Liebe Leserin, lieber Leser,
zum ersten Mal seit dem Jahr 1964 besuchte ein deutscher Bundespräsident Peru. Der Höhepunkt von Joachim Gaucks Visite sollte zweifellos die Einweihung einer Ausstellung im „Lugar de la Memoria“, dem eindrucksvollen Bauwerk an der Pazifikküste in Miraflores / Lima, sein. Deutschland hatte den Bau dieser Gedenkstätte mit 4,5 Mill. Euro maßgeblich mitfinanziert. Doch die Gestaltung der Dauerausstellung, die Täter- und Opferschaft des internen Krieges von 1980 bis 2000 beleuchten sollte, ist weiterhin umstritten. Deshalb konnten die für Gaucks Besuch aufgestellten Schautafeln weder räumlich noch inhaltlich den Bau füllen. Im Auditorium des Museums hielt Gauck vor einem überwiegend jungen Publikum eine geradezu beschwörende Rede zum Thema „Es gibt keine Zukunft ohne Vergangenheit“. „Opfer werden gütig, wenn die Täter ihre Schuld bekennen“, betonte Gauck dabei. Diese Überzeugung hat er auch bei seinen Gesprächen unter vier Augen mit Präsident Ollanta Humala immer wieder bekräftigt. Ob dieser Rat auf offene Ohren gestoßen ist, wird sich auch im „Lugar de la Memoria“ und seiner weiteren Gestaltung zeigen müssen. Der Konsens in der peruanischen Gesellschaft hinsichtlich ihrer jüngsten Vergangenheit wäre unendlich wichtig für eine gerechte und inklusive Entwicklung. –
Wir als Informationsstelle Peru haben dem Bundespräsidenten aus Anlass seines Perubesuches einen Brief zukommen lassen. Darin weisen wir ihn u. a. auf die Probleme der Landwirtschaft in Peru hin. Der Besitz an Land ist wieder so ungerecht verteilt und in wenigen Händen konzentriert wie vor der Agrarreform 1968. Diese Entwicklung ist durch die staatliche geförderte Exportlandwirtschaft in den vergangenen Jahren rapide vorangeschritten. Es gibt in Deutschland heute keinen Supermarkt, in dem nicht das ganze lange Jahr über Spargel aus Peru zum Verkauf angeboten wird. Die ökologischen (z.B. Grundwasserversalzung in den Wüstenregionen südlich von Lima ) und sozialen Folgen sind schwerwiegend. Auch die Ölpalmenplantagen zur Produktion von Agrotreibstoff und für die industrielle Verarbeitung von Lebensmitteln bedroht die Ernährungssouveränität des Landes, die außergewöhnliche biologische Vielfalt Perus geht durch die Zerstörung des Regenwaldes verloren. Wir hoffen, dass Herr Gauck die Zeit gefunden hat, sich mit unseren Brief gründlich zu befassen – und vielleicht kommt gibt jetzt im Schloss Bellevue kein Spargel mehr im November auf den Tisch!-
Auch das „neue Getreide“, Quinoa, dessen Anbau in den Hochanden Perus von den spanischen Eroberern noch als unchristlich verboten wurde und in Europa bis ins 20. Jahrhundert nahezu unbekannt war, wird inzwischen bei uns hoch geschätzt; der Konsum hier hat sich vervielfacht , unter anderem bei Menschen mit Gluten-Unverträglichkeit. Die Preise sind dementsprechend in die Höhe geklettert, und das stark verteuerte Korn ist für peruanische Kleinbauern heute fast nicht mehr erschwinglich, so dass diese für sich auf billigere, industriell verarbeitete Lebensmittel umsteigen müssen. Und inzwischen wird die Produktion von Quinoa angesichts der guten Exportbedingungen bereits ins Tiefland ausgedehnt! Weitere Landbesitzkonzentration auf Kosten der Kleinbauern steht an!
Mit diesem und anderen Fragen wollen wir von der Informationsstelle Peru mit vielen, auch peruanischen Gästen uns bei dem jährlichen „Köln-Treffen“ am 24.-26. April befassen: die Exportlandwirtschaft, ihre Rolle in der Wirtschaftsentwicklung Perus, die sozialen, ökologischen Auswirkungen. Aber auch über mögliche Alternativen, unsere Rolle als deutsche Konsumenten und zivilgesellschaftlich Engagierte wollen wir diskutieren. – Wir freuen uns auf zahlreiche Teilnahme!
Viel Spass beim Lesen unseres neuen InfoPeru wünscht

Mechthild Ebeling
(Informationsstelle Peru e.V.)

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