Editorial InfoPeru 90

Liebe Leserin, lieber Leser des InfoPeru,

vor 22 Jahren startete in Peru der Versuch, einen Teil der peruanischen Geschichte aus der Sicht der Opfer zu schreiben, aus der Sicht der Ärmsten und Ausgeschlossenen der Gesellschaft. Von 1980 bis 2000 hatte in Peru ein Bürgerkrieg zwischen der maoistischen Terrororganisation „Leuchtender Pfad“ und den peruanischen Streitkräften getobt. Für die Stadtbevölkerung in Lima bedeutete er vor allem Stromausfälle, Ausgangssperren, Razzien nach echten oder vermeintlichen Terroristen an staatlichen Universitäten und ganz zum Schluss auch Tote bei einem Bombenanschlag im Reichenviertel Miraflores.

Für die Menschen auf dem Land, vor allem im Süden Perus, bedeutete der Krieg Tod, Verschleppung, Folter, willkürliche Verhaftungen, Vergewaltigungen und erzwungene Flucht. Die Menschen mussten ebenso vor den Terroristen des Leuchtenden Pfades wie vor Militär und Polizei zittern.

Diese Geschichte, von der jeweiligen Regierung in der Hauptstadt tunlichst verschwiegen, verzerrt oder zum Schluss von Fujimori als seine Erfolgsgeschichte gegen den Terrorismus erzählt, sollte von einer staatlich eingesetzten, plural besetzten Historiker- oder Wahrheitskommission aufgearbeitet werden. Die Kommission führte dazu unzählige Anhörungen durch, viele von ihnen öffentlich. Wälzte Quellen, zitierte Politiker. Am Ende standen 9 Bände, die eine neue Sicht nicht nur auf die untersuchten 20 Jahre, sondern auf das Peru seit der Unabhängigkeit von Spanien werfen sollten.

Vor 20 Jahren wurde dieses Geschichtswerk übergeben.  Es war eine große Chance und ein Hoffnungszeichen, dass nicht nur den Opfern Gerechtigkeit widerfahre, sondern dass Peru als Nation Grundübel wie Rassismus und Ungleichheit angehen möge.

Hat Peru diese Chance genutzt, zumindest ein wenig?

Die jüngsten Auseinandersetzungen Ende 2022/Anfang 2023 im Gefolge der Absetzung von Pedro Castillo; die inzwischen 50 von Polizei und Militär getöteten Menschen, ohne dass die Mörder belangt worden sind; die rassistischen Bemerkungen über die Quechua- und Aymara – Mitbürgerinnen und -bürger, die auf einmal wieder recht unverhohlen zu hören waren; die Angst der städtischen Mittel- und Oberschicht, dass diese Mitbürgerinnen nun auch in ihre Viertel einziehen und sich für jahrhundertelange Unterdrückung durch die Weißen rächen würden. All dies lässt mich daran zweifeln, dass wir in Peru aus dem Bericht der Wahrheitskommission etwas gelernt haben.

Die Todesopfer der jüngsten Proteste ähneln sich aufs Haar dem Profil der Opfer des Bürgerkrieges: indigen, männlich, vom Land.

Und dennoch ist eines anders: die Angehörigen der Opfer kommen heute nicht mehr auf der Flucht vor Leuchtendem Pfad, Polizei und Militär in die Hauptstadt, sondern als Mitbürgerinnen und Mitbürger, die auf ihrer politischen Stimme und ihren Rechten pochen. Nur hat die jetzige peruanische Regierung – und mit ihr viele Hauptstädter der Mittel – und Oberschicht – diesen fundamentalen Unterschied nicht gemerkt und reagiert immer noch mit den jahrhundertelang eingeübten Floskeln, wenn Quechua und Aymara einen Aufstand wagten: sie würden sich gegenseitig erschießen oder seien aus dem Ausland gesteuert und Terroristen seien sie sowieso.

Auch neun Bände können ein Land nicht einfach ändern. Aber der Bericht der Wahrheitskommission ist heute aktueller denn je.

Vor 20 Jahren hat die Infostelle Peru die Arbeit der Wahrheitskommission mit Artikeln und Aktionen in der deutschen Öffentlichkeit unterstützt. Zusammen mit Misereor hat sie eine gekürzte deutsche Fassung des Berichts herausgebracht. Heute ziehen wir ein Fazit nach 20 Jahren mit mehreren Beiträgen in der Ausgabe dieses InfoPeru.

Hildegard Willer

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