Ein Besuch im Tiefland von Cusco, wo das reichste Dorf Perus liegt.

Echarati, die Hauptstadt des gleichlautenden Distriktes, liegt am Fluss Urubamba, 250 km und sechs bis acht Autostunden (je nach Wetterlage und Straßenzustand) von Cusco entfernt. Über den Pass Abra Málaga auf 4.300 m Höhe geht es steil und kurvenreich in die Selva Alta, zunächst nach Quillabamba, Hauptstadt der Provinz La Convención, zu der Echarati gehört. Von dort ist es nicht mehr weit bis Echarati.

 

Echarati ist der reichste Distrikt Perus. Vor zwei Jahren lag sein Jahreshaushalt bei rund 500 Mio. Soles (ca. 150 Mio. US-Dollar). Grund dafür sind die Steuerabgaben des Gasprojektes Camisea, die in den Distrikt fließen. Ein Konsortium unterschiedlicher Energiekonzerne, angeführt vom argentinischen Pluspetrol, beutet seit 2004 Erdgas aus. Die Erdgasvorkommen liegen im Gebiet Megantoni. Um von Echarati nach Megantoni zu kommen, ist man sechs weitere Stunden Auto- und mindestens fünf Stunden Bootsfahrt unterwegs.

Was macht ein so reicher Distrikt mit seinem Geld? Wer profitiert davon? Das Erdgas aus dem Projekt Camisea wird in riesigen Pipelines an die Küste transportiert. Vor Ort bleiben nur Umweltschäden: Fischsterben im Fluss Urubamba, Gesundheitsschäden bei der benachbarten1 Bevölkerung. Ein Zusammenhang mit dem Gasprojekt konnte bisher nicht nachgewiesen werden, da die einzigen Untersuchungen dazu von den Gasunternehmen selbst finanziert wurden.

Kommt immerhin das Geld aus den Steuerabgaben bei der Bevölkerung an? Nein – das sagten zumindest die Einwohner*innen von Megantoni, einem großen Natur- und Indigenenreservat im Amazonasgebiet, das bis vor einem Jahr zum Distrikt Echarati gehörte. Hier leben vor allem drei indigene Völker: Matsiguenge, Yine Yame und Asháninka, sowie einige nicht kontaktierte Völker. Vom Reichtum Echaratis sei dort nichts angekommen, sagen der jetzige Bürgermeister, Abgeordnete und Vertreter*innen von indigenen und Nichtregierungsorganisationen, obwohl das Erdgas für das Projekt Camisea in Megantoni gewonnen wird. 70% der Kinder unter elf Jahren seien chronisch unterernährt, es fehlt an Gesundheitsversorgung, sauberem2 Trinkwasser, Infrastruktur.

Megantoni fühlte sich vom Distrikt Echarati und von der Provinzregierung vernachlässigt und im Stich gelassen, erzählt der Anthropologe Javier Umeres, der lange in der Distrikt- und in der Provinzverwaltung gearbeitet hat. Deshalb hat sich Megantoni von Echarati unabhängig gemacht und ist seit gut einem Jahr zum selbständigen Distrikt erklärt worden. Daniel Ríos, Matsiguenge und seit Januar Bürgermeister des neuen Distriktes, kritisiert: „Wir sind ein Millionärs-Distrikt, und gehören gleichzeitig zur ärmsten Bevölkerung Perus.“ Auf die Frage, wo das viele Geld gelandet ist, antwortet er: „en el bolsillo“ – im Geldbeutel (seiner Vorgänger). Und: „Es wurde in eine gigantische Infrastruktur investiert statt in Humankapital.“ Bei einem Rundgang durch Echarati zeigt uns Javier Umeres einige der Infrastrukturprojekte: gut gebaute und ausgestattete Schulen und Kindergärten, ebenso ein großes und schönes Schwimmbad mitten in der Stadt. Davon profitieren viele – allerdings nicht die indigenen Völker in Megantoni, die mindestens eine Tagesreise von der Distrikt-Hauptstadt entfernt wohnen. Einige teure Projekte wurden auch in den Sand gesetzt: Ein großes, modernes Krankenhaus ist seit 2014 fertiggestellt und steht bis heute ungenutzt da, weil sich keine Ärzte finden, die hier arbeiten würden. 2009 wurde eine große Brücke über den Urubamba gebaut und ist am Tag der Einweihung eingestürzt – wegen Planungsfehlern. Seit kurzem ist eine neue Brücke im Bau.

Nun also ist Megantoni mit seinen rund 12.000 Einwohner*innen ein eigener Distrikt mit eigenen Einkünften – etwa 60% des bisherigen Haushaltes von Echarati gehört nun Megantoni, aktuell rund 80 Mio. US-Dollar. Und der neue Bürgermeister mit seinen Abgeordneten hat sich viel vorgenommen: Megantoni soll zum ökologischen Modelldistrikt werden: Stromversorgung durch Photovoltaik, Projekte zum Schutz des Waldes, Förderung des Anbaus und der Weiterverarbeitung der einheimischen Baumwolle für den lokalen Markt, Ökotourismus, Jugendbeteiligung. Hierfür soll das Geld des jetzt zweitreichsten Distriktes Perus in Zukunft investiert werden.

Noch haben der Bürgermeister, seine Abgeordneten und die Verwaltung ihren Sitz in Echarati – also weit weg von ihrem eigenen Distrikt. Dort nämlich fehlt bisher die nötige Infrastruktur, um eine Verwaltung aufzubauen.

Juan Luis Camacho, Anthropologe aus Cusco, der in Freiburg promoviert, hat bei Studienaufenthalten die Entwicklung in Megantoni begleitet. Dabei ist ihm die Idee einer Klimapartnerschaft zwischen Megantoni und der Stadt Freiburg gekommen. In einer Klimapartnerschaft soll die gemeinsame Verantwortung für den Klimaschutz auf lokaler Ebene durch konkrete Projekte wahrgenommen werden – in Zusammenarbeit zwischen den Stadtverwaltungen einerseits und zivilgesellschaftlichen und indigenen Organisationen andererseits. Eine solche Partnerschaft könnte den neuen Distrikt in seiner Aufbruchsstimmung und mit den vielen Visionen und Ideen weiterbringen – wenn daran auch die indigenen Organisationen beteiligt sind. Bürgermeister Daniel Ríos ist von der Idee begeistert.

Annette Brox

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