Indigenes Wissen liefert eine Strategie, um die Folgen des Klimawandels in den Anden abzufedern.

Wasser „säen“ und ernten – das ist angesichts der Wasserknappheit  die Hauptbeschäftigung der Bevölkerung in den Hochanden Perus geworden. In Arequipa und Cusco können sich die Wiesen durch den richtigen Umgang mit dem Regen auf die Folgen des Klimawandels einstellen.

Der Regen erreicht die Menschen an den Hängen der Hochanden nicht, die Flussquellen versiegen nach und nach, und die Flüsse haben immer weniger Wasser. Der Klimawandel beeinträchtigt den Wasserkreislauf in den Gebieten der Hochanden über 4000 Meter erheblich. Die Regenzeit beträgt nur noch drei Monate. Die neun Trockenmonate sind eine Herausforderung für die dort lebenden Menschen. Zwischen Dezember und März regnet es, die Berge und Wiesen sind saftig grün, die Böden feucht und die Seen dank der Niederschläge voller Nährstoffe. Lamas und Alpakas finden Nahrung. Doch zwischen Mai und August werden die Nachtfröste strenger. Es kann bis zu minus 28 Grad kalt werden. Die Wiesen werden gelb und trocken, bis November sind sie ganz grau. Nur die kräftigsten (und am wenigsten nahrhaften) Weiden widerstehen der Kälte.

In der Puna, auf einer Höhe zwischen 4000 und 4800 Meter, ist die Vegetation karg. Hier wachsen „ichu“ (ein Trockengras, das den Tieren als Nahrung dient), Kakteen und Bromelien. Die Bevölkerung lebt hauptsächlich von der Aufzucht von Alpakas. 

Das Ehepaar Flor Mamani und Tomás Caylla lebt in Chalhuanca, einem Dorf im Distrikt Yanque im Departement Arequipa. Auf 4300 Meter Höhe zeigen sie uns ihre Weiden, Tiere und die qocha, einen kleinen, selbstgebauten Staudamm, der ihr Leben verändert hat. Den beiden ist bewusst, dass ihr Leben vom Wasser abhängt. Deshalb sind sie stolz auf das, was sie mit großer eigener Anstrengung und Unterstützung der Nachbar*innen erreicht haben.

Ihre qocha ist Teil der „Aussaat und Ernte“ von Wasser: Ein Wasserreservoir fängt das Regenwasser auf und verhindert den Abfluss von großen Wassermengen, der zu Bodenerosion führt und den Boden weniger fruchtbar macht. So wird mehr Wasser gefiltert und damit das Grundwasser stetig aufgefüllt. Das trägt zum Erhalt der Moore und tieferliegenden Wasserquellen bei. Beides ist wichtig für die Landwirtschaft und die Ernährungssicherheit von Mensch und Tier.

Fernando Ucsa aus Huacapunco/Cusco Foto @AlbertoÑiquen

Fernando Ucsa, der frühere Vizepräsident von Huacapunco, eines Dorfs in der Provinz Paucartambo bei Cusco, ist ein begeisterter Befürworter der qochas und macht Werbung für ihre Bedeutung in Zeiten des Wassermangels. Seinen Unterhalt verdient er mit Viehzucht und dem Verkauf von Milch. Er zeigt uns eine der acht qochas, die er mit den Nachbar*innen gebaut hat und freut sich im Anblick des sprudelnden Wassers.

Huacapunco ist wie Chalhuanca ein Gebiet der Viehzucht. Die Wohnhäuser stehen auf 3.328 m Höhe, die Viehweiden reichen bis in die Höhen der Puna. Es ist ein kaltes Gebiet mit Temperaturen bis zu minus 16 Grad.

 

 

Traditionelle Wasserwirtschaft in den Anden

2018 hat Peru ein Klima-Rahmengesetz verabschiedet. Damit sollten Maßnahmen zur Schadensbegrenzung und Anpassung an die Klimaerwärmung und gleichzeitig die Verpflichtungen des Pariser Abkommens umgesetzt werden. Paragraph 3 legt fest, dass dies auf der Grundlage von traditionellem Wissen geschehen soll. Auf diese Weise greift das Gesetz „auf traditionelles Wissen der indigenen Bevölkerung zurück, schätzt es wert und nutzt es. Die Maßnahmen zur Schadensminderung und Anpassung an den Klimawandel berücksichtigen deren Vision einer Entwicklung in Harmonie mit der Natur. Sie orientieren sich an den Flussläufen, schützen den Wasserkreislauf und die Wassersysteme in den Tälern zum Pazifik und zum Atlantik sowie am Titicacasee nachhaltig. Dies geschieht durch Raumordnungsverfahren, die ihre besondere Anfälligkeit für die Folgen des Klimawandels berücksichtigen und das Recht auf Wasser garantieren.“

Inkaisches Wassersystem. Infographik@Ronald Ancajima

Berücksichtigt das Gesetz die traditionellen Gesellschaften? Ja, aber die Kenntnisse der Bevölkerung im Hochland datieren aus der Zeit vor der Ankunft der Spanier. Damals gab es keine Klimakrise, aber trotzdem Wassermangel. Die präinkaischen Gesellschaften hatten einen außergewöhnlich klugen Umgang mit den verschiedenen ökologischen Zonen. Es gibt Ausgrabungen von Wasserleitungssystemen, von denen Land- und Viehwirtschaft profitierten. Sie nutzten qochas und kleine Reservoirs, mit denen sie das Quellwasser auffingen und höchst effizient zur Bewässerung einsetzten.

Tatsächlich gehören  das „Säen und Ernten“ von Wasser heute zu den Maßnahmen der Klimaanpassung. Diese traditionelle Art des Wassermanagements, wie sie auch in Chalhuanca und Huacapunco angewandt wird, verbessert die Wasserversorgung in diesen Gebieten und trägt damit zu höherer Produktivität und einer besseren wirtschaftlichen Lage der kleinen Land- und Viehwirte bei. Zudem erhält sie die Ökosysteme in den hochandinen Flusstälern und ist Vorreiterin im Kampf gegen den Klimawandel.  „Wir haben das Schießpulver nicht erfunden. Das ist überliefertes Wissen unserer Vorfahren. Lange Zeit war es verloren gegangen, wahrscheinlich, weil wir keine Probleme mit der Wasserversorgung hatten“, sagt Fernando Ucsa, während er sich versichert, dass seine qocha in gutem Zustand ist.

In der andinen Weltanschauung werden das Wasser, die Erde und andere Naturelemente als lebendige Personen (kawsaqmi) wahrgenommen. In einigen Gemeinden wird das Wasser mit zeremoniellen Gesängen gerufen, umgeleitet und gespeichert.

Das Säen und Ernten von Wasser ist ein umgangssprachlicher Begriff, der erst seit den 1990er Jahren gebräuchlich ist. Zuerst reagierte die Bevölkerung in den Hochanden erstaunt, als sie davon hörte: „Wasser ernten, Wasser säen – was soll das denn sein? Das klang nicht logisch, was die Fachleute uns da erzählten. So habe ich mir überlegt, wie ich meine Nachbar*innen davon überzeugen könnte, dass ein Teil des Wassers, das es hier oben gibt, nach unten durchsickert, weit entfernt von unseren Feldern, und dass das anderen Menschen nützt. Jetzt sind alle ganz enthusiastisch, denn wir wollen ja alle Wasser haben“, erklärt Tomás.

Laut Fernando Ucsa hat der Wasservorrat dank der qochas um 10 bis 15% zugenommen.  „Ohne die qocha würde die Quelle bald versiegen, wir wären ohne Wasser und würden uns streiten, denn jeder würde sich um seine Versorgung kümmern.“

 „Wir bauen Dämme an den Ausgängen von natürlichen trockenen Senken oder kleinen Seen, die nur zeitweise Wasser haben. Damit wird der Wasserspiegel angehoben und so die Speicherung von Wasser deutlich verbessert“, sagt Joel Cayllahua, der frühere Präsident des Bewässerungskomitees von  Chalhuanca. „Das ist eine einfache und preiswerte Methode. Zum Bau benutzen wir Material aus der Region: Steine, champas (Erdklumpen mit Gras), tonhaltige Erde und Dung“, ergänzt Wilber Castillo, Sprecher der Gemeinde Huacapunco.

Der Nutzen zeigt sich schon nach kurzer Zeit – in einigen Fällen bereits nach sechs Monaten, meist nach einem Jahr oder etwas mehr. Und langfristig entwickeln sich diese temporären qochas in dauerhafte, auch wenn einige kaputt gehen. „Unser Land wird dank des Wassers grün. Wenn die Weiden besser sind, werden auch die Tiere stärker und widerstandsfähiger. Dann haben wir auch höhere Einkommen. Aber wir wollen, dass das nachhaltig ist, dass der Staat uns unterstützt“, sagt Fernando Ucsa.

Ingenieurs- und traditionelles Wissen Hand in Hand

In beiden Gebieten haben sich Nichtregierungsorganisationen an die ländlichen Gemeinden gewendet und suchen Synergieeffekte: Das traditionelle Wissen über den Umgang mit Wasser in Zusammenarbeit mit der modernen Ingenieurswissenschaft.

Auch die Vereinten Nationen und die peruanische Regierung erklären, dass sie das überlieferte andine Wissen für den Umgang mit der Ressource Wasser für sehr bedeutsam halten.  So stellt Umweltministerin Fabiola Muñoz fest, dass „traditionelle Formen des Säens und Erntens von Wasser wesentlich zur Effizienz und Nachhaltigkeit der Wasservorkommen und zur Anpassung an die Folgen des Klimawandels beitragen.“

Aber was erhalten die Bergbewohner*innen im Gegenzug für ihren sorgsamen Umgang mit dem Wasser? In Peru ist der Schutz der Wasserquellen eine staatliche Aufgabe. Laut Gesetz können die Wasserversorgungs-Unternehmen in ihren Tarifen einen Anteil für den Schutz der Wasserquellen berechnen. So können die Bürger*innen mit einem monatlichen Beitrag am Umweltschutz beteiligt werden. Von einem Geben und Nehmen  haben unsere Interviewpartner*innen allerdings noch wenig mitbekommen.

„Wir leben hier oben und hüten das Wasser. Unten, in Arequipa, wissen sie nicht, woher das Wasser kommt, das sie verbrauchen. Die Unternehmen, die unser Wasser nutzen, müssten uns bezahlen. Sie wachsen, während wir arm bleiben, obwohl wir ihr Wasser hüten. Das Geld müsste für neue Projekte zum Schutz des Wassers und unserer Alpakas verwendet werden“, fordert Joel Cayllahua.

 

Bäuerinnen und Bauen bei der Gemeinschaftsarbeit zum Bau eines künstlichen Wasserspeichers Foto@FlavioValer

Der Erfolg der qochas hat das Agrarministerium auf den Plan gerufen. Seit 2017 hat es neue Strategien entwickelt: den Bau von qochas und Bewässerungsgräben, Kampagnen zur Wiederaufforstung und zum Schutz des Weidelands, in Zusammenarbeit mit den lokalen und Regionalregierungen und mit den organisierten Gemeinden.

Im vergangenen Juli hat das Ministerium Investitionen in Höhe von 10,3 Mio. US-Dollar zum Bau von 360 qochas im Jahr 2019 angekündigt. Damit soll ein Stauvolumen von 5 Mio. m³ Wasser erreicht werden, mit denen  22 023 Hektar Land bewässert werden können. Davon würden ungefähr 5.000 Kleinbauern und ihre Familien profitieren. Die erste Etappe hat mit dem Bau von 160 qochas in den Regionen Ancash, Apurímac, Ayacucho, Cusco und Huancavelica begonnen. Bis 2021 sollen 1250 qochas dazu kommen.

Die Regierung hat sogar ein Gesetz erlassen, dass das Säen und Ernten von Wasser zum nationalen Interesse  erklärt und das traditionelle Wissen verbreiten will. „Endlich müssen die lokalen und regionalen Regierungen die Bedeutung unserer Aktivitäten für den Erhalt bzw. die Anhebung  des Grundwasserspiegels anerkennen. Hoffentlich planen sie auch entsprechende finanzielle Mittel ein“, meint der Ingenieur Flavio Valer, der als Berater von PACC Peru (Programa de Adaptación al Cambio Climático, Programm zur Anpassung an den Klimawandel) den Bau Hunderter von qochas in verschiedenen Regionen des Landes begleitet hat.

Yakuykiwan Kawsanchis (Dank deines Wassers leben wir) 

Die Zukunftsszenarien für die Hochanden sind kompliziert und kritisch. Nach den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen wird die Erdtemperatur steigen und die Regenhäufigkeit abnehmen. D.h. dass in diesen Regionen das Wasser knapp wird. Unsere Interviewpartner*innen in Arequipa und Cusco vertrauen darauf, dass der Bau von qochas zum Säen und Ernten von Wasser die Folgen einer Zukunft mit viel Trockenheit abmildern wird. Aber sie wollen nicht allein gelassen werden und fordern die Präsenz und Beteiligung des Staates und aller, die nicht in den Höhen der Anden leben, aber das oben gespeicherte Wasser nutzen.

Die Erfolge von Chalhuanca und Huacapunco haben auch andere Dörfer angesteckt, in Arequipa, Cusco und anderen Regionen. Deren Bewohner*innen wollen nun im Bau von qochas fortgebildet werden. Diese Motivation – und Notwendigkeit – muss Hand in Hand gehen mit dem Förderprogramm des Agrarministeriums. Dabei müssen auch die zivilgesellschaftlichen, in der technischen Zusammenarbeit tätigen Organisationen beteiligt sein.

Unser Fazit: Die Ernte von Wasser erfüllt die Erwartungen der Bäuerinnen und Bauern in Gebieten mit extremer Armut und saisonaler Wasserknappheit und schließt die Lücken in der Infrastruktur für eine bessere Wasserversorgung. Außerdem sichert sie die Nachhaltigkeit der Ressource Wasser und trägt zur Dynamisierung der lokalen Wirtschaft bei.

Zum Abschied nehmen wir die Worte von Fernando Ucsa mit: „Meine Vorfahren haben immer gesagt: ‚Im November sind schon immer die Tiere gestorben, das Jungvieh hat nicht überlebt und es gibt weder Wasser noch grüne Weiden.‘ Aber mit unserer Arbeit vertrauen wir jetzt darauf, dass wir gut durch den November kommen und keine Tiere verlieren werden. Wir haben gelernt und können unser Wissen an unsere Mitbürgerinnen und –bürger weitergeben.“

ALBERTO ÑIQUEN G.

zusammengefasst und übersetzt von Annette Brox

Die Originalreportage in spanischer Sprache ist erschienen auf https://redaccion.lamula.pe/2019/10/12/sembrando-agua-para-el-futuro/albertoniquen/

Die Reportage wurde zusammen mit CONNECTAS und mit Unterstützung der Konrad-Adenauer-Stiftung realisiert und gewann 2019 den Journalistenpreis des peruanischen Umweltministeriums.

 

 

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