Barbara Alagón aus Lima erzählt, was es konkret bedeutet, wenn Korruption zum Alltag gehört.

Ich heiße Barbara, bin 22 Jahre alt, Peruanerin und studiere Ethnologie an der Nationalen Universität San Marcos. Wenn man “Peru” googelt, findet man Stichwörter wie Machu Picchu, Gastronomie, irgendetwas über Fußball, Unsicherheit und Korruption.
Als ich das erste Mal etwas von Korruption hörte, verstand ich nicht viel, ich war vielleicht fünf oder sechs Jahre alt. Die Nachrichten sagten es nicht deutlich, aber im Lauf der Jahre verstand ich, dass 80% von dem, was sie berichteten, direkt oder indirekt mit Korruption zu tun hatte.
Ich verstand es besser, als mein Vater mir und meinem Bruder erzählte, was ihm passiert war: Er fuhr im Auto, ein Polizist hielt ihn wegen überhöhter Geschwindigkeit an. Mein Vater hatte kein Geld dabei. Er wusste, dass er nicht so schnell gefahren war. Und er wusste auch, was der Polizist wollte. Mein Vater hielt an der Straßenecke an, der Polizist kam und verlangte seine Papiere. Mein Vater erklärte ihm, das sei nicht gerecht, aber der Polizist hörte ihm gar nicht zu. Er wollte nur wissen, wieviel Geld mein Vater im Geldbeutel hatte, um einen Strafzettel zu vermeiden. Mein Vater sagte ihm, dass er lieber die Strafe bezahlte, da gab ihm der Polizist seine Papiere zurück und ging.
Viele Menschen sehen Korruption nicht mehr als etwas Außergewöhnliches an. Sie ist so selbstverständlich geworden, dass im Vorfeld von Wahlen der meist gesprochene Satz lautet: “Er stiehlt, aber er macht wenigstens etwas” oder: „Besser ein Dieb, den man bereits kennt, als einer, den man nicht kennt“ Es ist schwierig, einer solchen Macht entgegenzuwirken und anzuerkennen, dass Korruption ein kompliziertes Thema ist.

 

Gute Noten – dank eines Geschenks an die Lehrerin

Ich bekam es aus der Nähe mit, als ein Mitschüler nie seine Aufgaben machte und trotzdem ganz leicht durchs Schuljahr kam. Er berichtete, dass er der Lehrerin 100 Soles zahlte, damit sie ihm gute Noten gab. Er erzählte das, weil sie im Jahr vorher mehr Geld von ihm verlangt hatte.
Wie jeden anderen, der die Nachrichten über Korruption in seinem Land sieht, beschäftigt mich das Thema, weil ich es kenne, weil ich mich darüber informiere, weil ich es verstehe. Einen Bericht über Korruption zu schreiben, ist einfach. Ich glaube, inzwischen gibt es Statistiken, es gibt Fälle, über die in aller Welt in den Nachrichten berichtet wird. Aber aus einer persönlichen Sicht darüber zu sprechen, macht es komplizierter, denn mit allem, was man weiß, wünscht man sich, dass es nicht wahr sei.

 

Ein falsch operierter Ellenbogen

Aufgrund der Korruption gibt es zum Beispiel in den Krankenhäusern schlechte Ärzt*innen. Nicht alle, aber manche arbeiten nur deswegen dort, weil sie mit den Chefs oder mit irgendeinem Politiker befreundet sind, der korrupt ist. Ein solcher Arzt behandelte meinen Bruder, als dieser sich bei einem Unfall den rechten Ellenbogen gebrochen hatte. Er musste mit seinem acht Jahren sechs Stunden in der Notaufnahme warten, und dann operierten sie den Arm schlecht. Sie operierten die Knochen falsch zusammen. Wir haben das nicht gemerkt, bis sie die Fäden der Naht zogen. Meine Eltern beschwerten sich im Krankenhaus Angamos der staatlichen Versicherung Essalud und bekamen nur ein paar entschuldigende Worte vom Arzt. Da erfuhren sie, dass er der Chef der Traumatologie-Abteilung war und dass es nicht das erste Mal war, dass so etwas passierte. Dazu bot er meinen Eltern an, meinen Bruder nochmal zu operieren, wenn er 18 wäre. Bekanntlich zahlt ab dann die Versicherung von Essalud nicht mehr für jeden, sondern nur für die, die eine offizielle Arbeit haben sowie für deren Ehefrau oder Ehemann und minderjährige Kinder. Meiner Familie blieben nur noch zwei Monate in der Versicherung, weil mein Vater entlassen worden war. Mein Bruder ist jetzt achtzehn, er kann seinen Arm zwar bewegen, aber nicht ganz ausstrecken.

 

Am Rande des Überlebens

Auch aufgrund von Korruption war die finanzielle Situation bei mir zuhause einige Jahre lang kritisch. Mein Vater wurde nach 15 Jahren von seiner Firma entlassen, die angeblich insolvent war, aber nur den Namen wechselte, um ihre Schulden nicht bezahlen zu müssen. Und das alles wegen schlechten Managements einer der Geschäftsführer, der sich an der Firma bereicherte. Da sie meinen Vater kannten, stellten sie ihn wieder ein, aber ohne Festanstellung, nur auf Honorabasis, ohne Krankenversicherung, ohne Rentenversicherung. Mein Vater musste das für eine Weile akzeptieren, bis er beschloss zu kündigen, nachdem die Firma ihm drei Monate Bezahlung schuldete. Da waren die Umstände schon ziemlich schwierig, auch für meine Mutter.
In meinen letzten Jahren an der Schule fehlten meinem Bruder (dem mit dem schlecht operierten Arm) noch vier Jahre bis zum Schulabschluss, und mein jüngerer Bruder war ein Jahr alt. Die Schule war nicht so weit weg, aber bis dahin war es nicht nötig, hin und zurück zu laufen. Es war billiger für uns zwei Mittagessen in der Volksküche zu kaufen und zu teilen. Mein Vater war fast nie zuhause, er machte Gelegenheitsarbeiten als Schreiner, Maler, Klempner, Taxifahrer, Regalauffüller, Elektriker – er machte alles. Meine Mutter fing an mit einem Wagen Essen auf der Straße zu verkaufen, mit meinem einjährigen Bruder an ihrer Seite, im Kinderwagen.
2012 war ich mit der Schule fertig und unsere Situation schien sich nicht zu bessern. Die Zeitungen schrieben zwar, dass wir eines der lateinamerikanischen Länder mit dem höchsten Wirtschaftswachstum wären, genauso wie Panama und Chile. Und trotz der Krise sagten die Statistiken, dass wir weiter wachsen würden, aber auf der Straße fragten wir uns, wo denn dieses Wirtschaftswachstum sei. So half ich auch beim Verkaufen. Mein größtes Ziel war nur, Englisch zu studieren und irgendeine Arbeit zu finden. Aber meine Eltern gehören zu denen, die glauben, dass ein Studium der einzig richtige Weg ist. So konnte ich zwischen Schulden und viel Arbeiten mich an einer „Academia“ einschreiben, die auf die Universitäts-Zugangs-Prüfungen vorbereitet – natürlich an einer staatlichen. Eine private Universität ist ein Luxus, an den wir nicht einmal dachten. Ich war fast den ganzen Tag an der „Academia“ und traf viele Studierende in meinem Alter oder älter. Ihre Familien waren in derselben Situation wie wir. Mit drei Freundinnen kaufte ich manchmal ein Mittagessen für sieben Soles, das wir teilten, um etwas zu essen zu haben. Meine Eltern wussten das nicht, sie hatten genug damit, die „Academia” zu bezahlen und mir jeden Tag 2,50 Soles für den Bus zu geben. Das Benzin wurde teurer und ich musste selbst etwas beitragen. Langsam wurde die Situation besser.
Als ich einmal abends mit Tränen in den Augen mit meinem Vater über diese Jahre sprach, erzählte er mir, dass er zweimal daran gedacht hatte, sich umzubringen, weil er die Verantwortung für seine drei Kinder und seine Frau ohne Arbeit und ohne Geld nicht erfüllen konnte, nicht so, wie er es wollte.
Was er mir damals sagte, hat mich geprägt. Bis heute ist mir bewusst, dass diese Krise, die meine Familie erlebt hat, viele Familien durchgemacht haben, und manche bis heute oder sogar noch schlimmer. Und immer noch leben wir in einem Land, wo Menschen, die mehr als acht Stunden arbeiten oder manchmal zwei Arbeitsstellen haben, nicht von ihrem Lohn leben können.

Selbst an der Uni gibt es Korruption

Wenn man an der Uni und besser informiert ist, muss man sich einfach über soviel Korruption innerhalb und außerhalb der Uni empören. Viele sagen, die Universität San Marcos sei wie ein kleines Peru. Das stimmt, die Korruption eingeschlossen: da sind die, die an der Macht und an ihren Posten kleben, der gekürzte Haushalt für die Mensa, die gleichbleibend schlechten Wohnheime, die mangelnde Sicherheit rund um die Universität, die Gehwege und Straßen, die eine ewige Baustelle sind. Der Haushalt für die Zulassungsprüfungen ist eine unendliche Liste von Korruptionsfällen und schlechtem Management. Das alles führt dazu, dass wir Studierenden nicht mehr nur empört sind, sondern uns organisieren und entsprechende Forderungen aufstellen.
Mein Ziel ist es nicht mehr allein, das Studum abzuschließen und Arbeit zu finden. Ich möchte mich gut darauf vorbereiten, etwas an den vielen Problemen zu ändern. Aber vor allem sollen andere nicht das Gleiche durchmachen – diese wahnsinnige Anstrengung für einen selber und die Familie, um studieren zu können. Das ist ein Grundrecht und der Staat müsste es garantieren, genauso wie eine vollwertige medizinische Versorgung in jedem Krankenhaus. Es darf nicht von den finanziellen Mitteln abhängen, welche medizinische Versorgung man sich leisten kann.

Gerade mache ich einen Freiwilligendienst in einem Kindergarten in Lahr. Ich glaube, jede Erfahrung bringt sowohl mich als auch die Menschen, mit denen ich zusammen bin, weiter. Im Grunde genommen sind wir gleich. Wenn ich nach Peru zurückkehre, werde ich in einem Projekt weiter mitarbeiten, das ich mit meinen Studienkolleginnen gegründet habe: „die Hysterie“. Wir sind eine Gruppe von Studentinnen, die sexuelle Belästigung und Angriffe innerhalb der Universität anzeigen. Außerdem will ich „Inklusiv“ auf den Weg bringen, ein Projekt, das ich mir bisher nur langfristig vorgenommen hatte. Es geht um gemeinschaftliche Rehabilitation. Angefangen habe ich es mit einem Freund, der sehr am Thema Menschen mit Behinderung interessiert ist.
Mein Ziel ist es, die geplanten Projekte wieder aufzunehmen und umzusetzen. Und ich bin sicher, dass mir mein Freiwilligendienst neue Ideen gibt für die Zeit, wenn ich zurückkehre.

Barbara Alagón, Ethnologie-Studentin aus Lima, macht ein Freiwilligen-Jahr in einem Kindergarten in Lahr/Erzdiözese Freiburg.

Der Text wurde übersetzt aus dem Spanischen von Annette Brox.

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