen wird.

Elizabeth Salazar Vega und Alessandro Cinque in OjoPúblico

Gekürzt und übersetzt von Annette Brox