In Auszügen geben wir hier Stimmen und Zeugnisse wieder, die uns aus verschiedenen Teilen Perus erreicht haben.

PUNO

Foto: Nicole Maron

Die jungen Eheleute Alvaro und Maria sind, wie viele andere auch, dazu übergegangen, in den Straßen von Puno selbstgenähte Masken zu verkaufen. Alvaro ist Taxifahrer und gehört damit einer der Branchen an, deren Verdienst vom einen auf den anderen Tag vollkommen zusammengebrochen ist – auch Taxidienste sind bis auf wenige Ausnahmefälle untersagt. «Wir haben zwei kleine Kinder und mussten uns auf die Schnelle überlegen, was wir tun können, um zumindest die minimalsten Lebenskosten decken zu können», sagt Maria. «Mit dem Maskenverkauf nehmen wir zurzeit maximal 20 Soles pro Tag ein.»

 

JOSE AUS ARAPA/PUNO

«Bei uns in der Region kommt dazu, dass es sehr kompliziert geworden ist, aus den Gemeinden überhaupt zum Markt in Arapa oder Azángaro zu kommen. Öffentliche Kleinbusse gibt es auf Grund der Restriktionen nur noch zwei Mal pro Woche, und wer mit dem eigenen Fahrzeug unterwegs ist, muss die Polizei- und Militärkontrollen passieren, was für viele ein Problem ist, da ihre Fahrzeugpapiere nicht aktuell sind.» Dazu kommt, dass die lokalen Märkte außerhalb der großen Städte genau aus dem gleichen Grund teilweise nicht mehr beliefert werden können. Faktisch wird es also in den ländlichen Gebieten immer schwieriger, sich mit Nahrungsmitteln einzudecken, und die Menschen ernähren sich von dem, was sie selber anbauen: Kartoffeln, Chuño, Bohnen oder Quinoa. «Zum Glück ist gerade Erntezeit, doch wenn die Quarantänemaßnahmen noch weiter verlängert werden sollten, wird die Versorgungssituation auch hier langsam prekär. Die Regierung sieht nur die Realität in Lima. In der Hauptstadt ist es vielleicht möglich, die Lebensmittelpreise stabil zu halten, aber auf den lokalen Märkten hier werden Gemüse und Obst zunehmend teurer. Karotten zum Beispiel kann man hier nur noch pro Kilo kaufen, nicht mehr wie früher pro Pfund oder Halbpfund.»

 

(Testimonios aus Puno: Nicole Maron)

 

LIMA – CERRO DE PASCO

„Ich wurde von der Ausgangssperre überrascht, als ich vor dem Gesundheitsministerium für unsere Kinder protestierte. Wir sind drei Familien aus Cerro de Pasco, deren Kinder aufgrund der Schwermetallbelastung schwer erkrankt sind. Wochenlang haben wir deswegen vor dem Gesundheitsministerium campiert und tatsächlich erreicht, dass fünf Kinder für eine Spezialbehandlung nach Argentinien geschickt werden.  Heute, am 13. April, hätte ich mit meiner Tochter Esmeralda nach Buenos Aires fliegen sollen. Aber nun sitzen wir seit vier Wochen in Lima fest. Wir sind bei Freunden im Stadtteil San Juan de Lurigancho untergekommen, aber meine Familie und mein Haus sind in Cerro de Pasco. Ich bekomme als selbständiger Maurer keine Hilfe vom Staat, und habe jetzt keine Einnahmen, um die nötigen Medikamente für meine Tochter zu kaufen.“

Simeon Martin aus Cerro de Pasco

(Erfahrungsbericht eingeholt von Hildegard Willer)

 

ZENTRALER REGENWALD

Liebe Freundinnen und Freunde in München,

wie Ihr wisst, hat unsere Regierung den rigorosen Ausnahmezustand bis 12. April 2020 verlängert. Das bedeutet, dass auch keine Fahrten auf den Flüssen stattfinden dürfen. Zu unserem besten Schutz vor Ansteckungen haben wir als CARE beschlossen, dass wir die Zugänge zu unserem Territorium am Enefluss abgesperrt haben. Rechte Politiker und Juristen machen Druck und  schreiben, dass das gegen die Verfassung ist. Das stimmt nicht. Wir beziehen uns zum Beispiel auf die ILO-Erklärung 169, Artikel 18, die uns das Recht dazu gibt. Das Militär soll die Einhaltung der Ausgangssperre überwachen. Leider gibt es noch vielen Autos eine Sondergenehmigung, durch unser Gebiet zu fahren, von Satipo nach Pichari (Region Cusco). Das wird noch Probleme mit unseren Verteidigungs-Komitees geben. Bisher gibt es noch keine am Coronavirus erkrankte Menschen in unserem Territorium. Wie wir mit bekommen, gibt es in der Nachbarregion Loreto wohl schon 20 Menschen, die am Coronavirus gestorben sind. Eine Ansteckung wäre fatal. Wir haben ja früher schon schlimme Erfahrungen wie mit der Grippe, Cholera, Hepatitis oder dem Denguefieber gemacht. Über 90% der Menschen leiden bei uns an Mangelernährung und Blutarmut, besonders die Kinder sind betroffen. Bei uns gibt es ganz wenige, einfache Gesundheitsposten mit minimalster Ausstattung. Unsere Komitees zur Selbstverteidigung sind aktiv und werfen die Menschen, die von außen jetzt kommen (auch Touristen oder Ethnologen), „raus“.  Das ist die einzige Möglichkeit, damit wir uns vor Ansteckungen schützen, weil wir als Indigene besonders gefährdet sind. Wir müssen jetzt schauen, dass wir die Leute von der Kokainmafia und die illegalen Holzfäller raus bekommen. Das geht aber nur mit Hilfe des Militärs, denn die sind mit Gewehren und Pistolen ausgerüstet und haben schon früher mehrere Leute von uns getötet. Ein großes Problem ist, dass die zugesagte Unterstützung (Lebensmittel, Masken etc.) uns nicht erreicht. Die Todesdrohung der Kokainmafia gegen mich, von der ich früher berichtet habe, ist immer noch vorhanden.

Ich bin jetzt in meinem Dorf in Quarantäne und kann nicht in die Provinzstadt Satipo fahren um Druck zu machen, dass uns die staatliche Hilfe erreicht. Ich mache Schluss um Energie für meinen Laptop zu sparen.

(Angel Pedro Valerio, Präsident von CARE – Central Asháninka Rio Ene), 30.3.20

 

AUS RIO NEGRO UND SATIPO

Liebe Freundinnen und Freunde,

wir berichten etwas aus unserer Situation hier aus dem Distrikt Rio Negro in der Provinz Junín.

Die Ausgangssperre wird rigoros durchgesetzt, mit Polizei und Militär auf den Straßen und an den Flüssen. Jetzt ist das noch verstärkt worden, auch wohl, weil Leute in den nördlichen Küstenstädten wie Piura sich nicht daran gehalten haben – so wird es im Radio gesagt – und Montag-Mittwoch-Freitag dürfen nur die Männer raus, an den anderen Tagen die Frauen und am Sonntag niemand. Die Schulen sollen jetzt elektronisch anfangen, aber nicht alle Familien haben einen Zugang zum Computer.

Die Situation in den indigenen Dorfgemeinschaften ist sehr, sehr schwierig. Die große Sorge ist, dass sich hier Menschen anstecken. Das wäre fatal. Die wirtschaftliche Situation ist auch ganz schlimm. Die Menschen aus den kleinen Siedlungen dürfen auf keinen Fall in die Stadt, um auf dem Markt zum Beispiel ihren Kakao oder Bananen zu verkaufen, um sich damit Reis oder Öl zu kaufen. Die Ansteckungsgefahr ist zu groß. So haben sie auch kein Geld um etwas zu kaufen.  Die Regierung verlangt inzwischen auch, dass alle in der Öffentlichkeit einfache Gesichtsmasken tragen müssen. Einige machen sie jetzt aus Blättern. Wir hatten unseren Provinzbürgermeister schon vor einiger Zeit den Vorschlag gemacht, den Frauen, die mit Nähmaschinen Kleidung machen – auch in den indigenen Dörfern, den Auftrag zu geben,  jetzt Schutzmasken herzustellen und diese kostenlos an die Menschen im Regenwald zu verteilen. Aber der Bürgermeister schaut nur auf die Menschen in der Provinzhauptstadt Satipo. Inzwischen sind erste Autos mit Lebensmitteln, die in Satipo eingekauft und im Regenwald teurer verkauft werden sollten, überfallen und ausgeraubt worden.

Die Situation in unserem Provinzkrankenhaus war schon immer schlimm. Jetzt wurde ein kleiner Junge mit einem Knochenbruch nicht aufgenommen, weil man Betten für mögliche Coronafälle frei halten will. Das wird nicht offiziell gesagt, ist aber die Richtung.

Unser Projekt „Lebensmittelbrücke“, das über Euch von Menschen aus Deutschland großzügig und geschwisterlich unterstützt wird, bringt Grundnahrungsmittel und Seife dorthin, wo die öffentliche Unterstützung nicht hinkommt. Der Transport läuft, wo nötig, mit offizieller Begleitung. Wir haben das mit dem Dachverband der indigenen Organisationen ARPI abgesprochen und vorrangig werden die Asháninkasiedlungen unterstützt, die von Neusiedler-Siedlungen umgeben sind und ganz wenig Land haben und sich sonst als Tagelöhner bei diesen verdingen. Das geht jetzt auch nicht. Es gibt  das Projekt zur Auszahlung einer Überbrückungshilfe von 380 Soles (Anmerkung: etwas über 100 €) pro Familie. Das läuft aber sehr chaotisch, viele Familien in den Regenwalddörfern bekommen das nicht, und es ist wohl besser, dass sie notwendige Lebensmittel bekommen, weil zum Geld abholen müssten sie auch in die Stadt zur Bank. Eure Idee, der indigenen Bevölkerung, die an den Schutzgebieten (Anmerkung: Nationalparks) leben, für eine gewisse Zeit erlauben, dort zu fischen, zu jagen und Früchte zu sammeln,  geben wir an unsere Regionalregierung weiter. Das wäre eine gute Sache.

Die Regierung hat auch den Distrikten (Landkreisen) Geld zur Verfügung gestellt, um damit Lebensmittel zur Verteilung aufzukaufen. Wir sind stark damit beschäftigt, dass sich dazu eine gemischte Kommission bildet, damit das Geld, wenn es denn läuft, richtig eingesetzt wird und nicht irgendwohin verschwindet.

Viele Grüße Jhenny Munoz Hilares, IMPERITA, Rio Negro, 4.4.2020

 

LIMA – VILLA EL SALVADOR

„Uns geht es gut. Wie halten die Quarantäne, so gut es geht, ein und halten uns an die Vorschriften. Nur meine Mutter verlässt das Haus, um einzukaufen, denn nur eine Person pro Familie darf ausgehen. Aber es ist schwierig, denn wir können nicht raus, um uns zu bewegen, der Tag wird so lang, und wir speichern viel Energie an, die wir nicht verbrennen können. Ich z.B. schlafe schlechter, wache früh morgens oft auf. Hoffentlich ändert sich das bald.“

Yaxayra Maguiña (22) aus Lima – Villa El Salvador

 

CAJAMARCA

Liebe Brüder und Schwestern,

ich freue mich, diese Zeilen in einer schwierigen Zeit mit dieser globalen Pandemie für unser wie euer Land schreiben zu können.

Wir leben mit unseren Familien „zurückgezogen“, wir haben bereits die dritte Woche der Isolation, und ab heute wird die Ausgangssperre verlängert von 18 Uhr bis 5 Uhr des folgenden Tages. Das liegt daran, dass viele Peruaner die Isolation nicht akzeptieren und sich mit Sport, Parties u.a. beschäftigen, wo dieser Virus verbreitet werden kann. Nur in den Regionen Piura, Lambayeque, Libertad und Loreto gilt die Ausgangssperre schon ab 16 Uhr.

Die religiösen Aktivitäten sind ebenfalls eingeschränkt. Ich bin in Tembladera und nutze die Isolierung, um einige Bücher zu lesen und Themen vorzubereiten, die möglicherweise in der Gemeindepastoral im Lauf des Jahres umgesetzt werden. Der Unterricht könnte im Mai beginnen. Einige Schüler aus der Stadt nehmen virtuellen Unterricht. Viele fragen uns: Was ist mit den Schülern auf dem Land?

Seit diesem Monat regt sich auch Caritas Cajamarca, deren Chef ein Priester der Nachbar-Prälatur von Chota ist. Wir hoffen, dass er den Ärmsten der Diözese dient.

Im Moment ist unsere Gemeinde wie gelähmt. Die Bevölkerung Tembladeras misst diesem Übel kaum Bedeutung zu. Aktivitäten werden so ausgeführt, als ob nichts passiert wäre, es gibt kein Bewusstsein für das Ausmaß dieser Krankheit. Deshalb bat der Bürgermeister um die Mithilfe der Rondas (gewählte Dorfvertreter) und der Armee zur Durchsetzung behördlicher Vorschriften.

Ich muss darauf hinweisen, dass von der Einstellung aller Aktivitäten am stärksten kleine Händler und Arbeiter betroffen sind, die Tag für Tag arbeiten um ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

Die großen Unternehmen – wie die Pharmaindustrie – trifft es nicht. Es gibt weder Schutzmasken, Alkohol, Wasserstoffperoxid noch Toilettenpapier, und die Preise steigen.

Ich hoffe, wir können alle aus dieser globalen Pandemie herauskommen, die uns nicht nur im Negativen verbindet, sondern auch die gegenseitige Abhängigkeit voneinander zeigt. Sie zeigt uns neue Aspekte unserer Verbindung und führt zu mehr Sensibilität.

Im Gebet und in der Solidarität vereint, hoffe ich, von euch zu hören.

Seit vielen Monaten habe ich keine Nachricht von euch, ich weiß nicht, was passiert ist. SCHREIBT UNS WIR WARTEN DARAUF!

Pater Segundo

 

 

CAJAMARCA, 1. April 2020

Liebe Freundinnen und Freunde,

der Ausnahmezustand hat sich verschärft, da Infektionen und Todesfälle landesweit zunehmen. In Cajamarca haben wir bereits zwei Infizierte. Eine in der Hauptstadt und die zweite in der Provinz Jaén.

Da die Pandemie weiter zunimmt, hat die Regierung die Kontrolle verstärkt und den Beginn des Schuljahres auf den 4. Mai verschoben. Der Staat bietet ab Montag, 6. April, Fernunterricht im Internet, Radio oder Fernsehen an. Das Problem für viele Schüler, einschließlich derer aus Apalín, ist, dass sie keinen Zugang zu digitalen Medien haben oder nicht wissen, wie sie diese zum Lernen verwenden sollen. Auf der anderen Seite hat es das Bildungsministerium noch nie geschafft, die Bildungsinhalte den Bedürfnissen der Schüler der verschiedenen Regionen und peruanischen Gemeinden anzupassen.

Für Schüler wie die in Apalín hat das peruanische Bildungsministerium noch keine Antwort.

Die Lehrer von Apalín haben sich darauf geeinigt, Aktivitäten zum selbständigen Lernen zu planen, die zu Hause durchgeführt werden, und dann zu uns zurückzukehren. So unterstützen wir das Lernen, um den Bildungsbedürfnissen der Schüler gerecht zu werden.

Gestern war ich in Apalín, alles läuft reibungslos und es gibt keine Ansteckung. Die Bevölkerung selbst ist verängstigt und besorgt, weil sie nicht mehr so ​​leben kann wie zuvor. Es gibt jedoch Familien, die es so erleben, als wäre nichts passiert, weil sie es gewohnt sind, auf ihren Feldern zu leben und zu arbeiten. Evangelikale nutzen diese Situation, um mehr Unterwerfung, Resignation und Gehorsam gegenüber ihren Vorgesetzten zu erzeugen. Dort, wo die Kontrolle schwieriger ist, versammeln sie sich weiter und erledigen wie gewöhnlich ihre Tätigkeiten. Nach mehr als 15 Tagen sozialer Isolation und Einstellung der industriellen Aktivitäten kann man besser durchatmen, Schwalben und Tauben sitzen auf den Dächern und der Kreislauf der Natur setzt sich fort. Es hat angefangen zu regnen wie vor 20 oder 30 Jahren. Es gibt Wolken, Nebel und das Feld wird grün. Die Frage ist, warum auf eine Pandemie warten, um sich einen Tag Zeit zu nehmen, um sich auszuruhen? – Wir wollen Leben und Leben in Fülle, wie Gott es uns anbietet. Wir wollen auch ein ausgeglichenes Leben, um gute Zeit und gute Gesundheit zu haben. Herzliche Grüße

 Pancha und Carlos

(Die Briefe wurden vermittelt durch Michael Schrick und Hans Meister)

 

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