Im Jahr 1969 wurde unter der Regierung des Generals Velasco Alvarado das Gesetz zur Landreform in Peru erlassen. Soziale Gerechtigkeit, Gleichheit, Entwicklung waren das Ziel dieser Massnahmen. Große Grundbesitze (haciendas) wurden zerschlagen und „umverteilt“, schnell unzählige landwirtschaftliche Genossenschaften gegründet. Von diesen Kooperativen haben -wegen vielfältiger Mängel bei ihrer Installierung- nur wenige überlebt, und alle nachfolgenden Regierungen haben nicht die Wichtigkeit der kleinbäuerlichen Landwirtschaft vor allem für die Ernährungssicherung der ländlichen Bevölkerung erkannt. Im Gegenteil wurde die Rekonzentration des Landbesitzes direkt und indirekt gefördert. Die von der Fujimori-Regierung zerschlagene staatliche Agrarbank wurde nicht wieder aufgebaut, und so bleibt die Finanzierung der kleinbäuerlichen Landwirtschaft weiterhin ein großes Problem, das auch die Humala-Regierung nicht angegangen hat.
Deshalb sind Beispiele von erfolgreichen landwirtschaftlichen Kooperativen und ihre Finanzierung außergewöhnlich.-
Darüber, was eine Kooperation zwischen zwei Kooperativen erbringen kann, berichtet uns Karl Hildebrandt, Geschäftsführer im Förderkreis Nordost e.V. der   Entwicklungsgenossenschaft Oikocredit. Diese arbeitet eng mit einer Genossenschaft in der Region Piura zusammen.
Der Autor hat kürzlich eine Reise nach Montero, einem Bergdorf an den nordwestlichen Abhängen der Anden (Redaktion InfoPeru)

“ Montero ist auffällig bunt. Quirliger als die meisten Dörfer, die wir auf dem Weg aus der Wüstenstadt Piura hinauf auf 1200 Meter in die üppige Bergwelt der Sierra durchfahren. Auf dem überdachten Sportplatz rollt der Ball. An der Schule gedeiht der Versuchsgarten.
„Meine drei Söhne haben studiert oder eine Ausbildung gemacht“, sagt Kaffeebauer Segundo Guerrero, „nun kehren sie zurück als Ingenieure, Berater, Buchhalter.“ Dass es unter den 1100 Einwohnern Monteros Alternativen zur extrem verbreiteten Landflucht gibt, hat auch mit seinem Lebenswerk zu tun.

1995 gehörte der heute 66-jährige zu den Gründern der Vermarktungsgenossenschaft Cepicafe, welche die Kleinbauern zu unabhängigen „Cafetaleros“ werden ließ. Von Anbeginn stand ihnen mit Pidecafe / Progreso eine landwirtschaftliche Beratungsorganisation zur Seite. Der Faire Handel in Deutschland gehörte zu den ersten Abnehmern des Kaffees. Peru ist aktuell der viertgrößte Kaffeeexporteur der Welt und wichtigster Lieferant für fair gehandelten Kaffee in Deutschland.

Verbindungen schaffen

Cepicafe heißt inzwischen Norandino und ist eine Dachgenossenschaft für über 7000 bäuerliche Familien aus den vier nördlichsten Departamentos des Landes. Kaffee, Kakao, Vollrohrzucker, Säfte und Marmeladen gehören zu den Produkten. Als zertifizierte Bio-Waren gehen sie über den Fairen Handel nach Europa, Nord- und Südamerika sowie Neuseeland. Sie bringen den Genossenschaftlern sichere Abnahmepreise und Prämien für Gemeinschaftsaufgaben. Auch im Stadtkaffee „Berliner Bohne“ steckt Norandino mit drin.

Seit 2006 bekommt Cepicafe / Norandino auch Darlehen von Oikocredit, u.a. für Produktionsmittel und die Aufstockung des Betriebskapitals. Die Kooperative gehört so zu den 41 Partnerunternehmen, die die ökumenische Entwicklungsgenossenschaft derzeit in Peru mit finanziert. Über die Hälfte davon in der Landwirtschaft. Ganz bewusst hat daher das international koordinierende Oikocredit-Agrarreferat seinen Platz in Lima gefunden. Wegen der besonders hohen sozialen Relevanz und Wirksamkeit gehören landwirtschaftliche Finanzierungen zu den Schwerpunkten von Oikocredit.

Don Segundo ist in manchem Sinne über seine Genossenschaft hinausgewachsen. Aus seinen ehemals 1,5 sind 18 Hektar geworden, nebst einer Anlage zur Vorverarbeitung des Kaffees. Er merkt an, dass der Faire Handel bei hohen Weltmarktpreisen kaum konkurrenzfähig sei, dass Kriterien etwa im Arbeitsschutz teilweise an der lokalen Realität vorbeigehen oder dass die zunehmende Zahl von Siegeln Kosten und Aufwand für die Genossenschaften in die Höhe treiben. Und doch ist er durch und durch ein „Kind“ des Fairen Handels: „Ich glaube an die Basisorganisationen“, sagt er. „Kriminalität und Alkoholismus gingen bei uns zurück, das Solidaritätsgefühl wuchs und das Leben vieler Familien hat sich verbessert.“

Export und lokale Versorgung

Doch wie verhält sich der Export von Nahrungs- und Luxusgütern zur Ernährungssicherung vor Ort? Export im Fairen Handel bedeutet in Montero stabiles Einkommen. Und der regionale Absatz wächst – beim Zucker von Norandino sind es bereits 30 Prozent. Zudem gibt es Land für Maniok, Mais, Bohnen, Kartoffeln, Bananen und mehr, neben etwas Weideland für Tierhaltung. Hier sind das die „tierras communales“, Gemeindeland, das die Familien zur Nutzung aufteilen.

Aber auch in Peru ist solche Eigenversorgung nicht selbstverständlich, die das laufende „UN-Jahr der familienbetriebenen Landwirtschaft“ als einen Gradmesser für nachhaltige, ländliche Entwicklung hervorhebt. Deshalb engagiert sich Oikocredit mit Partnern in einem Programm zur Ernährungsverbesserung auf dem Land. „Wir setzen auf ein partizipatorisches Modell und lokales Wissen, und bringen daher verschiedene Bauerngruppen zusammen“, erläutert Carina Torres, technische Beraterin im Oikocredit Agrarreferat und bisherige Länderdirektorin für Peru. Ziel ist die Aufwertung des Speiseplans mit Obst und Gemüse, das die Frauen der Kaffeefarmer in neu angelegten Gärten anbauen. Bisher sind Frauen an der Gestaltung der Landwirtschaft in den meisten Teilen Perus kaum beteiligt.

Schutz durch Vielfalt im Anbau und Know-How

Die Mischkulturen der Bauern von Montero bieten Schutz vor einseitigen Abhängigkeiten, wie aktuell das Problem mit dem „Kaffeerost“ zeigt. Mit zunehmenden Wetterextremen gilt der Klimawandel als ein Hauptverursacher für den in Lateinamerika grassierenden „roya“-Kaffeepilz. In Mittelamerika gingen bei Ernteverlusten von bis zu 70 Prozent schon über 400 000 Arbeitsplätze verloren. Auch Peru ist massiv betroffen. Auch in Montero sehen wir, wie zwar der Kaffeerost wütet, aber doch den Bauern nicht die Existenz raubt. Mischkulturen, gezielte gute Pflege sowie Nachpflanzungen resistenter Sorten federn die Folgen ab. Oikocredit hat auch in Peru besonders langfristige Darlehen zur Wiederherstellung befallener Kaffeepflanzungen aufgelegt. Sie gehen einher mit Beratungs- und Trainingsprogrammen und ergänzen inzwischen angelaufene staatliche Maßnahmen.

Werte schöpfen

Eine stärkere Teilhabe an landwirtschaftlichen Wertschöpfungsketten ist eine weitere Strategie, um das Auskommen der Kleinbauern zu verbessern. Investitionen sind dafür oft eine Voraussetzung. Ein Beispiel sind die sechs Anlagen zur Zuckerverarbeitung, die um Montero herum mit Hilfe von Darlehen, Spenden und Eigenbeteiligungen der Norandino-Bauern errichtet wurden. Auf der Ebene der Basiskooperativen wird nun das Zuckerrohr vor Ort zu nicht-raffiniertem, hochwertigem Vollrohrzucker, der in Peru Panela heißt, veredelt.

Von dort gelangt er in die Norandino-Zentrale in Piura, wo er in einer Abfüllanlage zusammengemischt und versandfertig für die Welt verpackt wird. 26 Mitarbeitende sind hier am Werk. Krankenversicherung, Mutterschutz, sichere Löhne – auch hier in der Fabrik macht der Faire Handel einen Unterschied. „Wir bauen eine neue Halle, denn Panela ist sehr gefragt“, erläutert die weibliche Führungskraft des Betriebes, Yeny M. Robledo Bermeo. „Die jetzige Abfüllkapazität von 700 Tonnen pro Jahr wird dann verdoppelt, die Bauern können liefern.“

„Wir haben jetzt viel weniger Stress um zu überleben“, resumiert der 42-jährige Franciso Huanán 150 km nordöstlich von Piura inmitten seiner Zuckerrohrpflanzung am Hang über Montero die Wirkungen des Fairen Handels. Auch seine Kinder werden wohl dem Dorf die Treue halten, hier auf dem Feld oder als Angestellte im Ort.

Um Montero herum sind viele Hütten verlassen. Aber die ermutigenden Zeichen mehren sich doch.

Karl Hildebrandt, Oikocredit

Kontakt zum Oikocredit Regional- und Länderbüro in Peru: http://sanr.oikocredit.coop/en/contact
Infos zu Oikocredit und Landwirtschaft unter: http://www.oikocredit.de/themenjahr-landwirtschaft

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