Cristofer Rivera aus Lima zieht ein Fazit seines Freiwilligendienstes in Freiburg.

 

Cristofer Rivera Valenzuela war als Freiwilliger des VAMOS!-Programms eineinhalb Jahre lang in Freiburg. Für das InfoPeru erzählt er von seinen Erfahrungen während des Freiwilligendienstes in Pandemie-Bedingungen und davon, wie es ihm nach seiner Rückkehr nach Peru geht.

 

Christofer, kannst du dich unseren Leser*innen kurz vorstellen?

Mein Name ist Cristofer Rivera. Ich bin 29 Jahre alt und wurde in Cerro de Pasco, der höchstgelegenen Stadt der Welt, geboren. Ich habe Betriebswirtschaftslehre (BWL) studiert und anschließend am Nationalen Institut für Statistik und Informatik gearbeitet. Ab August 2019 habe ich ein Freiwilliges Soziales Jahr in Freiburg im Breisgau absolviert. Seit Februar bin ich wieder in Lima.

 

Was hast du vorher in Peru gemacht und wo hast du in Deutschland gearbeitet? Wie war es, während der Pandemie im Homeoffice zu arbeiten?

In Peru habe ich die Freiwilligenarbeit der Diözese im Süden von Lima unterstützt: Wir haben in Schulen kulturelle Aktivitäten durchgeführt. In Freiburg habe ich etwas Ähnliches gemacht und in der Jugendarbeit mitgeholfen. Auch hier habe ich verschiedene Veranstaltungen für junge Leute mitorganisiert, wie z.B. Seminare über Klimaschutz, Arbeitsbedingungen und soziale Probleme. Mein Arbeitsplatz war in der Abteilung Jugendpastoral beim Seelsorgeamt der Erzdiözese  Freiburg. Eine meiner Aufgaben war die Auswahl der jungen Menschen, die sich um einen Freiwilligendienst in Israel, Südafrika, Irland und Peru beworben haben.

Es hat mir wirklich gefallen, in der Jugendarbeit zu arbeiten. Da habe ich viele neue Kontakte geknüpft und auch engere Freunde gefunden. Diese Erfahrungen bedeuten mir viel und sind unersetzbar. Vor der Pandemie habe ich mit meinen Arbeitskollegen viele Veranstaltungen mit  Schülern und Studenten in verschiedenen Städten und Gemeinden durchgeführt. Dann hat plötzlich die Covid-19-Pandemie alles weltweit stillgelegt. Auch ich habe monatelang nur von zuhause aus gearbeitet. Am Anfang war das ziemlich kompliziert. Ich war  die ganze Zeit abgelenkt, da ich mein Zimmer bis zu diesem Moment nur als Entspannungs- und nicht als Arbeitsort betrachtet habe. Mit der Zeit habe ich mich aber daran gewöhnt. Ich hatte die ganze Zeit Videokonferenzen mit meinen Kollegen und es war manchmal schwierig für mich, alles zu verstehen. Meine Deutschkenntnisse waren nicht so gut und es gab ab und zu technische Probleme, dadurch habe ich mich verloren und fehl am Platz gefühlt.

 

Wie hast du die Pandemie in Deutschland erlebt und wie ging es deiner Familie in Peru in dieser Zeit?

Genau eine Woche, bevor der Lockdown in Deutschland begann, bin ich in ein Studierendenwohnheim umgezogen. Da ich die ganze Zeit zu Hause war, hatte ich die Möglichkeit, die Studenten schnell kennenzulernen und Freundschaften zu schließen. Wir haben viel Zeit miteinander verbracht,  internationale (z. B. peruanische, bulgarische, syrische, aber auch deutsche) Gerichte gekocht, Filme geschaut und Spiele gespielt. Zum Glück war die Pandemie deshalb nicht so schlimm für mich, es hat Spaß gemacht, zu Hause zu sein, und ich habe mich sicher gefühlt. Ich hatte Zeit, tolle Freundschaften zu schließen, die ich hoffentlich nicht verlieren werde. Zum Beispiel habe ich Kristina Stoeva kennengelernt, die mir geholfen hat, dieses Interview ins Deutsche zu übersetzen, und dafür bin ich sehr dankbar.

In Peru ist die Pandemie erst später ausgebrochen. Meine Familie hat sich Sorgen um mich gemacht, weil sie in den Nachrichten gesehen hat, was in ganz Europa und auch in Deutschland passierte. Als sich das Virus auch in Peru verbreitete, hat die Regierung sofort strengere Maßnahmen im Vergleich zu Deutschland ergriffen. Von allen meinen Verwandten hat sich nur meine Tante infiziert, aber zum Glück hat sie sich nach ein paar Monaten erholt und fühlt sich wieder ganz fit und gesund.

 

Wie bist du in Kontakt geblieben und was hat dich in diesen schwierigen Zeiten so weit von deiner Familie entfernt gehalten?

Ich habe fast jeden Tag mit meiner Mutter gesprochen, und auch zweimal im Monat Videokonferenzen mit der ganzen Familie abgehalten. Das Internet hat uns eine gute Kommunikation ermöglicht. Wir waren uns alle bewusst, dass ich in Deutschland in Sicherheit war und aus diesem Grund war meine Familie ein bisschen beruhigt. Auch wenn ich wusste, dass die Menschen in Peru dichter zusammen leben und so die Ansteckungsgefahr relativ schnell ansteigen kann, versuchte ich, mir nicht so viel Sorgen zu machen, da ich meine Familie gut kenne und wusste, dass sie auch sehr vorsichtig damit umgehen wird.

 

Was hast du in Deutschland gelernt? Was hat dich am meisten beeindruckt, auch in Bezug auf Covid? Was war der größte Unterschied im Umgang mit der Pandemie?

Ich habe in Deutschland viel gelernt. Ich bin jetzt ein unabhängiger Mensch und habe meine Denkweise in vielerlei Hinsicht verändert. Für meinen eineinhalbjährigen Aufenthalt in Deutschland hatte ich die Möglichkeit, die deutsche Sprache zu lernen un dank meiner Arbeit in Berührung mit der einheimischen Kultur und Gewohnheiten zu kommen. Dadurch, dass ich weit weg von meinem Land war, habe ich gelernt, Dinge zu schätzen, auf die ich vor meinem Aufenthalt in Deutschland nicht viel Wert gelegt habe.

Deutschland ist ein ganz anderes Land als Peru. Die Leute denken anders und haben ganz andere Regeln. Das hat meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen, jeden Tag habe ich etwas Neues gelernt, langweilig war es nie. Die Natur in Deutschland ist einzigartig. In Freiburg gehen die Leute sehr oft wandern, da der Schwarzwald mit wunderschönen Wanderwegen so nah ist. Dank meiner Arbeit habe ich auch viele einheimische Dialekte gehört, die für mich wie eine eigene Sprache klingen. Was mich noch stärker beeindruckt hat, waren die Sitten und Bräuche zu Festen wie Nikolaus, Weihnachten, Fasching und Ostern. Wegen der Pandemie konnte ich die beliebten Weihnachtsmärkte nicht viel besuchen, aber Glühwein habe ich öfter zu Hause genossen.

In Bezug auf die Pandemie ist mir aufgefallen, dass es eine Gruppe von Menschen gab, die das Corona-Virus für eine Lüge hielten und sogar gegen die Maßnahmen der Regierung demonstrierten.

In Peru investiert die Regierung wenig Geld in Gesundheit und Bildung, deshalb haben wir keine ausreichende Infrastruktur, um dieses ansteckende gefährliche Virus zu bekämpfen. Es fehlen Plätze in den Krankenhäusern, um die Infizierten gut zu versorgen. Ungefähr 70 Prozent der Beschäftigten arbeiten im informellen Sektor, d.h. sie bezahlen dem Staat keine Steuern und haben keine Rechte wie die normalen Angestellten. Viele davon sind selbständig und wenn sie nicht arbeiten gehen, haben sie kaum Geld, um zu überleben. Deshalb müssen viele Menschen trotz der Quarantäne, der Ausgangssperre und der Ansteckungsgefahr wieder zur Arbeit gehen. Mehrere Stadtteile Limas sind dicht bevölkert. Dementsprechend ist das Risiko einer Infektion hoch. In Freiburg habe ich eine ganz andere Situation erlebt. Da gab es nicht so viel Gedränge auf den Straßen und die Leute hatten keine Angst davor, sich nicht versorgen zu können.

 

Was hat sich für dich in Deutschland verändert?

Ich habe Menschen aus verschiedenen Ländern kennengelernt, deshalb habe ich Stereotypen, die ich im Kopf hatte, aufgegeben. Die Erfahrung, eine Zeit lang auf einem anderen Kontinent zu leben, hat mir geholfen, viel über die Menschheit zu lernen. Ich wusste schon, dass wir kulturell unterschiedlich sind, aber ich habe für mich entdeckt, dass wir auch viele Gemeinsamkeiten haben. Wir teilen die gleichen Probleme und wir freuen uns über ähnliche Dinge. Jetzt bin ich der Meinung, dass Grenzen nur politischer Natur sind und Menschen in gleicher Art und Weise zu der einen Welt gehören.

 

Was hat dich bewegt oder dir eine andere Perspektive auf dein Leben gegeben?

Ich denke, ich habe einen Teil der deutschen Kultur übernommen, aber auch persönlich viel gelernt. Jetzt bin ich nach Peru zurückgekehrt, das multikultureller ist. Deutschland hat mir total gefallen und es fällt mir jetzt schwer, meine neue Denkweise an die peruanische Kultur anzupassen. Es fällt mir nicht leicht zu erklären, wie es sich anfühlt, da alles in meinem Kopf passiert. Ich versuche zum Beispiel, Situationen aus verschiedenen Perspektiven zu analysieren und frage mich manchmal: Wie würden die Deutschen es machen, oder, was würde ich tun, wenn ich in Deutschland wäre? Etwas Greifbareres ist, dass ich meine Essgewohnheiten geändert habe. Ich glaube, ich esse jetzt gesünder und es ist mir wichtig.

 

Wie siehst du Peru nach deiner Rückkehr und was sind deine Pläne?

Die Situation ist kompliziert. Es gibt viel Arbeitslosigkeit und es ist schwierig, eine Arbeit zu finden. Im Moment plane ich meine Zukunft, wie z.B. ein Unternehmen zu gründen, mich auf ein Stipendium für ein Masterstudium vorzubereiten oder weiter nach einem Job zu suchen. Ich denke, es ist die passende Zeit für Selbstreflexion. Man kann einen durchdachten Plan für die Zukunft entwickeln.

Außerdem starte ich gerade ein Projekt, mit dem ich Schülern mit geringen Einkommen helfen möchte. Viele von ihnen brauchen Handys, um an ihren Online-Kursen teilnehmen zu können. Meine Idee ist gebrauchte Handys zu sammeln und sie den Schülern zu spenden, damit sie nicht wegen mangelnder technischer Ausrüstung Probleme haben, in die nächste Klassenstufe zu kommen.

 

Das Interview führten Katharina Ruf und Clara Uhlemann

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