Der  Maler Rember Yahuarcani erlebt die Ausgangssperre in seinem Geburtsort: im Distrikt Pebas in der Region Loreto, wo das staatliche Überbrückungsgeld für Betroffene der Coronakrise nicht ausbezahlt werden kann, weil es dort kein Geld gibt.

 

Ein Mann trägt einen Baumstamm auf seiner Schulter. Ein Fischer rudert schnurstracks nach Hause. Ein paar Mädchen beobachten ängstlich aus ihren Fenstern die Militärs. Etwa 30 Frauen stehen Schlange vor einem Mitarbeiter der Nationalbank. Eine Frau sucht den Gesundheitsposten auf, weil sie am Denguefieber erkrankt ist. Niemand empfängt sie zur Behandlung. Unsicherheit und Besorgnis haben das Dorf überfallen wir ein sintflutartiger Regen, von dem niemand weiß, wann er endet. Mit erschöpften Gesichtern hören viele Menschen aus dem Lautsprecher den neuesten Bericht über die Zahl der Covid-19-Infizierten in Iquitos. Grabesstille liegt über dem kleinen, einst geschäftig lärmenden Hafen und Marktplatz. Die Preise für Reis, Zucker und Öl sind gestiegen, ein Ei kostet einen Sol (27 Eurocent), Fisch gibt es kaum. Das Unbehagen steht den Menschen im Gesicht.

Foto: Rember Yahuarcani

Einige sind erst letzte Nacht aus Iquitos gekommen, sie sind in irgendeinem Boot geflohen oder haben sich zwischen den Produkten auf dem Motorboot versteckt, das nur Lasten transportieren darf. Das Volk befürchtet das Schlimmste: eine Ansteckung.

 

Zwei Bankmitarbeiter ohne Geld

Pebas ist einer der vier Distrikte der Provinz Ramón Castilla. In seinem Gebiet liegen 60 Gemeinden. Er liegt an der Mündung des Flusses Ampiyacú in den Amazonas und hat laut der Volkszählung von 2017 12.694 Einwohner*innen. Im Distrikt gibt es zwei Bankmitarbeiter, denen die Geldmittel fehlen. Viele Menschen haben die Berechtigung auf das staatliche Überbrückungsgeld von 380 Soles (100 Euro), die Warteschlangen sind lang. Sie beginnen um sechs Uhr morgens und ziehen sich bis um neun Uhr hin. Ob die Wartenden Geld bekommen, hängt vor allem davon ab, ob am Vortag Geld bei den Bankmitarbeitern angekommen ist. Wenn nicht, wird nicht ausgezahlt.

Seit vielen Jahren fordern die Gemeinden die Eröffnung einer Filiale der Nationalbank. Das würde ihnen Geld und die weite Fahrt von 13 bis 18 Stunden in die Provinzhauptstadt oder nach Iquitos ersparen. Während ich diesen Bericht schreibe, sagen mir viele Menschen, die Ankündigungen des Präsidenten seien nutzlos, wenn es keinen Ort gibt, wo sie die 380 Soles abholen können.

 

Krankhafte Strukturen

Pebas verfügt auch über ein Gesundheitszentrum und zwölf Gesundheitsposten. Die Ausstattung ist nicht optimal, es fehlt an Personal und modernen medizinischen Geräten. Aus irgendeinem Grund, den niemand erklären kann, stellt der Arzt am Ende immer ein Rezept für Paracetamol oder Ibuprofen aus. Sollte Covid-19 hier ankommen, wäre das eine nie dagewesene Katastrophe. Elektrischen Strom gibt es von sechs bis elf Uhr abends. Der verkündete Unterricht per Fernsehen, Radio oder Internet ist also unmöglich.

Pebas ist auch das Eingangstor zu den indigenen Gemeinden der Uitoto, Bora, Ocaina und Yagua, die an den Ufern der Flüsse Ampiyacú und Yaguasyacú liegen. Die Yagua leben dort seit Hunderten von Jahren. Die jüngere Geschichte der Uitoto, Bora und Ocaina ist eng mit dem dunklen Kapitel des Kautschukbooms verbunden. Und wenn wir von Krankheiten sprechen, dürfen wir nicht vergessen, dass diese drei Völker zu Beginn des letzten Jahrhunderts von den Masern vernichtet wurden.

Covid-19 trifft die indigene Welt zum schlechtesten Augenblick: extreme Armut, Blutarmut, Hepatitis B und C, Diabetes, Malaria, Denguefieber, Ölunglücke, Morde an sozialen Anführer*innen und eine historische Vernachlässigung durch den Staat sind nur einige der krankhaften Entwicklungen, die die Indigenen belasten.

 

Die indigenen Gemeinden haben angesichts der Pandemie ihre eigenen Maßnahmen ergriffen. Sie haben ihre Grenzen geschlossen und bewachen ihre Flüsse. Das hat dazu geführt, dass die Versorgung mit dem Notwendigsten zusammengebrochen ist: Medizin, Lebensmittel und der Handel mit lokalen Produkten. Die Intervention des Staates ist in dieser Situation entscheidend für das Überleben der Gemeinden, deren Flüsse und Flächen verseucht sind; wo es keine Fische zum Fischen, keine Lebensmittel zum Ernten und keine Tiere zum Jagen mehr gibt; wo das Überbrückungsgeld von 380 Soles nicht ausreicht, um eine Familie zu ernähren und wo den Gesundheitszentren die medizinische Grundausstattung fehlt. Dringend nötig ist auch eine strenge Überwachung der Schiffe und fremden Personen, die in die indigenen Gebiete kommen.

Was es braucht ist eine wirkliche Annäherung des Staates an die Indigenen.

 

Rember Yahuarcani

Übersetzung:  Annette Brox

 

Original: https://elcomercio.pe/eldominical/sin-dinero-ni-salud-quien-protege-a-la-poblacion-indigena-durante-la-cuarentena-iquitos-selva-poblacion-vulnerable-loreto-bono-banco-de-la-nacion-coronavirus-covid-19-noticia/?ref=ecr

 

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