Die Bevölkerung von Cerro de Pasco leidet unter der Verschmutzung durch den Bergbau. © Marco Garro

Der Foto-Alchemist und die rote Lagune

Der peruanische Fotograf Marco Garro hat ein bemerkenswertes Buch veröffentlicht, in dem er die tödlichen Auswirkungen des Bergbaus mit einer neuen Fototechnik visualisiert. 

Das kürzlich erschienene Buch Quiulacocha thematisiert ein altbekanntes Problem auf ganz neue Weise. Es ist weder Sachbuch noch Fotoreportage – und irgendwie beides. Der Autor selbst bezeichnet es als „visuellen Essay“, der mit fotografischer Alchemie arbeitet, um die Auswirkungen des Bergbaus auf die Gesundheit der Einwohner*innen von Cerro de Pasco aufzuzeigen (siehe Kasten).

Tatsächlich ist Garros Methode sehr außergewöhnlich: Er verwendete Wasserproben der stark kontaminierten Quiulacocha-Lagune, um die Fotos zu entwickeln, die er von der Umgebung und der betroffenen Bevölkerung gemacht hat. Mit dem Resultat, dass die giftige Flüssigkeit Spuren auf den Aufnahmen hinterlässt, die anschaulich machen, wie die Verschmutzung das Leben in Cerro de Pasco prägt (siehe Foto-Galerie am Ende des Artikels). „Ich wollte die ätzenden Auswirkungen des Bergbaus auf die Gesundheit und auf die Umwelt zeigen, die wir lieber nicht sehen wollen“, sagt Garro, ein peruanischer Fotograf, der sich schon seit Jahren mit den gravierenden Konsequenzen des Bergbaus befasst. Seine Fotos stehen auch symbolisch für den Zerfall des menschlichen Körpers beim Kontakt mit den Schwermetallen, die bei der Bevölkerung von Cerro de Pasco in hoher Konzentration nachgewiesen werden konnten.

Im Interview mit der Infostelle Peru spricht Garro über seine Liebe zur Chemie, den Entstehungsprozess von Quiulacocha und die Notwendigkeit, die Auswirkungen des Bergbaus zu dokumentieren.

Infostelle Peru: Dein Buch ist das Resultat einer langjährigen Auseinandersetzung mit Cerro de Pasco. Wie kamst du zum ersten Mal mit dem Thema in Berührung?

Marco Garro: Zum ersten Mal kam ich im Jahr 2006 nach Cerro de Pasco, als ich mitkriegte, dass die betroffene Bevölkerung die Resultate ihrer Blutproben bekam, und diese besorgniserregend waren. Vorher hatte ich noch nie etwas von diesem Ort und der ganzen Problematik gehört. Obwohl sich Cerro de Pasco so nah von Lima befindet, war das alles nicht einmal im journalistischen Umfeld bekannt. Über diese Themen wurde damals kaum berichtet, da es noch praktisch keine alternativen Medien gab.

Nach meinem ersten Besuch in Cerro de Pasco ließ mich das Thema nicht mehr los, und ich kehrte immer wieder zurück, lernte die betroffenen Familien kennen und machte eine Menge Fotos, auch wenn ich nicht wusste, wie ich sie an die breite Öffentlichkeit bringen konnte. Denn mir war klar: Es ist extrem wichtig zu dokumentieren, was dort passiert.

Wie entstand die Idee, das Thema mit dieser speziellen Methode anzugehen?

Die klassischen Formate befriedigten mich nicht: Entweder, du machst eine journalistische Fotoreportage, oder ein künstlerisches Projekt, wo mehr über die Form der Fotos als über den Inhalt geredet wird – oder eine wissenschaftliche Publikation für den akademischen Kontext. Doch ich wollte alles gleichzeitig, und brach damit wohl einige Grundregeln der Fotografie. Tatsächlich habe ich auch einige Daten eingebaut, zum Beispiel zu den Auswirkungen der Schwermetall-Vergiftungen und den Blutwerten der Bevölkerung. Doch nur auf diese Weise konnte ich hoffen, dass die Publikation einem breiteren Publikum zugänglich wird.

Auf die Idee, die Substanzen aus der kontaminierten Lagune zu benutzen, kam ich unter anderem, weil das Wasser dort genau so übel riecht wie die Chemikalien, die wir beim Entwickeln von Fotos verwenden. Und weil die Chemie mich schon immer fasziniert hat. Meine Mutter war Chemikerin und ich experimentierte schon als Kind in diesem Bereich.

Publikationen über Bergbau bewegen sich ja immer in einem heiklen politischen Kontext, und viele Autoren haben deshalb Probleme bekommen. Gab es negative Reaktionen auf dein Buch?

Nein, bisher nicht. Ich glaube, dass ich mich auch diesbezüglich in einem Graubereich bewege. Ich bin kein politischer Aktivist, zumindest nicht im strikten Sinn. Und doch mache ich keine trockenen Dokumentationen, die mich persönlich nicht berühren würden. Auch etwas, was im Journalismus immer als No-Go behandelt wird: Man muss angeblich immer Abstand behalten und neutral bleiben. Ein bisschen abwegig für mich, schließlich sind wir auch Menschen. Und was in Cerro de Pasco vor sich geht, ist wirklich katastrophal. Trotzdem habe ich darauf geachtet, dass das Buch einen dokumentarischen Charakter hat und nicht eine Art persönlichen Kommentar darstellt.

Wenn man diese Missstände dokumentiert, sagen die Betroffenen ja oft, dass sie seit Jahren Interviews zu diesen Themen geben und sich doch nie etwas ändert. Hast du das auch gehört?

Ja, auf jeden Fall. Ist ja auch logisch, denn die Menschen sind krank und ihre Kinder sterben, wie damals die 12-jährige Esmeralda, deren Familie ich auch gut kenne. Und allen ist klar: Die einzige Lösung wäre, aus Cerro de Pasco wegzuziehen. Denn die Metallbelastung kann nicht vermieden oder geheilt werden. Das heißt: Alle Maßnahmen sind rein palliativ. Und die vom Bergbau-Unternehmen sagen, ihre Aktivitäten hätten nichts mit der Kontaminierung zu tun, es sei halt eine natürlich mineralisierte Zone. Ich habe sogar gehört, wie die Familien dazu angewiesen wurden, darauf zu achten, dass ihre Kinder nichts vom Boden essen, damit sie nicht krank würden. Ich meine, was soll das? Durch die Negierung des Problems kommen wir bestimmt zu keiner Lösung.


Marco Garro: «Quiulacocha». 114 Seiten, Spanisch-Englisch.
ISBN: 978-612-48489-2-6
Mehr Infos: https://marcogarro.com/product/quiulacocha/
Beste
llungen über


HINTERGRUND: Bergbau in Cerro de Pasco

Das offene Bergwerk in Cerro de Pasco gibt es seit 1956. Früher wurde es von einer peruanischen Gesellschaft betrieben, heute gehört die Konzession dem Unternehmen Volcan, dessen Hauptanteilseignerin bis vor kurzem der Schweizer Konzern Glencore war. Am 6. Mai dieses Jahres gab Glencore bekannt, seine Beteiligungen an Transition Metals AG zu verkaufen, eine Tochtergesellschaft von Integra Capital, einem Unternehmen mit Sitz in Argentinien.

Der Krater, der sich mitten in der Stadt befindet, ist rund zwei Kilometer lang, einen Kilometer breit und 800 Meter tief. Aufgrund der Giftstoffe, die bei der Förderung der Metalle (in erster Linie Kupfer und Zink) verwendet werden, sind die umliegenden Böden und Gewässer stark kontaminiert, vor allem die Quiulacocha-Lagune, die intensiv rotgelb verfärbt ist. Wissenschaftler betonen, dass es sich eigentlich nicht mehr um eine Lagune handelt, sondern nur noch um ein Auffangbecken der Giftstoffe aus dem Bergwerk.

Die Schwermetallbelastung hat gravierende Auswirkungen auf die Bevölkerung: Viele klagen über Kopfschmerzen, Übelkeit, Herzprobleme und Atembeschwerden. Tatsächlich sammeln sich Schwermetalle wie Blei, Quecksilber oder Arsen in den Organen an und können zu tödlichen Krankheiten wie Krebs führen.


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