Die brasilianische Erdölfirma Petrobras will im peruanischen Regenwald Erdöl fördern. Dabei befürchtet sie – sicher zu Recht – Proteste seitens der betroffenen indigenen Bevölkerung. Die peruanische Dachorganisation indigener Völker AIDESEP benötigt andererseits für viele wichtige Vorhaben Geld.

Am 11.7.12 haben der aktuelle Präsident von AIDESEP, Alberto Pizango Chota, und der Direktor von Petrobras in Peru, Pedro M. Grijallea Vásquez,einen Vertrag in Höhe von ca. 77.000 Dollar unterzeichnet. Dabei verpflichtet sich AIDESEP,  zu einem „harmonischen Verhältnis“ zwischen den von der Erdölförderung betroffenen indigenen Dorfgemeinschaften und der Erdölfirma Petrobras beizutragen.

Petrobras ist weltweit in 26 Ländern in den Bereichen Erdöl, Erdgas und Agrotreibstoffen aktiv. Sie ist das fünftgrößte Energie-Unternehmen weltweit und seit 1996 auch in Peru tätig, in den Regionen Maranon, Huallaga, Madre de Dios und Cusco..

Besonders bedenklich sehen Umweltschützer, dass Petrobras von der peruanischen Regierung das Gebiet „Lote 58“ als Konzession bekommen hat, das in der Provinz Concepción (Region Cusco) liegt und nahe an drei offiziellen Schutzgebieten / Nationalparks wie Manu und dem Santuario Megantoni liegt.

AIDESEP hat bisher intensiv gegen Umwelt zerstörende Aktivitäten seitens der extraktiven Industrie gekämpft. Die deklarierten Ziele von AIDESEP sind: Verteidigung des Lebens, Verteidigung des indigenen Territoriums, der natürlichen Ressourcen, Kultur und Menschenrechte. Dafür hat AIDESEP z.B. 1986 den Alternativen Friedensnobelpreis bekommen.

Jetzt ist die Sorge groß, dass mit der  Geldannahme durch einen Erdölkonzern die Autonomie gegenüber privaten wirtschaftlichen Interessen verloren geht.

Alberto Pizango verteidigt seine Vertragsunterzeichnung mit der Notwendigkeit, Geld zu brauchen für die vielen Aufgaben und Projekte, die AIDESEP habe und wofür die Zuschüsse von internationalen Organisationen nicht ausreichten.

Die Kritik ist außerordentlich heftig, geht ein solches Verhalten doch an die Grundpfeiler der Philosophie der indigenen Dachorganisation:

AIDESEP hatte bisher die andere große Organisation im Regenwald, CONAP, als Sprachrohr indigener Dorfgemeinschaften immer dahingehend kritisiert, dass diese Geld von Unternehmen angenommen habe. Diese Kritik muss AIDESEP  jetzt selbst erwarten.

 

Es wird nun  gefragt, ob die indigenen Basisorganisationen von diesem Deal gewusst haben, also vorab gefragt worden sind. Das ist wohl nicht der Fall. Und so ist die Kritik aus den Reihen der sozialen Basis von Alberto Pizango, dem Volk der Shawi  mit mehr als 100 indigenen Siedlungen im Alto Amazonas, Region Loreto,  sehr heftig. „Das ist Verrat an den indigenen Völkern und ein großer Fehler von Pizango. Keine Basisorganisation bei uns im Distrikt oder in der Region wurde dazu informiert oder gefragt“, so Alfredo Torres Rucuba, Shawi und Bürgermeister im Distrikt Balsapuerto, Alto Amazonas am 20.11.12.  Auch hier gibt es Versammlungen von Verantwortlichen indigener Organisationen, die u.a. deshalb einen außerordentlichen Kongress von AIDESEP fordern.

Die große Sorge ist auch: Wenn AIDESEP ein solch wichtiges Projekt mit einem Erdölkonzern nicht mit der eigenen Basis vorab diskutiert und zu einer Übereinkunft kommt, wie will die Organisation dann gegenüber dem peruanischen Staat die „Vorab-Konsultation“ (die „Consulta previa“, gemäß der  ILO-Konvention 169) mit der notwendigen Glaubwürdigkeit einfordern?

Im Juni 2012 war eine Delegation vom Arbeitskreis München-Asháninka in Peru und hatte ein längeres Gespräch mit Alberto Pizango im Büro von AIDESEP. Dabei betonte dieser, wie wichtig Autonomie und Unabhängigkeit für die indigene Bevölkerung  sei,  und dass dieses nur durch internationale Unterstützung ermöglicht würde. Natürlich haben die internationalen Hilfswerke von dem Deal mit Petrobras erfahren und es wird interessant sein, wie sie darauf in naher Zukunft reagieren.

 

Heinz Schulze

Quellen: Servindi, Lima, 15.10, 19.10, 20.11. und eigene Aufzeichnungen