Das Geheimnis der Drahtmasken von Paucartambo & Co.

Schon immer haben sich die Menschen gern hinter Masken versteckt, ihre Identität gewechselt und als eine andere Person Schabernack getrieben. Rund um die Welt sind und waren sie in fast allen Kulturen fester Bestandteil religiöser und weltlicher Festlichkeiten.

Meine Familie und ich lebten 26 Jahre in Peru und wir waren immer fasziniert von der Vielfältigkeit der peruanischen Masken. Es dauerte nicht lange bis die ersten Masken die Wände unseres Hauses  schmückten – und es wurden immer mehr. Viele  Maler haben diese farbenprächtigen Masken, ihre Träger und die Feste in ihren Bildern dargestellt,  und mein Mann Kurt und ich taten das ebenfalls.

Besonders fasziniert haben uns immer die Drahtgazemasken, die in Peru bei den Tänzen der Chonguinada, der Tunantada, den Festen des Karnevals, aber auch bei der Verehrung der Virgen de Paucartambo (Jungfrau von Paucartambo), und beim Schneefest Q`oyllur Riti in den eiskalten Höhen der südlichen Anden verwendet werden. Seltsam, fremdartig, mitten drin im Geschehen und dennoch unberührbar weit weg wirken die eleganten Bewegungen der maskierten Tänzer  – und sehr geheimnisvoll. Je nach Region und Fest stellen sie spanische Eroberer, schwarze Sklaven, Urwald- und Andenbewohner oder verführerisch lächelnde Frauen dar. Die prächtigen Feste vereinen uraltes indianisches Brauchtum mit europäischen Einflüssen.

In all den Jahren in Peru hatten wir immer als selbstverständlich angenommen, dass die Drahtgazemasken peruanischen Ursprungs seien. Nichts deutete darauf hin und nie wären wir auf die Idee gekommen, dass ausgerechnet sie sehr viel mit Deutschland zu tun haben und ein Ausdruck deutsch-peruanischer Beziehungen sind. Und man findet diese Masken noch heute in Süddeutschland. Aber der Reihe nach.

Die ersten Darstellungen von Drahtmasken gab es in Deutschland bereits im frühen 16. Jahrhundert. In einem Kupferstich vom Triumphzug Kaiser Maximilians (um 1526) kann man die Reihen der Fackelträger mit Drahtmasken sehen. Sie schützten die Fackelträger gegen den Funkenflug. Bei höfischen Festen und Mummereien sowie beim Theater wurden Drahtmasken getragen und manch ein Blaublütiger benutzte sie, um inkognito zu bleiben. Im 18. Jahrhundert wurden sie von Bienenzüchtern als Bienenhauben getragen, und sogar bei Patienten psychiatrischer Anstalten kamen sie im 19. Jahrhundert zum Einsatz.

Die Masken dienten Forschungsreisenden als Schutz gegen Insekten in tropischen Ländern, und sie wurden als Fechtmaske sowie bei chemischen und physikalischen Versuchen eingesetzt.

Das industrielle Zeitalter brachte eine erstaunliche Wende und die Blütezeit der Drahtgazemasken begann. Für Maskenbälle und die immer zahlreicher werdenden Fastnachtsveranstaltungen in Deutschland wurden nun im 19. Jahrhundert Drahtmasken im großen Stil von Arbeitern in Fabriken und in Heimarbeit hergestellt. Sie sind leicht und einfach herzustellen, preiswert, behindern – anders als die schweren Holzmasken  –  die Atmung nicht und lassen eine gute Sicht zu. Ein idealer Exportartikel. Bald wurden die Drahtgazemasken massenweise in andere Länder Europas, in die USA und in die Fastnachtshochburgen Südamerikas ausgeführt.

Führend waren damals Firmen aus Thüringen, vor allem aus der Gegend um Sonneberg, deren Masken reißenden Absatz in Südamerika fanden – auch in Peru. Die Firmen gaben umfangreiche Kataloge mit Abbildungen und Beschreibungen heraus, nach denen bestellt werden konnte. Da gab es: Männermasken mit Schnurrbart und ohne Schnurrbart, Damenmasken mit Locken, Masken für Knaben und Mädchen, für junge Damen; „Nationale“ Masken wie: Türke, Engländer mit Halb-Bart, Juden- und Negermaske. Das Dutzend kostete im Jahr 1910 5,40 Mark. (Wir befinden uns in der Zeit der deutschen Kolonialgeschichte.)

Die Ähnlichkeit der peruanischen Drahtmasken mit denen der schwäbisch-alemannischen Fastnet ist verblüffend. Auch in Farbenpracht und Vielfältigkeit von Masken und Kostümen sind sich die schwäbisch- alemannische Fastnet und die Feste in Peru ebenbürtig. Seit etwa 200 Jahren werden von den Fasnets-Zünften in Süddeutschland Drahtmasken verwendet und auch in Österreich und der Schweiz gehören sie zum Fasching und zur Fasnacht.

Lange Zeit hatte die Holzmaske die Drahtmaske fast verdrängt, so dass diese nur noch von wenigen Zünften benutzt wird und nur noch wenige Handwerker die Kunst der Drahtmaskenherstellung beherrschen. In Deutschland sind es unter anderem die Stuttgarter Feuerbach Zunft e.V., die die Drahtmasken bis heute in der Fasnet einsetzt, und allen voran die Plätzler-Zunft in Altdorf-Weingarten, deren ursprüngliche Maskierung die Drahtgazemaske war.

In Altdorf-Weingarten wird diese Tradition besonders gepflegt und díe Plätzler-Zunft veranstaltet Workshops, in denen die Kinder lernen, Drahtgazemasken herzustellen und sie zu bemalen. Drahtmasken sind bei den Kindern wegen ihres Tragekomforts viel beliebter als die schweren, oder Luft undurchlässigen Holz- und Papiermasken. So wird die Tradition auf den „Narrensamen“ übertragen und jedes Kind kann mit seiner selbst hergestellten Maske zum „Narrensprung“ gehen.

Vom 18. Mai 2014 bis Sonntag, 27. Juli 2014, ist im Mainzer Fastnachtsmuseum die Ausstellung Karneval in Mainz und anderswo mit meinen Bildern und Drucken zu sehen.  Auch einige Masken aus unserer „peruanischen“ Sammlung werden dort ausgestellt. Zur Eröffnung um am 18. Mai 2014 um  11 Uhr  präsentiert Punchay Andino Karnevalsmusik aus den Anden Boliviens und Perus.

Das noch recht wenig erforschte Thema der Drahtmasken zeigt eines aber deutlich: Globalisierung ist keine Erscheinung nur unserer Zeit.

Und nur, weil man etwas in Peru kennenlernt, muss es nicht originär von dort stammen, kann aber typisch sein.

Christine Rosenthal

www.rosenthal-art.com

Kontakt in Altdorf-Weingarten: Andreas Reutter (Plätzler-Zunft und Förderverein des Fasnets-Museums Altdorf-Weingarten)

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