Bischof David Martínez de Aguirre Guinea aus Puerto Maldonado ist eine Schlüsselfigur für die kommende Amazonas-Synode – und ein glühender Verteidiger der indigenen Völker.

Der 49-jährige David Martinez de Aguirre wurde im Baskenland geboren und kam 2001 als Mitglied des Dominikaner-Ordens ins Apostolische Vikariat Puerto Maldonado, welches das Departament Madre de Dios und einen Teil des Urubamba-Tals im Departament Cusco umfasst. Dort lebte der spanische Priester 13 Jahre mit dem Volk der Machiguenga und der Asháninka im unteren Urubamba-Tal, bevor er 2015 zum Bischof von Puerto Maldonado ernannt wurde. Papst Franziskus hat ihn am 4. Mai zu einem von zwei Sekretären der kommenden Amazonas-Synode in Rom berufen.

InfoPeru hat mit David Martínez im März 2019 in Puerto Maldonado gesprochen.

InfoPeru: Warum ist die Amazonas-Synode, die im Oktober in Rom stattfinden wird, so etwas Besonderes?

Martinez de Aguirre: Eine Synode ist erst einmal eine vom Papst einberufene Versammlung der Bischöfe zu einem bestimmten Thema. Die Amazonas-Synode ist insofern etwas besonderes, weil es die erste Synode ist, die sich einer Region widmet. Die Amazonas-Region umfasst Teile von neun Ländern, hat aber eine eigene Identität und Problematik. Schon bei der lateinamerikanischen Bischofsversammlung von Aparecida im Jahr 2007 machten vor allem die Bischöfe Brasiliens auf die besondere Notlage des Amazonasbeckens aufmerksam. Papst Franziskus hat diesen Ruf nun aufgenommen. Die Synode hat einen grossen Meinungsbildungsprozess in der Kirche der Amazonasregionen ausgelöst. Diese Bewegung wird weitergehen, über die eigentliche Synode hinaus.

Besonders wichtig sind der Synode die Urvölker Amazoniens. Denn sie können uns erklären, wie wir mit der Natur umgehen sollen. Sie bieten der Menschheit ein neues Paradigma an. Die Kirche stellt ihnen ihren Raum zur Verfügung, damit sie mit ihrer eigene Stimme sprechen können.

InfoPeru: Wenn man im peruanischen Amazonasgebiet einen Gottesdienst besucht, so sieht man dort meist Mestizen oder Indigene aus dem Hochland, die ins Tiefland migriert sind. Die indigenen Urvölker des Amazonas dagegen sind rein zahlenmässig eine absolute Minderheit. Warum stellt die Amazonas-Synode gerade diese indigenen Völker in den Mittelpunkt?

Martínez de Aguirre: Ich selber habe 13 Jahre als Missionar mit dem indigenen Volk der Machiguenga gelebt, das hat mich geprägt. Papst Franziskus kam letztes Jahr nach Puerto Maldonado, um sich mit den indigenen Völkern zu treffen. Klar gab es da auch Stimmen unter einigen Gläubigen, die verächtlich sagten: „Der Papst kommt, um sich mit einer Handvoll Indios zu treffen“. Dem herrschenden Denken tut es immer weh, wenn die Peripherie auf einmal eine wichtige Stimme bekommt. Es kann auch beunruhigen und verstören, dass diese Peripherie nun ins Herz der Kirche vorstösst. Dass gerade die am meist marginalisierten Indígenas nun eine Stimme bekommen. Niemand soll sich deswegen bedroht fühlen, es ist vielmehr eine grosse Chance, dass wir einen Paradigmenwechsel vornehmen.

Eim Teil der Bevölkerung, vor allem die illegalen Goldschürfer, haben den Papst auch als Bedrohung empfunden, aufgrund seiner Umweltenzyklika „Laudato Si´“.

InfoPeru: Es gibt aber auch Indigene-Gemeinschaften, die selber Gold schürfen…

Martínez de Aguirre: In Madre de Dios haben indigene Völker seit langer Zeit Gold gewaschen, schon die Inkas haben das gemacht. Aber sie haben es nicht aus Gier getan, wie wir „Westler“. Der einzige Ehrgeiz, den ich bei den Indigenen erkenne, ist der nach sozialen Beziehungen. Die Gier, die Sucht nach Anhäufung ohne jegliche Grenze, das ist unser Problem. Diese Sucht nach Anhäufung tötet. Gold hat es immer gegeben, es wird erst zum Problem, wenn jemand damit Gewinn machen will und dafür über Leichen geht.

InfoPeru: Sie sprechen vom Paradigmenwechsel, den wir durch die Begegnung mit indigenen Völkern lernen können. Haben Sie ein Beispiel dafür?

Martínez de Aguirre: Als ich neu bei den Machiguenga war, habe ich einen Garten angelegt. Wir haben nach Samen gesucht, ich habe das Dorf zusammengerufen, um das Feld zu roden, wir haben den Boden vorbereitet, die Pflanzen, den Dünger, haben unsere Setzlinge gepflanzt, nach und nach wuchsen die Pflanzen, der Garten begann, Früchte zu tragen. Und dann kam der Regen, der Fluss schwoll an und riss den ganzen Garten mit sich. Warum habt Ihr mich nicht gewarnt, fragte ich sie. „Wir wussten, dass das passieren würde, aber Du warst so voller Begeisterung“. Da habe ich gelernt, wieviel wir zu lernen haben.

Eine andere Episode, eines spanischen Entwicklungshelfers, der in einem Dorf Unterricht gab. Auf dem Lehrplan stand Logik. Da das Dorf nur mit Flugzeug erreichbar war, nannte er folgendes Beispiel: „Wenn es regnet, kommt kein Flugzeug. Es regnet, folglich……“. Keiner der Schüler antwortete. Bis schliesslich einer sagte: „Es wird auch wieder aufhören zu regnen“. Er wollte damit sagen: „Das Flugzeug wird kommen, vielleicht übermorgen, oder nächste Woche oder nächsten Monat. Ich habe es nicht eilig“. Wenn es nach dem peruanischen Lehrplan ginge, wäre der Junge durchgefallen. Aber in seinem Kontext, war es die richtige Antwort.

Unsere westliche Kultur ist überheblich; wir müssen wieder Demut lernen, denn in der Selva merkst Du, dass Dein Gegenüber viel mehr soziale Intelligenz hat als Du. So wussten die Indigenen sofort, wen sie vor sich hatten, und warum jemand ins Dorf kam.

InfoPeru: In Madre de Dios gibt es große Konflikte zwischen denen, die die Selva ausbeuten wollen, und denjenigen, die sie schützen wollen. Und oft geht der Umweltschutz zu Lasten der Entwicklung der ärmsten Bevölkerung.

Martínez de Aguirre: Das Umweltproblem haben wir nicht nur in Madre de Dios, sondern auch in den Anden. Peru ist ein Staat, der es nicht schafft, dass seine Bevölkerung in Würde leben kann.

Das heisst auch, dass wir hier im Amazonasgebiet nicht den Paradiesgarten pflegen, damit die Menschen in Europa so weiterleben können wie bisher. Ich gebe Dir ein Beispiel: In meinem Heimatort im Baskenland fand eine Auto-Rallye statt, die wegen ihrer Umweltverschmutzung angeklagt wurde. Zu ihrer Rechtfertigung sagten die Rallye-Veranstalter, dass sie in Puerto Maldonado viele Tausend Hektar Regenwald gekauft hätten, damit dieser geschützt wird. So geht das nicht: dass wir im Amazonasgebiet dazu verdammt sind, in der Subsistenzwirtschaft zu leben, damit die Menschen in Europa weiterhin Ressourcen verschwenden können. Das ist absolut scheinheilig von der sogenannten „ersten“ Welt.

Es darf auch nicht sein, dass Umweltschützer unseren Anspruch auf angemessene Entwicklung verhindern. Ein Beispiel: Ein Dorf wollte einen besseren Diesel-Motor kaufen; nicht weil sie Air Condition brauchten, sondern um lebensnotwendiges Wasser hochpumpen zu können. Dann kamen Beamte vom Umweltministerium und sagten, sie dürften den Motor nicht verwenden, er würde gegen das Kyoto-Protokoll verstoßen.

Das ist die Scheinheiligkeit und der Zynismus unserer Welt. Ich befürchtete, dass auch die Umweltenzyklika Laudato Si diesen Fehler machen würde, dass sie die Ökologie für die Armen verkünden würde, damit die Reichen so weiterleben können wie bisher. Als ich Laudato Si´ dann las, kamen mir die Tränen, denn darin steht wirklich, dass die Armen die ersten Opfer des ökologischen und sozialen Desasters sind. Das gemeinsame Haus zu schützen, heisst, dass es gerechtere Beziehungen geben muss, eine gerechtere Verteilung, dass es alle angeht, und ganz besonders die Reichen.

Interview: Hildegard Willer

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