Seit 2017 war Peru eines der beliebtesten Länder für venezolanische Migrant*innen. Dies ändert sich nun rasant. Fremdenfeindlichkeit und restriktive Migrationspolitik prägen Peru heute.

 

Der 44-jährige Alberto war im Oktober 2019 in Caracas aufgebrochen. Der zweifache Familienvater konnte mit seinem Gehalt als Maschinist seine Familie nicht mehr ernähren. Nachdem er auf der peruanischen Botschaft in Caracas das notwendige humanitäre Visum erhalten hatte, machte er sich mit Bus auf den Weg. An der Grenze zu Ecuador stempelte der Grenzbeamte seinen Pass nicht. Als er nach Peru einreisen wollte, wurde er von den Peruanern zurückgewiesen, weil ihm der ecudorianische Stempel fehlte.  Seitdem lebt er im Niemandsland zwischen Ecuador und Peru.

Das Schicksal von Alberto ist eines von vielen, das Amnesty International  Peru, in seinem neuesten Bericht „Buscando refugio. Peru da la espalda a los venezolanos que buscan refugio”, darlegt. 

Peru hat mit immer neuen Vorschriften dafür gesorgt, dass nur noch 13% derjenigen, die an der ecuadorianisch-peruanischen Grenze Asyl (im spanischen „refugio“) beantragen, überhaupt ins Land können und sich um Asyl bewerben können. Dies ist eine 180-Grad-Wendung in der peruanischen Migrationspolitik.

Noch Anfang 2018 verkündete der damalige peruanische Präsident Pedro Pablo Kucyznski, dass alle Venezolaner*innen in Peru willkommen seien und  legale Arbeitsplätze bekommen würden. Peru führte ein Sonder-Arbeitsvisum für Venezolaner*innen ein.  Dieses wurde bereits ein Jahr später zurückgenommen. Stattdessen hatten die Venezolaner*innen nun die Möglichkeit, an der Grenze Asyl zu beantragen, und konnten mit dieser Bestätigung in Peru arbeiten. „Peru wird niemanden abweisen, der Schutz sucht“, sagte der  damalige Asyl-Koordinator des Außenministeriums.

Davon ist heute nichts mehr zu spüren.

Zuerst einmal die Zahlen: Peru ist mit ca 850 000 Venezolaner*innen nach Kolumbien das Land mit der höchsten Zahl an venezolanischen Migrant*innen.  Von diesen 850 000 Venezolaner*innen in Peru befinden sich 377 047 Personen im Asylverfahren. Peru ist damit das Land mit der größten Zahl an venezolanischen Asylsuchenden.  Erst rund 1000 Venezolaner*innen seien in Peru als Asylberechtigte anerkannt worden, so Martina Navarro von Amnesty International.

Das peruanische Asylsystem – dem Außenministerium angegliedert – ist unter dieser Last nach kurzer Zeit zusammengebrochen. Zum Vergleich: bis zur Ankunft der Venezolaner*innen wurden die Interviews für die wenigen Asylanträge in der Cafeteria des Außenministeriums gemacht. Momentan hat das Büro der Asylbehörde in Lima wegen Überlastung geschlossen, bis sie ein größeres Gebäude findet.

Gleichzeitig hat sich die Einstellung der Peruaner*innen zu den Migrant*innen drastisch geändert. Überwog anfangs die Solidarität – auch im Gedenken an die eigenen Migrationserfahrungen – Peru war und ist bis heute ein Auswanderungsland  – , so dominiert heute die Ablehnung. In einer Umfrage der Katholischen Universität Perus vom Februar 2019 gaben 75% der Befragten an, dass der peruanische Staat drastische Maßnahmen einleiten soll, um die Migration zu beschränken. Umgekehrt gaben 62% der Venezolaner*innen in einer Umfrage des  UNHCR an, in Peru diskriminiert worden zu sein.

 

Amnesty International und auch die Migrationsforscherin Feline Freier kritisieren die neue Abwehrpolitik der peruanischen Regierung. „Es ist unmöglich, alle Grenzen zu kontrollieren“, so Feline Freier von der Universidad del Pacifico. „In der Folge kommen heute 200 – 300 Venezolaner*innen illegal ins Land und sind Ausbeutung, Frauenhandel und Missbrauch ausgesetzt.“

Der peruanische Arbeitsmarkt ist von Informalität geprägt, rund 70% der peruanischen Beschäftigten arbeiten informal, illegal oder als Solo-Selbständige ohne jegliche Sozialleistungen. Viele Venezolaner*innen finden hier Unterschlupf, werden aber auch dramatisch ausgebeutet.  Peru ist heute kein Traumland mehr für Venezolaner*innen. „Die Mehrzahl der Venezolaner*innen würde Peru sofort verlassen, wenn es in Venezuela wieder besser ginge“,  sagte die venezolanische Journalistin Mirelis Morales.

 

Hildegard Willer

 

 

 

 

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