450 000 Venezolaner leben in Peru. 300 000 sind alleine in den letzten beiden Jahren gekommen. Auch in Peru hört man immer mehr fremdenfeindliche Töne.

Peru müsse es sehr gut gehen, weil es sich den Rassismus gegenüber Flüchtlingen jetzt „leisten“ könne, kommentiert mit Ironie der peruanische Journalist Pedro Salinas. Denn bisher kannten die Peruaner vor allem die andere Seite der Medaille, nämlich die der MigrantInnen, die im Ausland ein besseres Leben suchen und selber Rassismus erleiden. Die Journalistin Rosa Maria Palacios sieht den Beginn einer gezielten Ausländerfeindlichkeit in Peru. Bemerkbar macht sich dieses für Peru neue Phänomen in den sozialen Netzwerken, im Fernsehen und der Boulevardpresse.

Ein paar der verbreiteten Falschnachrichten:

Bei den nächsten Regional- und Kommunalwahlen im Oktober würden 400.000 Flüchtlinge aus Venezuela mitwählen. Fakt ist: nach Auskunft der Wahlbehörde sind für diese Wahlen die „große Masse“ von 28 Ausländern zugelassen und eine einzige Person aus Venezuela. Und das bei ca. 400.000 Wahlberechtigten. Fürwahr eine Riesengefahr für das demokratische System!.

Ein weiteres falsches Gerücht: Alle venezolanischen Flüchtlinge würden vom Staat einen Extra-Zuschlag auf den Mindestlohn erhalten. Fakt ist: Für alle gilt der aktuelle Mindestlohn von 930 Soles im Monat (ca. 300,- €).

Ein Klassiker der Fake-News betrifft die Kriminalität: Die Venezolaner würden einen ganz hohen Anteil an Kriminellen stellen und tausende Venezolaner säßen in peruanischen Gefängnissen ein. Fakt ist: In Peru gibt es aktuell ca. 70.000 Gefangene, davon sind 28 aus Venezuela.

Des weiteren: Den Venezolanern würden vorzugsweise Jobs in der öffentlichen Verwaltung gegeben. Auch das ist falsch: In der öffentlichen Verwaltung werden nur PeruanerInnen eingestellt, bzw. Ausländer*innen, die die peruanische Nationalität bekommen haben.

Die Behauptung, dass die Flüchtlinge aus Venezuela den Peruanern die Arbeit wegnähmen, ruft sogar den Nobelpreisträger Mario Vargas Llosa auf den Plan. Er sagt deutlich, dass Migranten und Migrantinnen immer ein Fortschrittsfaktor seien. Migrant*innen jedweder Hautfarbe seien eine Bereicherung für das Leben, die Energie und Kultur, und die Länder sollten sie als positive Chance sehen.

Es gibt aber auch positive Rückmeldungen über die venezolanischen MigrantInnen. Z.B. dass der Service in Restaurants und im Servicebereich sich verbessert habe, dank venezolanischer MitarbeiterInnen. Aufgrund der katastrophalen wirtschaftlichen Lage in Venezuela helfen schon ein paar Dollar, die die Miganten an ihre Familien zurücküberweisen.

Rosa Maria Palacios meint, dass es sich um eine gezielte, organisierte Kampagne von Personen und Gruppierungen handele, die von der Korruption in der Justiz, im Parlament, in der Regierung ablenken wollen. Das sehen viele der von mir befragten Personen in Peru ebenso. Aber es wird auch darauf hingewiesen, dass die politische Kampagne gegen „Venezuela“ schon länger läuft. So haben alle Parteien im peruanischen Parlament aus Anlass des Ibero-Amerika-Gipfels (2018) sich gegen eine Teilnahme des venezolanischen Präsidenten Maduro ausgesprochen und ihn als „persona non grata“ eingestuft.

Um die Zahl der einreisenden VenezolanerInnen zu verringern, hat der peruanische Staat zu neuen Maßnahmen gegriffen: Inzwischen können Flüchtlinge aus Venezuela nur noch mit einem gültigen Reisepass einreisen. Das wird von Kommentator*innen wie Rosa Palacios scharf kritisiert. Sie befürchtet eine Zunahme illegaler Einreisen und weist darauf hin, dass es in der aktuellen Situation in Venezuela fast unmöglich ist, einen Reisepass zu erhalten.

Fremdenfeindlichkeit oder Rassismus?

Viele Venezolaner*innen sehen wie Peruaner*innen aus und sind nur an der Aussprache als solche zu erkennen. Auch sind einige von ihnen Kinder von Peruaner*innen die früher – wegen besserer Lebensperspektiven – nach Venezuela ausgewandert sind. Und, weil deren Eltern es in Venezuela unterlassen haben, ihre Kinder in der dortigen peruanischen Botschaft (Konsulat) anzumelden, sind sie formell halt „nur“ Venezolaner.

Seit die Migration aus Venezuela in Peru Thema ist, wird dort auch über die Fremdenfeindlichkeit und Rassismus in Europa intensiver berichtet.

Santiago Roncagliolo, der als peruanischer Schriftsteller in Spanien lebt, meint, dass in Spanien die rechten Kräfte wohl immer noch, oder immer wieder, mit Zugriff auf die Fremdenfeindlichkeit punkten und damit bei Menschen Erfolg haben, die damit auch gerne ihre eigenen Defizite überdecken.

Bekannte aus Peru berichteten, dass Mitarbeiter der Ausländerbehörde für die schnellere Erteilung von Arbeitsgenehmigungen an Venezolaner*innen bis zu 1.000 Dollar „unter dem Tisch“ verlangen. Ansonsten geht es seinen bürokratischen Gang, wobei täglich wohl nur 50 Arbeitsgenehmigungen auf offiziellem Weg erteilt werden..

Einige dieser neuen Entwicklungen in Peru dürften uns in Deutschland bekannt vorkommen.

Heinz Schulze

(Quellen: Rosa Maria Palacios, TV-Sendung und La Republica, 6.8.18; M Santiago Roncagliolo, El Comercio, 10.8.18; Elda Cantú, El Comercio, 10.8.18; Pedro Salinas, La Republica, 12.8.18, und Kommentare in sozialen Medien und von Personen aus Peru).

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