Was gut und was schlecht läuft in der Coronakrise in Peru

Liebe Leserin, lieber Leser des InfoPeru,

 

wenn ich diese Zeilen schreibe, bin ich in Lima in der 5. Woche in Folge praktisch unter staatlich verordnetem Hausarrest. Nur für die nötigsten Besorgungen (Lebensmittel, Bank, Arzt) verlasse ich kurz das Haus.  Aber auch das nur bis 18 Uhr. Danach ist totale Ausgangssperre, so wie auch den gesamten Sonntag. So wie mir geht es allen  Peruaner*innen. Peru hat sehr rasch und beherzt auf die Bedrohung durch die Corona-Krise reagiert, hat Schulen und Flughäfen geschlossen und seine Bürger*innen in Quarantäne gesteckt.  Jeden Mittag verkündet Präsident Martin Vizcarra zusammen mit seinen Ministern die neuesten Zahlen und Massnahmen im Fernsehen.

Bisher tragen die Peruaner*innen die Massnahmen mit, auch wenn es beträchtliche Opfer kostet.  Denn es ist klar, dass angesichts des prekären Gesundheitssystems – ganz Peru hat für seine 32 Millionen Bürger*innen etwas über 500 Intensiv-Betten mit Beatmungsgeräten – es nur darum gehen kann, dass sich möglichst wenig Menschen anstecken.

In der 5. Woche des Lockdowns ist es aber auch angebracht, eine Bilanz zu ziehen, dessen, was gut und dessen, was weniger gut läuft im  peruanischen Krisenmanagement.

 

Positiv:

  • Die Regierung gibt ein geschlossenes Bild ab. Martin Vizcarra kommuniziert in der Regel gut und dem Ernst der Krise angemessen.
  • Der Gesundheitsminister hat einen medizinischen Krisenstab einberufen, der die besten Fachleute ungeachtet ihrer politischen Couleur vereinigt.
  • Das wirtschaftliche Hilfspaket, das gleich zu Beginn verkündet wurde, ist eines der grössten Südamerikas – gemessen am PBI Perus. Zuerst gab es einen Bonus von 90 Euro für bedürftige Familien, nun werden in der 2. Phase Lebensmittelpakete über die Bürgermeisterämter verteilt.
  • Das Bildungsministerium hat seinen Unterricht bis Mai auf Online, Fernsehen und Radio umgestellt. Eine enorme und löbliche Anstrengung, die soviele Kinder wie möglich erreicht – mittels Fernsehn und Radio auch in den ländlichen Gebieten.
  • Die Rolle von Polizei und Militär ist immer kritisch zu beobachten. Ausnahmezustände waren oft in der Geschichte Perus Anlass für Amtsmissbrauch und Menschenrechtsverletzungen. Auch wenn vereinzelte Missbräuche bekannt wurden, so sehe ich bisher nicht, dass die Demokratie in Gefahr wäre.
  • Die Krise bringt auch Kreativität hervor: Angesichts des leergefegten Weltmarktes für Beatmungsgeräte und Schutzkleidung, haben peruanische Ingenieure ein eigenes Beatmungsgerät entwickelt, das im Mai in die Produktion gehen soll.

 

 

Negativ:

  • So löblich das wirtschaftliche Hilfsprogramm ist: die Kriterien, wer in den Genuss der Hilfen kommt, sind nicht klar. Und vor allem: es ist zu wenig. 70% der Peruaner*innen haben keinen festen Arbeitsvertrag und damit auch kein Einkommen, wenn sie nicht arbeiten. Es mehren sich die Stimmen derer, die  jetzt in der 5. Woche keine Reserven mehr haben und richtige Not leiden.
  • Die rund 850 000 venezolanischen Migrant*innen kommen nicht in den Genuss der staatlichen Hilspakete. Die meisten von ihnen leben von dem, was sie täglich verdienen und leiden nun extreme Not.
  • So verständlich die drastischen Massnahmen der Ausgangssperre sein mögen: an die Familien mit Kindern hat dabei niemand gedacht. Eine Lockerung, damit vor allem Kinder, ins Freie dürfen, wurde nie angedacht.
  • Die Reduzierung der Einkaufszeiten (bis 15 bzw. 16 Uhr), sowie die totale Ausgangssperre an den Feiertagen der Karwoche haben wohl das Gegenteil des Beabsichtigten bewirkt: gerade in den Märkten tummelten sich an den eingeschränkten Öffnungszeiten so viele Menschen, dass diese erst recht ein Ort der Ansteckung geworden sein dürften.
  • Indigene Dörfer in den Anden und im Amazonasgebiet schliessen sich nun ab, lassen keine Aussenstehenden mehr rein. Es gibt aber Stimmen, dass viele illegale Akteure (Holzhändler, Goldgräber, Transporteure) die Krise nutzen, um vermehrt ihren illegalen Tätigkeiten nachzugehen. Bisher liegt keine staatliche Strategie vor, um die besonders gefährdeten indigenen Gemeinschaften zu schützen.
  • Bestimmte Massnahmen der Regierung haben einseitig den Unternehmenssektor bevorzugt: so dürfen Unternehmen nun ihre Mitarbeitenden befristet ausstellen, und der Bergbausektor darf weiterarbeiten.
  • Auch wenn es sich noch um einzelne Vorkommnisse handelt, bei denen Polizei und Militär autoritär bis missbräuchlich handeln. Vorsicht und Bürgerkontrolle sind hier auf jeden Fall angebracht!

 

Bisher ist der Notstand bis 26. April verlängert worden. Ob die Strategie der Regierung aufgeht, ist mit bisher 230 Covid19-Toten (Stand: 14.4.2020) noch nicht klar. Vor allem die Zunahme der Fälle in den Regionen Lambayeuqe, Piura und Loreto ist besorgniserregend.

 

Auf der anderen Seite: Covid19 ist nicht die erste Epidemie, an die sich die Peruaner*innen erinnern. 1991 starben fast 3000 Menschen in Peru an Cholera. Peru hat die Epidemie damals recht gut gemeistert und viele Opfer verhindert.  Eine Freundin hat die Coronakrise mit einem anderen Risiko verglichen, mit dem die Peruaner*innen zu leben gelernt haben: „ Ich sehe die Corona-Krise wie ein  Erdbeben. Das einzig wichtige ist, dass Du überlebst“.

Wir halten Sie auf dem Laufenden.

 

Mit besten Grüssen aus Lima

 

Hildegard Willer

 

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