Die „Cordillera Blanca“, die weisse Kordillere am Rande des Städtchens Huaraz, wird bald nicht mehr weiss sein: die schneebedeckten Gletscher in einem  der beliebtesten Tourismusgebiete Perus verlieren rasant an Gletscherfläche. Das Abschmelzen der Gletscher ist die bereits jetzt sehr sichtbare Folge der weltweiten Erderwärmung. Sehr viel schwieriger zu sagen ist, welche Auswirkungen die Gletscherschmelze auf die dort lebenden Menschen haben wird. Fabian Drenkhan von der geowissenschaftlichen Fakultät der Katholischen Universität in Lima informiert im Nachfolgenden sachkundig, wie sich das Schmelzen der Gletscher auf den Wasserhaushalt in der Cordillera Blanca auswirken  kann (HW)

 Während der jüngst publizierte AR5-Bericht des Zwischenstaatlichen Ausschusses für Klimawandel (IPCC) viele der bereits vorher getroffenen Aussagen und Tendenzen zur Erderwärmung und zum Meeresspiegelanstieg bestätigt, sogar intensiviert sieht, beginnen in Lima, Peru, die Vorbereitungen auf die UN-Klimakonferenz COP20. Nachdem die letzte COP im November 2013 in Warschau ohne nennenswerte Ergebnisse und zum ersten Mal mit vorzeitigem Verlassen der großen Umweltverbände zu Ende gegangen ist,[1] liegen hohe Erwartungen auf dem nächsten Treffen vom 01.-12.12.2014. Unter anderem soll es die Vorbereitungen für das Post-Kyoto-Protokoll während der COP21 2015 in Paris zementieren.

 Peru, das bisher als aufstrebendes Schwellenland die meisten Treibhausgase durch Entwaldungs- statt Industrieprozesse freisetzt,  hat ein großes Interesse, als Gastgeber bei den nächsten Klimaverhandlungen aktiv beteiligt zu sein. Dies begründet sich nicht nur mit einer möglichen Profilierung in internationalen Diplomatie-Verhandlungen. Seit Jahren beobachtet und spürt die Bevölkerung konkrete Auswirkungen der sich ändernden klimatischen Bedingungen.

Zwischen 1939 und 2006 haben sich die tropischen Anden durchschnittlich um nahezu 0,7°C, also um rund 0,1°C pro Dekade, erwärmt.[2] Diese Entwicklung hinterlässt ihre Spuren. Die in den Zentralanden agierende und der Staatlichen Wasserbehörde (ANA) unterstellte Glaziologie-Behörde (UGRH) mit Sitz in Huaraz, Peru, hat für die 19 Kordilleren Perus einen Gletscherflächenschwund von durchschnittlich 39% zwischen 1970 und 2010 gemessen.[3] Huaraz ist die Hauptstadt der Region Ancash im Zentrum Perus und grenzt an die Weiße Kordillere (Cordillera Blanca), die das größte tropische Gletschervorkommen weltweit beherbergt. Zwischen 1970 und 2003 ist diese von ursprünglich 723 km² auf nur noch 528 km² Gletscherfläche zusammengeschrumpft[4] – was ernsthafte Auswirkungen für die dort und sogar an der Pazifikküste lebenden Menschen beinhaltet.

 Ungleich verteilte Wasserressourcen

Die Wasserressourcen Perus sind auf natürliche Weise nur sehr ungleich verteilt: Während ein kleiner Teil der Bevölkerung das in Richtung des Amazonas und Atlantiks in Masse fließende Wasser nutzen kann, verfügen 65% der Bevölkerung an der trockenen pazifischen Küstenwüste nur über rund 1,8% des gesamten nationalen Wasservorkommens.[5]

Neben einem kulturellen Wert für die von der Quechua-Kultur abstammende Bevölkerung haben die Gletscher in Peru und der Cordillera Blanca durch die Geschichte hindurch immer auch einen direkten Bezug zum Lebensunterhalt einerseits und Gefahrenpotenzial für Naturkatastrophen[6] andererseits dargestellt.[7]

Mittels eines das ganze Jahr über relativ konstanten Wasserabflusses stellen die Gletscher und ihnen vorgeschaltete hochandine Seen eine Ausgleichsfunktion in der für die äußeren Tropen und den größten Teil des Landes typischen Trockenzeit zwischen Mai und September dar. Ein Abschmelzen bedeutet zugleich eine Reduktion der notwendigen gespeicherten Wasserreservoirs. Davon sind wiederum die mit 59% am Gesamtstrommarkt Perus beteiligte Wasserkraft und die zunehmend bewässerungsintensive Export-Landwirtschaft abhängig. Die Bevölkerung und ihr  (Wasser)Konsum wachsen zunehmend in Ancash, aufgrund des veränderten Lebensstils.

 Wasserkraftwerke und Bewässerungsprojekte gefährdet

Der zwischen der Cordillera Blanca und Negra fließende Santa-Fluss ist Hauptakteur in dem beschriebenen Mosaik aus Wasserabgabe und -entnahme. Die größte Wasserkraftanlage in Ancash, die am mittleren Santa-Einzugsgebiet installierte Station Cañon del Pato, leistet 5% der gesamten Stromproduktion Perus. In einer 2007 veröffentlichten Studie der Weltbank kommen Walter Vergara  und Kollegen zu dem Ergebnis, dass eine Reduktion des Gletschervolumens um 50% (100%) im für diese Anlage entsprechenden Teil des Santa-Einzugsgebiets zu Mehrkosten von bis zu 71,5 (144) Mio. USD als Folge einer erzwungenen Energierationierung aufgrund ungenügender Stromausbeute führen könnte.[8]

Für die Wirtschaft Perus wegweisende Landwirtschafts-Vorhaben liegen an der in den Pazifik mündenden Santa zwischen den Städten Chimbote und Trujillo: das ChaViMoChic und Chinecas-Projekt.[9] Ersteres umfasst alleine rund 74000 ha Landwirtschaftsfläche und bietet in der generell strukturschwachen Region 60000 Jobs.[10]

 Peak Water bereits erreicht

In der allgemeinen Fachliteratur wird immer noch die These vertreten, dass das Abschmelzen der Gletscher in den nächsten Jahren zu einem Mehrangebot an Wasserabfluss und schließlich sukzessiven Rückgang hin zu einem langfristigen Abflussminimum führen wird.[11] In einer kürzlich veröffentlichten Studie  der McGill-Universität, Kanada, kommen Michel Baraer und Kollegen zu dem Schluss, dass der kritische Punkt, von wo ab das Wasserangebot langfristig deutlich weniger als in der Vergangenheit vorhanden ist, bereits überschritten sei.[12] Dies stellt in der Fachwelt eine absolute Neuerung dar und sollte umso mehr dazu anregen, die komplexen Beziehungen aus Wasserangebot und –nachfrage tiefgehender zu erforschen und neu zu überdenken.

Gletscher sind nur schwerfällig in ihrer Reaktionszeit: bereits vor vielen Jahren ausgestoßene Treibhausgase  werden  erst jetzt durch den aktuell beschleunigten Eisschwund widergespiegelt. In Ancash und anderen Regionen Perus werden daher die Auswirkungen des Klimawandels auch bei sofortiger Abschwächung der Erderwärmung noch viele Jahre zu spüren sein. Es ist deshalb unvermeidbar, die gigantischen Wasserkraft- und Landwirtschaftsprojekte in der Region zu überdenken und unter aktuellen Anpassungsgesichtspunkten neu auszurichten.

Auch wenn die Erwartungen nicht allzu hoch sind, sollte die COP20 im Dezember in Lima als Plattform dafür dienen, die wirklichen Sorgen und bereits veränderten Konditionen der vor allem marginalisierten Landbevölkerung fernab der Diplomatie in der Hauptstadt zu hören und die Konferenz mit Inhalten und Lösungsansätzen zu füllen.

Fabian Drenkhan (Lima, Peru)

e-mail: fdrenkhan@pucp.pe

 


[2] Vuille, M., Kaser, G. & I. Juen (2008): Glacier mass balance variability in the Cordillera Blanca, Peru and its relationship with climate and the large-scale circulation. Globald and Plöanetary change 62 (1-2), Elsevier.

[3] http://aplicaciones.ana.gob.pe/GlaciaresInteractivos/info/Informacion.pdf

[4] ebda.

[5] MINAM (2010): El Perú y el Cambio Climático. Segunda Comunicación Nacional del Perú a la Convención Marco de las Naciones Unidas sobre Cambio Climático 2010. – Peruanisches Umweltministerium, Fondo Editorial MINAM, Lima.

[6] Vgl. Arbeiten des Proyecto “Glaciares 513” http://proyectoglaciares.wix.com/boletinproyectoglaciares07

[7] Vgl. Mark Carey (2010): In the Shadow of Melting Glaciers: Climate Change and Andean Society. 288 S., Oxford University Press.

[8] Vergara, W., Deeb, A. M., Valencia, A. M., Bradley, R. S., Francou, B., Zarzar, A., Grünwaldt, A. & S. M. Haeussling (2007): Economic Impacts of Rapid Glacier Retreat in the Andes. EOS Tansactions, American Geophysical Union, Wiley.

[9] Offizielle Webseiten: http://www.chavimochic.gob.pe/ und http://www.pechinecas.gob.pe/website/

[10] Mark Carey, Mündl. Mitteilung 2014

[11] Vgl. Chevallier, P., Pouyaud, B., Suarez, W. & T. Condom (2011): Climate change threats to environment in the tropical Andes: glaciers and water resources. – Regional Environmental Change, 11, Springer.

[12] Baraer, M., McKenzie, J. M., Mark, B. G., Bury, J. & S. Knox (2009): Characterizing contributions of glacier melt and groundwater during the dry season in a poorly gauged catchment of the Cordillera Blanca (Peru). – Advances in Geosciences, 22, Copernicus Publications.

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