“Die Völker können entscheiden, ob sie den Weg der Entwicklung oder den Weg der Armut gehen wollen”, sagte Pedro Cateriano, der Premierminister Perus. Anlass war der Konflikt um das Kupferabbauprojekt Tía María, das praktisch das ganze Jahr 2015 über die Öffentlichkeit bewegt hat.Die Meinung Caterianos bringt den politischen Diskurs Pro-Bergbau zum Ausdruck, der in Peru vorherrscht und fest davon überzeugt ist, dass der Bergbau Fortschritt und wirtschaftliche Entwicklung in die Bergbauregionen des Landes bringt.
Aber es geht nicht nur um Peru. Das selbe findet in anderen Ländern Lateinamerikas statt. Seit der Kolonialzeit funktioniert ein extravistisches System mit einer „rohstoffexportierenden Wirtschaft“. Dies bedeutet, dass die natürlichen Ressourcen (Erdöl, Kupfer, Gold etc.) in andere Länder exportiert werden, ohne weiter oder nur sehr wenig verarbeitet zu werden. Dieses System führt zu einer grossen Abhängigkeit der Länder von der Weltwirtschaft und der Nachfrage des Marktes.
Peruanischer Kontext des Extraktivismus
Zwischen 1990 und 2000 fand unter der Regierung von Alberto Fujimori, in Peru eine Fleixibilisierung des Bergbausektors statt, Staatsbetriebe wurden privatisiert. Diese Tendenz hält bis heute an. Heute ist der neoliberale Extraktivismus, wie ihn Anthony Bebbington nennt, wirtschaftlich und politisch gefestigt. Für den peruanischen Staat ist der Bergbau der Hauptmotor für die Entwicklung des Landes, denn die Unternehmen versprechen Investitionen und Arbeitsplätze. Deswegen hat die peruanische Regierung in den letzten beiden Jahren die Spielräume für die Bergbaufirmen erweitert, auf Kosten derUmwelt- und Menschenrechte in den Bergbaugebieten.
Die Bergbauprojekte jedoch bringen grosse Risiken für die Bauern- und Indigenengemeinden Perus. So besteht immer das latente Risiko, dass das Land für ein Bergbauprojekt konzessioniert wird, das ihren Zugang zu Land, Wasser, Erde und natürlichen Ressourcen einschränkt.
Die Anzahl der Schürfrechte ist ständig angestiegen, vor allem in den letzten beiden Jahren. 2014 waren 20% des peruanischen Territoriums mit Schürfrechten belegt (Quelle: Cooperacción). Die Versprechen und ihre Umsetzung halten dagegen nicht mit dieser Zahl mit. Verschiedene Studien weisen darauf hin, dass der Bergbau fast keinen positiven Effekt auf den Wohlstand und die Entwicklung der lokalen Bevölkerung hat (Arellano 2011, Arellano 2012).
Im Gegeneteil, der uruguayische Wissenschaftler Eduardo Gudynas spricht von einem verwüstenden Extraktivismus „mit schwerwiegenden sozialen, wirtschaftlichen, umweltschädlichen und das Land betreffenden Folgen auf lokaler und nationaler Ebene“ (Gudynas 2012).
Mit dem Bergbauboom sind in den letzten 10 Jahren auch die Anzahl von sozialen Konflikten gestiegen. Im März 2015 verzeichnete die peruanische Ombudsstelle 141 Umweltkonflikte, von denen wiederum 94 bzw. 66,7% mit dem Bergbau zu tun haben. In mehr als der Hälfte der Konflikte geht es um den Zugang zu Ackerland oder zu Wasser.
Der Wettbewerb um den Zugang zu den natürlichen Ressourcen hat zu Konflikten geführt zwischen den bäuerlichen und indigenen Gemeinschaften einerseits und den Bergbaufirmen andererseits. Viele dieser Konflikte wurden gewaltsam ausgetragen, nicht nur wegen des Zugangs zu den natürlichen Ressourcen, sondern wegen der Umweltverschmutzung, Gesundheitsproblemen, dem Landraub und der wirtschaftlichen Abhängigkeit vom Bergbau, wie auch wegen der beschränkten Entwicklungschancen für eine Region. .
Viele Nicht-Regierungsorganisationen und soziale Bewegungen kritisieren seit Jahren, dass die Umwelt- und Sozialstandards im Bergbau weder eingehalten noch kontrolliert werden. Einige Akteure kritisieren auch das extraktivistische Modell als solches. Im Moment wehrt sich die Bevölkerung im südperuanischen Valle del Tambo gegen das Kupferabbauprojekt Tía María“. Ihr Motto ist „Landwirtschaft und Wasser ja, Bergbau nein“. In vielen Fällen unterdrückt die Regierung die Proteste gewaltsam und diffamiert die Anführer und die Demonstranten als „Anti-Bergbau-Terroristen“. Das ist auch in Tía María der Fall.
Theoretische Annäherungen
Das theoretische Konzept der Politischen Ökologie ist ein wichtiger analytischer Beitrag, um die Kompelixität der Umwelt- und Landkonflikte besser zu verstehen (Bebbington 2013), denn die politische Ökologie analysiert die Verbindung zwischen den Machtinteressen der verschiedenen Akteure und deren Diskurse. So ist es z.Bsp. wichtig zu wissen, dass ein lokaler Konflikt seinen Ursprung in der globalen Nachfrage und im kapitalistischen Rennen um Energiequellen hat.
In den letzten 10 Jahren hat in Lateinamerika und insbesondere in Peru ein “schneller und aggressiver Extraktivismus” (Bebbington 2013) stattgefunden. Die natürlichen Ressourcen, die Mineralien, Erdöl und Erdgas sind unverzichtbar für das Wachstum der kapitalistischen globalen Wirtschaft. Dies bedeutet, dass „die Bergbautätigkeit den Druck auf die Wasserressourcen in den Gegenden erhöht, in denen das Wasser bereits knapp ist“ (Bebbington 2013).
Die Theorie der Ökologie der Armen bringt die zusätzliche Perspektive der lokalen Akteure. Im Rahmen der Bergbaukonflikte, wo der Streit um die Nutzung und den Zugang zu Land, Wasser und die Verteidigung des Landes geht, zeigt sie uns, dass der Widerstand der armen Landbevölkerung sich nicht auf ihr Umweltbewusstsein stützt, sondern „weil sie ihre eigene Subsistenz durch ein Bergbauprojekt bedroht sehen“ (Martínez-Alier 2002).
Bauerngemeinschaften verteidigen die familiäre Landwirtschaft
In vielen ländlichen Gegenden Perus protestieren die Bauenemeinschaften gegen Bergbauprojekte, sie verteidigen ihr Land. Ein Beispiel ist die Bauerngemeinschaft Cruz de Mayo, in der Region Ancash, die seit 2008 mit diesem Problem kämpft. Auf 224 Hektar ihres Landes hat der peruanische Staat Schürfrechte für ein Bergbauprojekt vergeben (CEAS 2011).
Das Dorf liegt auf 3500 Meter Höhe an der Quelle der Flüsse lullán und Parón. Das Dorf lebt von der familiären Landwirtschaft, sie bauen vorwiegend Kartoffeln, Mais, Bohnen und Blumen an, für den Markt und für den Eigengebrauch.
Die familiäre Landwirtschaft ist der Haupterwerb der Bevölkerung, immer mehr bewirtschaften auch ökologisch. „Bisher können wir gut von unserer Landwirtschaft leben“ . sagt der Bauer Adán– „deswegen verteidigen wir unser Land, weil das nicht zusammengeht, eine Mine auf unserem Land und die Landwirtschaft“. Derweil sagt Antonio, ein anderer Bauer: „Der Bergbau würde die Qualität und die Menge des Wassers beschneiden und würde sich nachteilig auf die Landwirtschaft und unseren Lebensstil auswirken. Wenn ich das Land verkaufe, habe ich zwar Geld, aber was tue ich, wenn das Geld aufgebraucht ist und ich kein Land mehr habe zum Säen ?“, sagt María, eine Bäuerin, die dort wohnt, wo es mehrere Quellen gibt.
Die Gemeinschaft hat sich organisiert, um ihr Land zu verteidgen. Die Bauern sind davon überzeugt, dass eine Stärkung der familiären Landwirtschaft und eine Diversifizierung der Wirtschaft in den ländlichen Gebieten viele Vorteile bringen würde. Eine Studie von F. Eguren und M. Pintado aus dem Jahr 2015 sagt: der Beitrag der kleinbäuerlichen Landwirtschaft für die landwirtschaftliche Produktion in Peru zeigt die Bedeutung der familiären Landwirtschaft mit ihrem hohen Beitrag an die wirtschaftlich tätige Bevölkerung und den grossen Beitrag an den Wert der landwirtschaftlichen Produktion.
Nach dem Extraktivismus: Perspektiven
Zusammenfassend kann man sagen: aufgrund der grossen Konfliktivität, die durch die Bergbauprojekte und den Kampf um Zugang zu Wasser und Land ausgelöst werden, ist das extraktivistische Modell nicht nachhaltig. Die Anzahl von Bergbaukonflikten und Widerstandskämpfen zeigt die strukturellen Schwächen und Fehler dieses Modells. Deswegen braucht es eine Alternative zum Bergbau.
Einige Theoretiker, Kritiker und Anführer von sozialen Bewegungen fordern Übergänge zu einem post-extraktivistischen Modell. Einem Modell, das nur soviel Bergbau erlaubt, wie es wirklich notwendig und unverzichtbar ist, ohne Umweltverschmutzung und Menschenrechtsverletzungen.
Es gibt Beispiele dafür, wie verschiedene post-extraktivistische Autoren zeigen (Bebbington 2013, Rauch 2009), allerdings nur auf lokaler Ebene und ohne Verbindung zur nationalen Wirtschaft mit ähnlichen Charakteristiken und deshalb auch ohne Nachhaltigkeit.
Um Übergänge zu einem post-extraktivistischen Modell zu leben, braucht es eine Diversifizierung der nationalen und lokalen Wirtschaft. Die Stärkung der familiären Landwirtschaft ist ein wichtiges Element auf dem Weg zu diesem Modell.
Die familiäre Landwirtschaft stärkt die Gemeinden und ihre Wirtscahft, so wie auch die landesweite Wirtschaft und den Umweltschutz. Deswegen ist die familiäre Landwirtschaft eine realistische und nachhaltige Alternative zum Bergbau. Ihr Potential für ein post-extraktivistisches Modell ist wichtig, zusammen mit dem Modell des Guten Lebens auf regionaler und Post-Wachstum-Modellen auf internationaler Ebene.
Mattes Tempelmann (Red Muqui – Comundo)
Der Text wurde erstmals in spanisch veröffentlicht auf http://www.sudamericarural.org/nuestra-produccion/dialogos/160?view=dialogos

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