Liebe Leserinnen und Leser,

Peru hat es in diesen Wochen zu trauriger Berühmtheit gebracht: in der Liste der Länder mit den meisten Covid-19-Fällen rangiert Peru mit fast 241 000 Infizierten inzwischen auf Platz 7, direkt hinter Spanien, und vor Italien. Auch wenn man berücksichtigt, dass die Fallzahlen in Peru erstaunlich hoch sind, weil die per Schnelltest Diagnostizierten ebenfalls mitgezählt werden (in den meisten Ländern werden nur molekulare Tests in der Statistik berücksichtigt), so zeigt die Todeszahl mit inzwischen 200 Covid19-Toten auf 1 Million Einwohner  sehr deutlich, dass Peru, neben Brasilien, zu dem am meisten betroffenen Land in Südamerika geworden ist. Dabei ist die Zahl der an Covid 19 Verstorbenen wahrscheinlich sehr viel höher, da hier nur die Toten gezählt werden, die vorher positiv getestet worden waren.

Über die Gründe, warum gerade Peru – trotz frühzeitiger Befolgung aller Quarantänemassnahmen – so viele Infizierte hat, haben wir schon in früheren Beiträgen berichtet: ein sehr hoher Anteil an informell Arbeitenden, die von den Tageseinnahmen leben und nicht registriert sind und nicht monatelang zu Hause bleiben können; mangelnde und unzureichende Verzeichnisse der Hilfsbedürftigen haben die Zahlungen der staatlichen Hilfen sehr erschwert; späte Intervention der beliebten offenen Märkte und Bankfilialen, die zu Ansteckungsorten wurden. Die rund 20 000 Peruaner, die aus Lima zurück in ihre Heimatdörfer und -städte flüchteten, z.T. zu Fuss.  Diese sozialen und wirtschaftlichen Missstände Perus stossen auf ein überaus prekäres, unterfinanziertes und fragmentiertes Gesundheitssystem, das sich seit Monaten am Rande des Kollapses entlang hangelt. In einigen Städten im Amazonasgebiet, an der nordperuanischen Küste und jetzt in Arequipa sind die Krankenhäuser bereits kollabiert. 

Die Pandemie zeigt die grosse Ungleichheit im Zugang zu Ressourcen auf und macht offensichtlich, dass die bisherige Wirtschaftsstrategie – striktes Einhalten der volkswirtschaftlichen Kennziffern bei gleichzeitiger maximaler Marktöffnung und  Abbau des Staates – nicht funktioniert, wenn es darum geht, eine Pandemie in Griff zu bekommen.  Hier rächt sich, dass Peru in den letzten Jahrzehnten des Rohstoffbooms nicht mehr in ein universales Gesundheitssystem und in die Stärkung staatlicher Strukturen investiert hat. 

Nach nun drei Monaten Notstand mit de facto-Quarantäne (man darf inzwischen zum Einkaufen und Sport machen raus), ist bei den meisten Peruanerinnern und Peruaner die „Luft raus“. Sie können oder wollen nicht mehr zu Hause bleiben. Polizei und Militär – die selber viele Covid19-Fälle in ihren Reihen haben – kontrollieren nur noch sporadisch.  Dies alles hat dazu geführt, dass die Fall- und Todeszahlen bisher nicht runtergehen, trotz aller „Plateaus“, die  Präsident Vizcarra in seinen Pressekonferenzen beschwört.

Wenn man Epidemiologen fragt, würden die gerne die Quarantäne auch über den 30. Juni hinaus verlängern. Aber die Wirtschaft macht das nicht mehr mit. Seit Juni werden deswegen sukzessive Geschäfte wieder aufgemacht, Einkaufszentren und Bergwerke arbeiten bereits wieder. Nach und nach sollen auch Reisen innerhalb Perus wieder möglich werden. Wann die Grenzen aufgemacht werden, weiss noch niemand.   Was die dreimonatige Quarantäne für Perus Wirtschaft bedeutet hat, wird sich erst zeigen. Perus Finanzministerin hat informiert, dass 2 Millionen Arbeitsplätze durch die Pandemie verlorengegangen seien.

Die peruanische Regierung hat bei der Coronavirus-Bekämpfung sicher Fehler gemacht – anderseits versucht sie, der Pandemie so gut es geht, Herr zu werden. Aber angesichts der vielfältigen (geerbten) Schwächen des peruanischen Staates, gelingt dies nicht immer.

Nach drei Monaten Quarantäne scheint Peru nun auf die wirtschaftliche Öffnung zu setzen – obwohl die Fallzahlen noch nicht zurückgehen. Hoffen wir, dass sich dadurch das Virus nicht noch weiter ausbreiten wird.

 

Hildegard Willer

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