Wenn Großunternehmen Projekte unterstützen – ist das dann auch „Entwicklungszusammenarbeit“ ?
Ein Beitrag von Heinz Schulze zu einer längst fälligen Diskussion
Wenn Großunternehmen „Gutes Tun“-  ist das vergleichbar mit Ansätzen internationaler Entwicklungszusammenarbeit? Sind das Maßnahmen zum Greenwashing, zur Steuerersparnis oder zur Konfliktvorbeugung?  Schliesslich gibt es auch  Projekte der Entwicklungszusammenarbeit (EZ) im sozialen Bereich: ein Gesundheitszentrum oder eine Schule oder Anlernkurse für berufliche Tätigkeiten oder eine Straße, die „zufällig auch einem Bergbauprojekt dient“; macht es  in solchen Fällen einen Unterschied, ob die Projekte von privaten Wirtschaftsunternehmen oder von staatlicher Entwicklungszusammenarbeit finanziert und ausgeführt werden ? Oft hört man das Argument: für die Leute vor Ort ist nur wichtig, dass überhaupt etwas gemacht wird, unabhängig davon, wer es macht.

Ein Beispiel aus der Bergbauindustrie: Antamina

Der im Andengebiet in der Region Ancash tätige Bergbaukonzern ANTAMINA steht in der Kritik wegen der Schaffung sozialer Ungerechtigkeit und der Umweltverschmutzung.

Antamina sponsert als Programm für naturnahen Tourismus das „Festival de andinismo Cordillera Blanca“.
Das Festival beinhaltet u.a. einen Abenteuer-Trip durch die Anden mit Geländewagen.  Vielleicht ist das ein typisches Freizeitvergnügen für leitende Mitarbeiter, aber naturnaher Tourismus sieht doch wohl anders aus. (Werbung Region Ancash, 21.6.15).
Antamina richtete Weihnachtsfeiern für ca. 2000 Schüler aus, verschenkte Clown- und Mickey-Mouse-Figuren und -Shirts mit dem Aufdruck „Antamina“.
Antamina unterstützt Bauern bei der  Verbesserung ihrer Produkte. Aber: Es geht speziell um gentechnisch verbesserte Avocados.
Antamina unterstützt ein Projekt zur Reinigung von Abwasser, genauer: Reinigung von Abwasser aus dem Abraum der Mine.
Antamina: Unter dem Motto „Für eine integrale Entwicklung und eine gesunde Umwelt“ unterstützt Antamina die Aufforstung von 1.300 Hektar zusammen mit dem Landwirtschaftsministerium der Region Ancash.
Antamina und die Woche der Umwelt: Im Distrikt Colquio veranstaltet die Distriktverwaltung  einen Malwettbewerb für Schulkinder. Das Thema: Was kann man für den Umweltschutz tun? Gewonnnen hat dasPlakat: Müll trennen.

In dem Bergbaudistrikt mit einem  hohen Anteil an mangelernährten Kindern war das Motto: Moderat und nicht zu viel essen.
Einige Beispiele von Sozialsponsering durch die Erdölfirmen Pluspetrol (Argentinien) und Petroperu (staatliche peruanische Gesellschaft).
Beide sind im peruanischen Regenwald aktiv. Beiden wird vorgeworfen, für große Umweltschäden durch Lecks in ihren Pipelines verantwortlich zu sein. Die argentinische Firma Pluspetrol verbucht  seit 2005,  75 Anzeigen wegen Umweltverschmutzung, u.a. im geschützten Nationalpark Pacaya Samiria. Die Erdölgesellschaften setzen nicht auf eigene Sozial- und Entwicklungsprojekte. Sie bauen stattdessen Unterstützer-Netzwerke mit indigenen Organisationen (CONAP) auf, oder suchen aktive oder ehemalige Führungspersonen indigener Organisationen auf ihre Seite zu bringen. Damit beabsichtigen sie, im Fall von Protesten  „beruhigend“ zu wirken und „Runde Tische“ zu organisieren. Dort können die Gemeinden ihre Wünsche äussern ( z.Bsp. Gesundheitsposten, Strasse, Boot mit Aussenbordmotor)

Die Strategie der Erdölunternehmen scheint zu sein: Runde Tische ja, aber kein Vorabkonsultation (consulta previa)

Bauunternehmen: der Fall Odebrecht
Odebrecht ist das größte Unternehmen Brasiliens. Jährlicher Umsatz: 40 Mrd. Dollar. Der Umsatz  wird mit ca. 180.000 Mitarbeitern in Bauprojekten in 21 Ländern erzielt. Auch in Peru ist Odebrecht Bauträger großer Infrastrukturmaßnahmen  (Straßen, im Erdgasprojekt Camisea oder beim Bau von Wasserkraftwerken am Maranón-Fluss).  Odebrecht ist besonders aktiv im Sozialsponsoring. Der deutschstämmige Firmenchef Norberto Odebrecht gründete bereits 1965 die Odebrecht-Stiftung mit dem Hauptziel, den Erhalt der Umwelt zu fördern und für soziale Gerechtigkeit aktiv zu sein. (Fundación Odebrecht, Delcy Machado, Lima, 26.5.15)

Einige Beispiele aus der Projektförderung der Odebrecht-Stiftung:
Studierende der  San Marcos-Universität gewannen den Odebrecht-Preis für nachhaltige Entwicklung. Aus 100 Arbeiten von 38 staatlichen und privaten Universitäten in Peru wurden die Preisträger ermittelt. Gewinner waren u.a.: Solarenergie und Wasserreinigung mit UV-Licht. (Inforegion, 8.4.15).
Mit Finanzierung von Odebrecht plant die Regionalregierung von Huánuco ein Verkaufszentrum für landwirtschaftliche Produkte.
Im Distrikt Pillao (Huanuco) gibt Odebrecht das Preisgeld in Höhe von ca. 5.000,-€ für ein Fußballturnier. Das ist das Ergebnis eines Runden Tisches mit den Bewohnern.
Wie andere Großunternehmen, hat auch Odebrecht eine Abteilung für Nachhaltigkeit in Peru.Deren Leiter, Christian Velasco, berichtete über weitere Projektförderungen: Fortbildungskurse für Schreiner, Maurer, Krankenschwestern –all dies in nächster Nachbarschaft zum im Bau begriffenen Wasserkraftwerk Chaglla.

Odebrecht steht aber auch  für ein grundsätzliches Dilemma.

Marcelo Odebrecht, der Präsident von Odebrecht, sowie leitende Mitarbeiter der Firma wurden vor einigen Monaten in Brasilien verhaftet wegen Bestechung, Korruption, überhöhten Preisen  in Höhe von 2,1 Milliarden Dollars.  Auch die anderen brasilianischen grossen Baukonzerne Andrade-Gutierrez und Camargo-Correia sind an diesem Korruptionssumpf beteiligt. Diesem Kartell soll auch der ehemalige bras. Präsident Lula da Silva (Arbeiterpartei) angehören.

Schwerpunkt der Anklage sind die Vorgänge um die staatliche brasilianische Erdölfirma Petrobras.  Odebrecht hatte und hat aber auch in Peru immer wieder grosse Aufträge, z.sp. den Bau der  Metro-Linie 1 in Lima. Interocéanica-Verbindungsstrasse zwischen Pazifik und Atlantik. Während den Präsidentschaften von Alejandro Toledo (2000 – 2005) und Alan García (2006 – 2011) erhielt Odebrecht viele Aufträge in Peru. Wieviel Bestechungsgelder dabei wohl geflossen sind ? Das peruanische Recherche-Portal Convoca hat einige Deals zwischen der Garcia-Regierung und den brasilianischen Bauriesen aufgedeckt (http://www.convoca.pe/investigaciones/cuotas-y-pagos-millonarios-de-la-interoceanica). Nicht umsonst hat Odebrecht dem damaligen Präsidenten Alan Garcia eine Kopie der Christus-Statue von Rio geschenkt, nachdem sie den Zuschlag zum Bau der Metro in Lima bekamen.

Ein weiterer Fall von Steuer“ersparnis“ aus Peru : Odebrecht Peru hat den Zuschlag für den Bau der Straße
Carhuaz-Chacas-San Luis von der Regierung der Andenregion Ancash bekommen. Dessen, wegen Korruption angeklagter ehemaliger Regionalpräsident genehmigte unter Umgehung gültiger Vorschriften einen „Vorschuss“ vor Beginn der Straßenbauarbeiten in Höhe von 155 Millionen Soles (ca. 50 Mio. €). Damit ersparte sich Odebrecht Bankzinsen in Höhe von ca. 3 Mio. €.

Wenn ein Unternehmen wie Odebrecht im größten Korruptionsfall Lateinamerikas involviert ist, und dabei auch Großprojekte in Peru davon tangiert sind, dann ist es naiv zu glauben, solche Firmen würden GUTES TUN ohne hauptsächlich von Eigeninteressen geleitet zu sein.

Öffentliches Lob für Sozialsponsoring
Die Bergwerksunternehmen werden öffentlich gelobt, dass sie von 2007 bis 2012 ca. 4,5 Milliarden Soles, also ca. 1,5 Millarden Euro,  in „EZ-Projekte“ in Peru investiert haben. Verschwiegen wird, wie viele Steuern und Abgaben sie mit allerlei Tricks und dem Entgegekommen der peruanischen Regierung eingespart haben.
Wenn man all das weiss: ist es ethisch vertretbar, wenn Vereine, NGOs oder Sozialprojekte in Peru Geld von grossen Unternehmen in Peru annehmen, um damit ihre Projekte zu finanzieren ?

Wenn an dieser Stelle die größte Goldmine Lateinamerikas, Yanacocha in Cajamarca, und ihre Projektförderungspolitik nicht erwähnt wird, dann auch deshalb, weil verschiedene uns bekannte Projekte Geld aus dem „Nachhaltigkeitstopf“ von Yanacocha bekommen haben, und wir das bei diversen Treffen immer wieder diskutiert haben.

Die – sicherlich kontroverse – Diskussion ist eröffnet.

Heinz Schulze

Wir wollen mit diesem Beitrag eine Diskussion eröffnen: Sozialsponsoring durch Grossunternehmen in Peru: ja oder nein ? Welche Erfahrungen haben Sie gemacht ? Was haben Sie in Peru diesbezüglich beobachtet ?

Bitte schicken Sie uns Ihre Meinung an hilwiller@yahoo.es, wir werden sie im nächsten InfoPeru veröffentlichen.

 

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