So vielfältig wie die Themen  war die Herkunft der 62 Teilnehmenden  am Peru-Seminar Ende April in Köln: gut die Hälfte davon waren junge Erwachsene, ca. 30% hatten Migrationshintergrund, 60% waren Frauen, 40% Männer.

Schon bei der kurzen Vorstellungsrunde wurde die Vielfalt der Interessen, Erfahrungen und Bezüge zum solidarischen und entwicklungspolitischen Engagement deutlich.

Während des ganzen Seminars fand ein umfangreicher Büchertisch  guten Zuspruch.

Im nachfolgenden eine Zusammenfassung der einzelnen Programmpunkte:

 

  1. Video-Konferenz mit Carlos Herz aus Lima

 

Am ersten Abend hatten wir eine längere und durchgehend funktionierende Skype-Konferenz mit Carlos Herz. Er informierte sachkundig, verständlich und engagiert zum Thema „Nach einem Jahr Regierung PPK: Zwischenbilanz und Ausblick“ und antwortete auf die dabei gestellten Fragen.

 

  1. Samstag, 29.4.17

 

Der Morgen begann mit einer Gedenkminute für die Opfer der jüngsten schlimmen Hochwasserkatastrophe, des „Ninho Costero“.

Dann referierte Mariel Távara Arizmendi, Psychologin, Frauenaktivistin  und eine der Hauptorganisatorinnen der großen Demonstration Ni una menos in Peru zum Thema: Proteste gegen Gewalt gegen Frauen… Was bewegt die Jugend in Peru ? Wie bewegt sie sich?

Die einhellige Meinung der Teilnehmenden war, dass der Vortrag sehr gut strukturiert, verständlich und beeindruckend war.

Daran schloss sich eine Runde mit sechs deutschen und peruanischen „Voluntarios“ an. Sie berichteten über ihre Wahrnehmung und Erfahrungen über die Situation junger Menschen in Peru sowie über die Erfahrungen junger Peruaner in Deutschland   Mit eingebaut wurden schriftlich erbetene Rückmeldungen  von Asháninka-Jugendlichen aus der Regenwaldregion Satipo. Da die deutschen Jugendlichen in Peru besonders mit benachteiligten Kindern und Jugendlichen zu tun hatten, prägte das natürlich deren Erfahrungen (prekäre soziale Absicherung, schlechte Lebensperspektiven, etc.)

Für die peruanische Voluntarios, die hier auch im Bereich der Flüchtlingsunterstützung tätig waren und sind, waren die multikulturellen Erfahrungen ganz wichtig.

Auffallend war, wie unterschiedlich peruanische und deutsche Jugendliche  – aufgrund der hohen informellen Arbeitssituation in Peru – ihre Lebensplanung angehen.

 

  • Vortrag von Heinz Schulze zum Thema „Wohin geht Peru? Konsequenzen für die Arbeit der Informationsstelle Peru und der „Perugruppen“.

 

Die aktuelle Hochwasserkatastrophe in Peru: Hintergründe, aktuelle Situation und besonderes Augenmerk auf die Frage: Wie geht es weiter mit dem Wiederaufbau, welche Auswirkungen hat das für die Jugendlichen und was soll eine entwicklungspolitische Solidaritätsarbeit mit Partnergruppen in Peru jetzt im Blick haben. Es erfolgte eine erste Analyse des am 28.4. beschlossenen Gesetzes für den Wiederaufbau mit großen Befürchtungen, dass alles zentral von Lima aus geplant wird, und die Erfahrungen und Kenntnisse der betroffenen Bevölkerung nicht beachtet werden.

Die  Korruptionsaffäre rund um die  brasilianische Baufirma Odebrecht: in diesen Skandal sind die letzten vier Präsidenten Perus (Fujimori, Garcia, Toledo, Humala) sowie auch der aktuelle Präsident PPK involviert. Hierzu lag die von Heinz Schulze erarbeitete Recherchearbeit: Mein Name ist Korruption – Odebrecht – kopiert beim Seminar aus.

Ein weiteres Thema, war die unerwartet heftige Kritik und Widerstand gegen die Aufnahme von Gender-Aspekten in Schulbüchern. Hier waren große Teile der evangelikalen Kirche mit Teilen von sehr konservativen Katholischen Organisationen aktiv, u.a. mit dem Vorworf, die Schulkinder damit zur Homosexualität zu erziehen.

Ein weiteres Thema war der  erneute Vorstoß der Fujimori-Partei,  den inhaftierten  Ex-Präsidenten Alberto Fujimori zu amnestieren.

Im Anschluss danach ging es in die Arbeitsgruppen:

 

AG 1. Bewegung für Frauen-Rechte. Input: Norma Driever.

An Foderungen und mögliche Beteiligungsfelder für eine partnerschaftliche Kooperation/Unterstützung – auch von hier aus – wurde festgehalten:

Es gibt in Peru gute Gesetze – oft stehen sie aber nur auf dem Papier und werden nicht umgesetzt.

Notwendig sind:

  1. besserer Zugang zu Bildung
  2. Beratungen anbieten (Rechtsberatung), „Vorbilder“ bekanntmachen
  3. soziale, psychische Beratungen
  4. Zufluchtsorte (Frauenhäuser)
  5. Sexuelle Aufklärung  in Schulen / Beratungsstellen / sozialen Einrichtungen
  6. politische Beteiligung, um Gesetze für Frauen zu ändern (Bsp.: Abtreibung nach Vergewaltigung)
  7. schnellere Gerichtsverfahren in Stadt und Land , z.B. bei Fällen von sexuellen Übergriffen.

 

AG 2 Bewegung für die Entschädigung der zwangssterilisierten Frauen

Input: Mariel Távara Arizmendi:

Unter dem Titel: Kampf gegen Armut und Gesundheitsförderung wurden in den 90-er Jahren unter der Regierung von Alberto Fujimori über 200.000 Frauen sterilisiert, aktuell haben sich ca. 7000 Frauen gemeldet und Anzeigen gegen Verantwortliche erhoben.

An Forderungen und Beteiligungsmöglichkeiten von hier aus wurde festgehalten:

  • die deutsche Regierung soll von der peruanischen Regierung eine Anerkennung und Wiedergutmachung fordern.
  • Bericht der Wahrheitskommission an alle Schulen etc., ebenso:
  • Berichte über die Zwangssterilisationen
  • Neuauflage des Buchs Wider das Vergessen in Deutsch(land)
  • Vernetzung mit der Coordinadora Nacional de Derechos Humanos
  • Das Thema sollte in der Vorbereitung der Freiwilligen eine wichtige Rolle spielen.

AG 3  Indigene Jugendbewegung:

Input: Jamer Lopez Agustin (vom Volk der Shipibo- Conibo) per Skype und Elke Falley Rothkopf

 

Jugendliche sagen: wir sind die Zukunft eines Landes – aber wir sind doch die Gegenwart.

Wichtige Aspekte in der Diskussion waren:

  • sexuell übertragbare Krankheiten, Bildungsarbeit insgesamt im Sinne einer positiven, liebevollen Sexualkunde,
  • Abwanderung Indigener in die Städte → Kulturverlust, indigene Identität
  • zweisprachiger Unterricht
  • Gesetz der Vorabkonsultation (consulta previa): Beteiligung von Jugendlichen
  • Zugang zu Territorium, Konflikte mit Naturschutz, Demarkation

 

AG 4: Aus aktuellem Anlaß wurde diese AG „ Korruption“ eingeführt.

Input: Heinz Schulze

Siehe dazu aus das ausführlich Dossier zum Odebrecht-Skandal in Peru

http://www.infostelle-peru.de/web/gestatten-odebrecht-korruption/

Als Anregungen wurde festgehalten:

  • Viel Vertrauen wurde durch Odebrecht zerstört, das Vertrauen muss erst wieder aufgebaut bzw. wieder gestärkt werden. Nothilfe z.B. muss schnell gehen (von uns wenig zu beeinflussen).
  • große Hilfsorganisationen wie Misereor genießen viel Vertrauen, staatliche Organisationen weniger.
  • Solidaritätsarbeit muss unabhängige Partner wie lokale Medien stärken und Richter schützen; die Regierung auffordern, soll sich hier den Transparenzkriterien selbst anschließen (Transparency International) und stets auf Transparenz achten, alles z.B. auf die Webseite stellen.
  • Aufbau von Vertrauen auch in den Projekten bei allen Schritten: Antrag / Kostenvoranschlag / Freigabe / Abrechnung / Eigenanteil. Sie sollen ethische Werte stärken, realistische Erwartungen an die Partner stellen, Wachstum zulassen und fördern (Bildung), Was ist im Projekt (Gruppe) wichtig? Fehlertoleranz, Scheitern akzeptieren.
  • Im Bereich der partnerschaftlichen Kooperation von Projekten ist die „Grauzone“ zu beachten… wo fängt Korruption an – und wie kann sie auch dort bekämpft werden….Ohne Vertrauen geht nichts.

 

AG 5  Bewegung zum Jugendarbeitsrecht und Zukunftsaussichten junger Menschen im Arbeitsleben in Peru

Input: César Bazan Seminario.

Hier waren wichtige Aspekte: Die Mobilisierung gegen die Reduzierung von Standards (Lohn, Sicherung) bei Arbeitsverträgen mit jungen Menschen – und wie sie sich dagegen gewehrt haben, bis die Regierung das Gesetz zurücknahm.

 

Abendprogramm:

Über 65 Teilnehmerinnen sahen  den Dokumentarfilm: Titicaca und die verschwundenen Gesichter  und diskutierten im Anschluss mit dem Regisseur Heeder Soto (Peru). Der Film dauert 74 Minuten, spanisch, z.T. quechua mit deutschen Untertiteln. Interessant ist in diesem Film auch die Sequenz, in der es um die großen Probleme (CO-2-Ausstoß) des Braunkohleabbaus im Rheinland geht.

 

Sonntag: 30.4.17

 

Es gab die oben angeführten Berichte aus den Arbeitsgruppen sowie  über Bereiche, die seitens der Informationsstelle Peru „bearbeitet“ wurden. So einen Abschlussbericht über den deutsch-peruanischen Gegenwertfonds.  über Kooperation mit indigenen Organisationen im Rahmen der  Weltklimakonferenzen (COP), über die Informationsarbeit zum Freihandelsvertrag EU-Peru, über wichtige Bereiche der Bergwerkskampagne Peru: Reichtum geht, Armut bleibt und über das weite Feld der Freiwilligenarbeit.

Hierzu stellte Frau Wittmann (Düsseldorf) ihre Masterarbeit über die Freiwilligendienste mit weltwärts-Programmen vor, besonders  die Süd-Kompenente. Sie evaluierte einige peruanische Weltwärts-TeilnehmerInnen, die als „erste Generation“ (2013)  als „voluntarios“ in Deutschland waren.

Einige Aspekte: Einige von ihnen wurden nicht gemäß ihrer Qualifikationen eingesetzt; für sie war der Austausch spez. mit Flüchtlingen wichtig;  einige fühlten sich als „billige Arbeitskräfte“.  Auch deren „Wieder-Eingliederung“ in Peru war nicht einfach. Anfangs gab es großes Interesse, dann nur Interesse an ihren Erfahrungen und dann hieß es oft: Jetzt bist du wieder da, integrier Dich wieder hier. Die Diskussion war interessant. Es wurde aber auch deutlich gemacht, dass bei den auf dem Seminar vertretenen Trägern es eine intensive Vorauswahl, Vorinformationen, Begleitung, Auswertung  gibt.

 

Die Aspekte Planung 2017 seitens der Informationsstelle Peru und anwesender Gruppen und Organisationen kam eher zu kurz.  Genannt werden kann:

-Zum Thema „Korruption“ wird erwogen, eine kleine Handreichung zur Vermeidung von Korruption in Partnerprojekten zu erstellen; ebenfalls sollen wir korrekt arbeitende Justizbereiche unterstützen.

-Im Fall der Aktivitäten zur vorzeitigen Entlassung von Ex-Präsident Fujimori: Wenn wir von Partnern in Peru angefragt werden, uns einzuschalten, machen wir das, sonst nicht.

-An das BMZ soll nochmals die Forderung gerichtet werden, die Süd-Nord-Weltwärts Programme besser auszustatten.

-Im Fall der Awajun-Indigenas aus dem nordperuanischen Regenwald (sie hatten gerichtlich den Stopp des Bergbauprojektes Afrodita erreicht),  sollen wir die Awajun unterstützen in der Forderung nach Entschädigung;

-Das Projekt der Transozeanischen Eisenbahn (Bolivien-peruanische Küste) mit Beteiligung des deutschen Wirtschaftsministeriums soll  kritisch begleitet werden,

-zum ganzen Bereich:“ Entwicklung“  soll der  Export von Lebensmitteln vertieft angegangen werden,

-das gleichzeitig stattfindende Panamazonische Sozialforum in Tarapoto erhält eine Grußbotschaft,

-indigene Partnerorganisationen ansprechen, dass sie bei der anstehenden Volkszählung ihre Leute auffordern sollen, sich als „Indigene“ zu identifizieren,

-weiter ist die Kooperation mit verschiedenen Organisationen und Netzwerken wichtig: Infoe, Netzwerk „Cajamarcagruppen“, Entwicklungspolitische Netzwerke (Rheinland, Baden Württemberg, Berlin, München etc.) etc.

 

Um 12 Uhr ging es mit einem herzlichen Dank an alle, die das Seminar vorbereitet und durchgeführt haben, spez. an den Geschäftsführer Jimi Merk und Vorstand, zum Mittagessen.

 

Heinz Schulze

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