Korruption und Bürokratie machen die zweite Corona-Welle in Peru noch schlimmer, als sie sowieso ist.

 

Die zweite Corona-Welle schlägt in Peru voll zu. Inzwischen sterben mehr Menschen an Covid als während der schlimmsten Tag der ersten Welle im Juli/August. Die neuen Virusarten seien aggressiver und mehr junge oder jüngere Menschen erleben einen schweren Verlauf.

Viele Patient*innen warten auf Intensivbetten, die viel zu knapp sind. Und wie während der ersten Welle ersticken auch heute viele Covid-Patient*innen, weil es nicht genügend medizinischen Sauerstoff gibt. Obwohl der Mangel seit langem absehbar war, hat es das Gesundheitsministerium nicht geschafft, dem Abhilfe zu schaffen. Es würden 110 Tonnen Sauerstoff täglich fehlen, sagte die inzwischen Ex-Gesundheitsministerin Pilar Mazzetti am 10. Februar. Die großen Sauerstofflieferanten Linde-Praxair und Airproducts können, wie vor einem halben Jahr, die Nachfrage nicht befriedigen. Den fehlenden Sauerstoff könnten genügend Sauerstoffanlagen liefern – doch gerade die hat das Gesundheitsministerium nicht rechtzeitig bestellt. Beziehungsweise einen Auftrag an die Nationale Ingenieursuniversität gegeben, die bis heute keine Anlage ausgeliefert hat, weil die nötigen Teile auf dem internationalen Markt schwer zu bekommen seien.

Dazu kommt unfähige Bürokratie auf allen Ebenen wie dieser von Luisa Garcia Tellez dokumentierte Fall zeigt: das Krankenhaus Maria Auxiliadora  im Süden Limas hatte das Angebot einer großen Zementfirma, dem Krankenhaus eine Sauerstoffanlage zu schenken, zurückgewiesen. Sie hätten nicht genügend Strom dafür, und die elektrischen Anlagen seien seit 1975 nicht gewartet worden. Neue Transformatoren zu installieren hätte höchstens 70 000 US-Dollar gekostet. Stattdessen ersticken heute die Menschen vor den Toren dieses Krankenhauses.

 

Endlich kommt die Impfung

In dieser von Angst, Tod und Trauer überlagerten Stimmung in Peru, war es ein großes Hoffnungszeichen, als Präsident Sagasti am 7. Februar höchstpersönlich am Flughafen Jorge Chavez die ersten 300 000 Impfdosen aus China in Empfang nahm. Peru hatte mit der chinesischen Firma Sinopharm einen Vertrag schließen können. Auch wegen der politischen Unruhen im November und dem darauf folgenden Regierungswechsel lag Peru im weltweiten Wettlauf um einen Impfstoff im Hintertreffen. Erst die neue Übergangsregierung konnte den Deal mit dem chinesischen Impfstoffhersteller Sinopharm festmachen. Dabei half, dass Sinopharm bereits im Oktober 2020 eine klinische Versuchsreihe seines Impfstoffs an 12 000 Freiwilligen in Peru durchgeführt hatte.

Der chinesische Impfstoff wird in Europa mit Skepsis betrachtet, weil die letzten klinischen Versuche noch nicht publiziert wurden. Andererseits hatte Peru keine große Wahl und der chinesische Impfstoff hat den großen Vorteil, dass die Kühlkette recht einfach ist.

Das peruanische Impfprotokoll sieht vor, dass zuerst das Gesundheitspersonal, dann Polizisten und  Soldaten und die ehrenamtlichen Wahlhelfer*innen für die Präsidentschaftswahl am 11. April geimpft werden sollen.

Doch die Freude darüber, dass endlich mit der Impfung begonnen wurde – wenn auch mit wenigen Dosen – schlug sehr bald in Wut und Empörung um. Mitte Februar wurde bekannt, dass der damalige Präsident Martin Vizcarra und seine Frau klammheimlich bereits letztes Jahr die Impfung erhalten haben.

Sinopharm schickte im September letzten Jahres nicht nur die Impfdosen für die 12 000 Freiwilligen an den Versuchen, sondern auch 3000 Impfdosen „de cortesia“, eine  Art Werbegeschenk – man kann es auch Bestechung nennen. Die Hälfte ging an die chinesische Botschaft in Lima, die andere Hälfte durften von den Empfängern nach Gutdünken verteilt werden. Inzwischen weiß man, dass fast 500 hohe Beamte, Gesundheitsfunktionäre, Botschafter, Minister*innen und Universitätsrektoren samt Familien sich mit diesen Extra-Impfdosen „de cortesia“ versorgen haben lassen. Sogar der Botschafter des Vatikans in Peru gehörte als “ethischer Berater” der Impfkommission dazu.

Die Empörung ist besonders groß, weil noch längst nicht alle Krankenpfleger und Ärztinnen, die jeden Tag mit Covid-Patient*innen zu tun haben, geimpft sind.

In Ländern, in denen die Menschen mehr Vertrauen in ihre politische Klasse haben, wäre es vielleicht vermittelbar, dass politische Entscheidungsträger*innen Priorität haben bei der Impfung. In Peru dagegen sieht man vor allem, dass sich Politiker und hohe Beamte Privilegien erschlichen haben, die ihnen nicht zustehen. Dieser Eindruck wird dadurch verstärkt, dass weder Vizcarra, noch die ebenfalls heimlich geimpften und inzwischen zurückgetretenen Ministerinnen Elisabeth Astete (Außenministerium) und Pilar Mazzetti (Gesundheitsministerin) je ein Wort über die Impfung verlauten ließen. Im Gegenteil: Mazzetti hatte noch vor wenigen Tagen lauthals verkündet, sie sei die letzte, die sich impfen lasse.

Inzwischen ist die Liste der 487 Personen, die eine „vacuna de cortesia“ bekommen haben, öffentlich.

 

Der politische Schaden ist immens.  Vor allem aber ist es tragisch, dass Peru aufgrund hausgemachter Fehler und Versäumnisse dem Corona-Virus noch mehr freie Bahn gibt. Vor allem arme Menschen werden daran sterben.

Hildegard Willer

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