Parlament will Bildungsreform kippen

Studierende fordern Qualität an den Universitäten und Sexualkunde an den Schulen

In Seitengesprächen wurde bei unserem Jahresseminar der Informationsstelle Peru e.V. in Köln auch über die Situation der Studienmöglichkeiten in Peru gesprochen. Hiesige Studierende haben es im Rahmen von Auslandssemestern mit den bekannten Universitäten „Pontificia Universidad Católica“ und “Universidad Nacional Mayor San Marcos” in Lima  zu tun.

Die meisten peruanischen Studierenden sind an anderen mehr oder weniger bekannten staatlichen oder privaten Universitäten, mit unterschiedlichen, meist sehr hohen Studiengebühren eingeschrieben. Damit die Qualität bei privaten Universitäten halbwegs gesichert ist – und die Privatuniversitäten nicht nur dem Geldbeutel des Besitzers dienen -, gibt es eine unabhängige Aufsichtsbehörde, die SUNEDU. Diese hatte seit 2015 eine Universitätsreform begonnen. Alle Universitäten mussten demnach bestimmte Kriterien erfüllen, um die staatliche Erlaubnis zu bekommen. Nun sollen Vertreter*innen der Universitäten in die Behörde aufgenommen werden – und damit sich selber die Lizenzen vergeben können. SUNEDU soll damit, wenn es nach der Mehrheit des peruanischen Parlaments geht, in seinen Kontrollmöglichkeiten eingeschränkt werden, zugunsten von sog. „Bamba-Universitäten“, frei übersetzt „Schrott-Unis“. Professor Eland Vera von der Universidad Nacional del Altiplano in Puno sieht in den schlechten Universitäten ein großes Problem. Sie vergeben „Diplome“, ohne dass die Studierenden eine entsprechende Ausbildung bekommen haben. Aber mit diesem Diplom kommen sie leichter an wichtige Posten in Verwaltung oder Gesellschaft und agieren dort ohne wirkliche Qualifikation.

Aufschrei einer Studierenden

Im Nachgang zum Peru-Seminar habe ich bei einigen Personen in Peru nachgefragt und von einer Studentin eine längere Mail bekommen, aus der ich einige Stellen übersetze:

„… Wir haben am 13. Mai für die Beibehaltung der Qualitätskontrolle für die Universitäten und für eine integrale Sexualkunde an den Schulen protestiert. Das muss erklärt werden. Die entsprechenden Gesetzentwürfe gegen die Qualitätsstandards kamen von den rechten Parteien im Parlament, aber auch von der Partei vom ultralinken Marxisten (wie er sich nennt) Vladimir Cerron.

Ein Beispiel dafür, wie die privaten Universitäten tricksen, ist die TELESUP (Lima). Ihr Gebäude ist ebenerdig. Um groß zu erscheinen, wurde eine Fassade vorgebaut, um vorzugeben, dass sie sieben Stockwerke hoch ist. So was ist symptomatisch… Damit ihr eine Ahnung davon habt, welche Typen, also welche Politiker bei uns, auch im Bildungsbereich, bestimmend sind, hierzu einige Informationen … Ich kann es nicht ändern, aber maßgeblichen Einfluss hat ein evangelikaler Ex-Pastor. Er heißt Esdraz Medina, war ein ultrareaktionärer evangelikaler Pastor in der südperuanischen Stadt Arequipa. Er ist sehr aktiv in der radikalen religiösen Bewegung „con mis hijos no te metes“, die vehement gegen jegliche Form einer Sexualerziehung im Sinne eines genderbezogenen Ansatzes kämpft, mit Argumenten, dass dadurch die Jungen zur ´Homosexualität erzogen werden´ und die Schülerinnen sehr früh Sex haben würden… Diese Gruppen wollen bestimmen, was in den Schulbüchern stehen soll, gemäß ihrer Vorstellung: Es gibt Mann und es gibt Frau und der Mann hat das Sagen. Medina versteht sich als Verteidiger der Familie, wurde aber von seiner Frau und Tochter  wegen massiver häuslicher Gewalt angezeigt. Außerdem soll er  im Jahr 2021 ein Haus in Arequipa angezündet haben, in dem sich eine Person befand, nachdem er den Rechtsstreit dazu verloren hatte… Und, passend zu seiner Funktion als PRÄSIDENT DER BILDUNGSKOMMISSION IM PERUANISCHEN PARLAMENT…und Abgeordneter in der Partei des faschistoiden Rafael López Allaga (Renovación Popular), wurde bekannt, dass er seine Masterarbeit (2020) gefälscht hat, indem er eine vorhandene Studie, inklusive der darin befindlichen Fotos, einfach kopierte. Thema: Auditoria a la Institución Educativa Victor A. Belaunde in Arequipa. Ok, die Kapitelüberschriften hat er dann selbständig geändert. Dafür bekam er seinen Master an der privaten Universität Nestor Cáceres Valeaquez, Arequipa. Gegen diese läuft ein Verfahren zur Aberkennung als Universität, weil sie keine akademischen Standards vorweist. Weil Medina seinen Mastertitel noch nicht offiziell bekommen hat, würde er ihn im Falle der Aberkennung seiner Universität auch nicht führen dürfen. So ist verständlich, dass er sich stark dafür einsetzt, dass Vertreter der „Bamba-Unis“ in den Aufsichtsrat kommen…“

(Übersetzt und teilweise kommentiert von Heinz Schulze)

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