Ende April wird das Sozialforum der Amazonasregion im peruanischen Tarapoto stattfinden.

„Für uns als Frauen und indigene Völker ist die Verteidigung des Territoriums absolut prioritär. Für uns Indigene ist das Territorium alles, es ist unser ganzes Leben; das Territorium ist, wo wir mit- einander in Beziehung treten, wo wir unsere Identität bilden. Wir verlangen auch, dass der Beitrag, den wir indigenen Völker zur Abkühlung des Planeten leisten, anerkannt wird. Wir beschäftigen uns sehr intensiv mit dem Thema Klimawandel“ sagt Ketty Marcelo. Die Asháninka-Frau ist Präsidentin der indigenen Frauenorganisation Onamiap und Mitglied des nationalen Komitees zur Vorbereitung des achten Panamazonas Sozialforums.

Das Panamazonas-Sozialforum ist ein regionales, unabhängiges «Kind» des Weltsozialforums.  Das Forum wird seit 2002 im Abstand von rund zwei Jahren an jeweils wechselnden Orten im Amazonasgebiet organisiert. Nach fünf Ausgaben in Brasilien, einer in Bolivien und einer in Venezuela findet der Anlass dieses Jahr zum ersten Mal in Peru statt.
Das Vorbereitungskomitee – bestehend aus zahlreichen lokalen und nationalen und Organisationen und Netzwerken – arbeitet seit bald zwei Jahren auf den viertägigen Anlass auf dem Gelände der Universidad Nacional de San Martín in Tarapoto hin. Das Forum – mit Debatten, Ausstellungen, kulturellen Aktivitäten und Markt –  ist nur der Höhepunkt eines langen Prozesses, beziehungsweise der „Aufhänger“, um die zivilgesellschaftlichen Kräfte, die sich für den Erhalt des Lebensraums Amazonas einsetzen miteinander in Austausch zu bringen und gemeinsame Positionen zu finden und zu stärken.

 

„Wir wollen keine Entwicklung, die auf der Zerstörung der Natur basiert“

Im letzen Jahr an diversen Orten im Amazonasgebiet lokale Gruppen (re-)konstituiert, die sich gemeinsam auf eine Teilnahme am Panamazonas-Sozialforum vorbereiten. Ende 2016 fanden in Belém, Manaus, Itaituba, Macapá (Brasilien), Cobija, Tumichucua (Bolivien), El Puyo (Ecuador), Florencia (Kolumbien) und in Tarapoto (Peru) insgesamt neun regionale oder nationale Vorbereitungsforen statt.

Die behandelten Themen waren an allen Orten die ähnlichen: Die Abholzung des Regenwaldes für Soja-, Ölpalmen- und andere Plantagen, der Bau von Infrastrukturprojekten wie Strassen oder Mega-Staudämmen,  die Erdölförderung sowie der Abbau von Gold und anderen Mineralien, die Auswirkungen des Klimawandels, der Einfluss von Gewalt und bewaffneten Konflikten, der Verlust von kulturellen Identitäten durch die Dominanz des neoliberalen Wirtschafts- und Lebensmodells und die spezifische Situation der Frauen. An all diesen Vortreffen diskutierten die VertreterInnen von Indigenen-, Frauen-, Umwelt- und Menschenrechtsorganisationen von Forschungsinstituten und kirchlichen Institutionen nicht nur über Bedrohungen, sondern auch über Widerstandsstrategien, Lösungsvorschläge und alternative Modelle und Ansätze wie „Buen Vivir“ oder „Vida Plena“.

„Wir Völker haben viele und wichtige Vorschläge, die Vorschläge sind vorhanden, was fehlt ist die Vereinigung von Kräften. Nicht nur um Widerstand zu leisten, sondern mit dem Ziel, dass diese alternativen Vorschläge auch tatsächlich umgesetzt werden, die Vorherrschaft übernehmen“ erklärt Rómulo Torres, Koordinator des internationalen Vorbereitungskomitees. „Es ist unabdingbar und dringend, dass sich alle verschiedenen Akteure, die an einer grundlegenden Veränderung interessiert sind, zusammentun, um die Vorschläge voranzubringen.“

 

„Ohne Territorium sind wir nichts“ 

 

Das Territorium und die Frage, wer darüber bestimmt, ist DAS zentrale Thema am diesjährigen Amazonas-Sozialforum. Territorium wird vor allem von der indigenen Bevölkerung in einem umfassenden Sinn verstanden. Zum Territorium gehört das Land, das bewohnt wird ,und von wo die Nahrungsmittel herkommen, aber auch was unter oder über der Erde ist, Quellen, Flüsse, sichtbare und unsichtbare Lebewesen, heilige Orte etc. Bei der Verteidigung des Territoriums geht es also nicht nur um den Zugang zu bewirtschaftbarem Boden, sondern auch um die Geschichte, die Kultur und damit die Identität der indigenen Gemeinschaften.

Im Zentrum der Debatte steht die Verteidigung der Rechte der indigenen Bevölkerung wie etwa das Recht auf Land, das Recht, über ihre Entwicklung selber zu entscheiden oder das Recht auf kulturelle Eigenheit und Vielfalt. Zahlreiche Studien zeigen, dass der Regenwald dort im besten Zustand ist, wo indigene Gruppen mit kollektiven Landrechten darüber verfügen –und dies teilweise mit einer geringeren Abholzungsrate als in nationalen oder regionalen Schutzgebieten.

Obwohl die Rechte der indigenen Bevölkerung einen wichtigen Platz einnehmen werden, geht es am Amazonas-Sozialforum nicht nur um die Anliegen der indigenen Bevölkerung. Im Amazonasgebiet leben und agieren zahlreiche  andere Akteure, Mestizen und Siedler von anderen Regionen, Quilombolas (Nachfahren afrikanischer Sklaven), Kirchen, Firmen, der Staat etc. Zudem betreffen die Probleme, denen das Amazonasgebiet gegenüber steht, nicht nur die dortige Bevölkerung, sondern die ganze Menscheit.

Die Themen Klimawandel, Ernährungssouveränität und –sicherheit, die Rolle der Frauen und der Jugendlichen beim Schutz des Lebensraums Amazonas bringen eine grosse Zahl sehr unterschiedlicher Akteure zusammen. Ein brennendes Thema, das viele vereint, ist die Kriminalisierung von Menschen und Organisationen, die sich für den Schutz der Natur und ihre Rechte einsetzen bzw. die Gewalt gegen sie. Das Forum will mit dem Debattierraum „Amazonas- und Anden-Städte zum Leben“ auch der Tatsache Rechnung tragen, dass rund zwei Drittel der Bevölkerung im Amazonasgebiet in Städten leben.

Kräfte bündeln – das Programm

Anders als an anderen Sozialforen wird das diesjährige Amazonas-Sozialforum nicht primär aus Referaten und  Workshops der teilnehmenden Organisationen bestehen. Diese finden, ebenso wie ein Treffen von Forschenden, an den beiden Tagen vor dem eigentlichen Forum statt. Am Forum selbst werden die Diskussionen in neun thematischen Bereichen sowie Plenarveranstaltungen gebündelt. Das Programm ist so angelegt, dass die Debatten auf den Resultaten der Vorbereitungsforen in den verschiedenen Ländern aufbauen können und es möglich wird, zu gemeinsam erarbeiteten Positionen und Handlungsstrategien zu gelangen.

Das Thema „Vorschläge der Anden- und Amazonas-Jugend“ findet dezentral in Lamas statt, einem Nachbardistrikt von Tarapoto mit  starker Präsenz der Ethnie der Kichwa Lamas.  Die Aktivitäten organisieren die Partnerorganisationen in Peru von Terre des Hommes Deutschland zusammen mit dem Kinder- und Jugendnetzwerk für „Buen Vivir“ und der lokalen Organisation Waman Wasi.

An zwei Tagen  werden an einem symbolischen „Frauentribunal“ die Fälle von Menschenrechts- und Umweltaktivistinnen aus Brasilien, Perú, Bolivien, Ecuador und Kolumbien verhandelt, sowie die emblematischen Fälle von Máxima Acuña aus Perú und der letztes Jahr in Honduras ermordeten Bertha Cáseres. Als RichterInnen sind u.a. die UNO-Relatorin für die Rechte der Indigenen Völker und ein Vertreter der Organisation der Amerikanischen Staaten eingeladen.

Und wer bezahlt?

Finanziert wird das Forum bisher fast ausschliesslich von europäischen Hilfswerken wie Misereor, Secours Catholique, CCFD, 11.11.11 und anderen. Zudem bringen alle involvierten Organisationen und Institutionen auch Eigenleistungen auf. Ein Teil der Kosten wird zudem über die Einschreibgebühren (30 USD für Teilnehmende aus Nicht-Amazonasländern) gedeckt.

 

Flurina Doppler

(Flurina Doppler arbeitet seit 2015 als Comundo-Fachperson bei Forum Solidaridad Perú in Lima und unterstützt dort die Vorbereitungen für das VIII Panamazonas-Sozialforum)

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