Ayacucho, gegen zehn Uhr vormittags, Menschen kreuzen die Straßen von  einer Seite zur anderen in dem Versuch, dem Regen auszuweichen und nicht   nass zu werden,  vom  „warmi para“, dem Frauenregen, wie er genannt wird.   Auf einer Straßenseite  eine Gruppe von hauptsächlich Frauen aus den Verbänden der Opfer des internen Krieges, sie schreien immer wieder: „Gerechtigkeit, Wahrheit und Wiedergutmachung!“ Die Vorübergehenden nehmen nur selten den Protest wahr, sie sind zu sehr mit sich selbst und ihrer Welt beschäftigt.  –  Auch in den Strassen von  Lima wiederholen Menschen der Opferverbände aus den 14 am stärksten betroffenen Regionen des Landes den gleichen  Ruf:  „Gerechtigkeit, Wahrheit und Wiedergutmachung!“

Heute vor 10 Jahren  hat die peruanische Wahrheits- und Versöhnungskommission (CVR) ihren Abschlussbericht vorgelegt. Sie hat u.a. erklärt, dass der grausame Konflikt insgesamt  69280 Peruanerinnen und Peruanern das Leben gekostet hat. Die Hauptverantwortlichen dafür war die kommunistische Guerillagruppierung  „Sendero Luminoso“ , aber auch staatliche Sicherheitsgruppen   waren maßgeblich an den Verbrechen beteiligt . Die meisten Opfer stammten aus dem ländlichen Raum des Hinterlandes, während die Mehrheit der peruanischen Bevölkerung  das Drama ignorierte. … Salomon Lerner, ehemaliger Präsident der CVR, schreibt: „ Die beiden letzten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts, das muss ohne Umschweife gesagt werden, waren geprägt durch Schreckensherrschaft  und Würdelosigkeit  des Staates und der peruanischen Gesellschaft.“  Diejenigen, die im CVR-Bericht kritisiert wurden,  nämlich Teile der Streitkräfte, Politiker und konservative Sektoren  der Öffentlichkeit,  reagieren zum Teil  mit heftiger Kritik an diesem Anschlussbericht.

Bericht der Wahrheitskommission immer noch angefeindet

Was hat sich nun verändert seit Veröffentlichung dieses Berichtes vor zehn Jahren? Noch immer erscheint  harte Kritik  wie von Seiten des Ex-Apra-Ministers Rafael Rey, der im Jahr 2010 das umstrittene Dekret Nr. 1097 vorangetrieben hat, welches vorsah, einen rechtlichen Rahmen für Straffreiheit für Angehörige des Militärs  zu schaffen , welche Menschenrechtsverletzungen beschuldigt worden waren.  (Anm. 1) Wiederholten Males hat er polemisiert, dass „die Mitglieder der Kommission, welche willkürlich ausgesucht worden seien,  stark übertrieben hätten bezüglich der Anzahl der Opfer und ihre angeblich wissenschaftliche Erhebungsmethode niemals offen dargelegt hätten“.  Angesichts dieser Kritik haben staatliche Institutionen wie die Ombudsstelle und der Rat für Wiedergutmachung erklärt, dass im März 2013 sogar eine  Anzahl von 182 350 Personen als Opfer akkreditiert seien, also fast dreimal so viel Menschen, wie im Abschlussbericht der CVR festgehalten sind.

Auch das staatliche Programm zur Wiedergutmachung der Opfer ist nur wenig vorangekommen.  Über das Programm zur individuellen finanziellen Wiedergutmachung wurden bisher nur 37% der registrierten Familien mit dem fast lächerlichen Betrag von 10.000  Soles  (etwa 2800 Euro , pro Familie) abgefunden . Rocio Silva Santisteban (Anm. 2) erklärt z.B., dass bis März 2013 insgesamt 3587 Personen verstorben waren,  bevor sie irgendeine Entschädigung erhalten hatten.  Und die Ombudsstelle beklagt, dass die gegenwärtige Regierung den Reparationsfonds gekürzt hat.

Zögerliche juristische Aufarbeitung

Bezüglich der gerichtlichen Aufarbeitung der Fälle von Menschenrechtsverletzungen wird deutlich, dass die zuständigen Behörden sehr zögerlich ihre Arbeit angehen. So dauerte  z.B. der Prozess zum Fall „Barrios Altos“ (Anm. 3) insgesamt 5 Jahre, und der Prozess zum Fall „Accomarca“ (Anm. 4)  dauert bereits drei Jahre. Von den bisher etwa 200 Anklagen wurden 77 eingestellt ohne jegliche Untersuchung.  Bei Gerichtsverhandlungen ist es durchaus üblich, dass Richter von den Klage erhebenden Angehörigen Beweismaterial und Zeugen bezüglich des „Verschwindens“ fordern, obwohl klar ist, dass diese Verbrechen ohne Zeugen und noch weniger ohne Dokumentation stattfanden. Demicia Calderón, Angehörige eines  „Verschwundenen“,  erklärte: „Wir sind Zeugen. In der Nacht haben sie unsere Verwandten weggeholt. Wie sollen wir denn andere Zeugen beibringen? Sollten wir denn damals die Möglichkeit gehabt haben, extra noch Zeugen herbeizurufen?“  Weder das Innenministerium noch das Verteidigungsministerium unterstützen die Staatsanwaltschaft bei ihren Untersuchungen.   Wenn Beweismaterial angefordert wird, heißt es meist, diese Dokumente seien verbrannt, und so werden  Täter aus ihren eigenen Reihen geschützt. (Anm. 5)

30 Jahre ANFASEP

Vor 30 Jahren wurde der Verband  ANFASEP (Nationaler  peruanischer Verband  der Angehörigen von Entführten, Gefangenen und Verschwundenen) in Ayacucho gegründet, der  erstmalig laut die Menschenrechtsverletzungen an den Opfern anklagte. In einer Gedenkveranstaltung von ANFASEP  sagt z.B. Pilar Fierro aus, die Mutter der Studentin  Dora Eyaque Fierro, welche in der Universität „La Cantuta“ (Anm. 6) entführt worden war. Dieser Fall gilt als beispielhaft für die Vergangenheitsaufarbeitung, 10 Jahre nach dem Bericht der CVR.  Dennoch fühlt sich  Frau Pilar Fierro, welche eine finanzielle Abfindung erhalten hat und die Täter bestraft weiß, immer noch nicht beruhigt und sie kämpft weiter mit den Müttern von ANFASEP für Menschenrechte und Versöhnung. Sie klagt:  „Seit 21 Jahren habe ich keine Tochter mehr. Ich werde nie mehr ihre Zärtlichkeit und Liebe spüren, vielleicht hätte ich jetzt Enkelkinder, aber  das bleibt mir auch versagt….“  Es wurden verkohlte  Knochen gefunden, die wahrscheinlich die ihrer Tochter waren, aber selbst mit DNA-Proben konnten sie nicht eindeutig identifiziert werden. So fühlt sie immer noch, dass ihre Tochter verschwunden ist.

10 Jahre sind vergangen, aber der Bericht der Wahrheitskommission wird noch immer nicht an öffentlichen Schulen gelesen und diskutiert, und ebenso wenig bei der  Polizei und beim Militär. Und deshalb sind die Opferorganisationen weiter aktiv, obwohl die Mitglieder alt werden und meist keine guten  Lebensbedingungen haben.  Aber  sie sind hartnäckig und machen weiter im Kampf  gegen die Verfälschung der historischen Tatsachen. Und sie warten weiter auf eine Entschuldigung von Seiten der Militärkräfte und auch der Sendero-Gruppierungen für die grausamen Verbrechen an ihren Lieben.

(Anm. 1)  Dieses Dekret wurde vom damaligen Präsidenten Alan Garcia (2006 – 2011) unterstützt, welcher selbst in Verbrechen in den Jahren des internen Krieges verwickelt ist.

 (Anm. 2) Rocio Silva Santisteban ist Generalsekretärin des peruanischen Verbandes von Menschenrechtsorganisationen, der Coordinadora Nacional de Derechos Humanos.

 (Anm. 3) Als Fall „Barrios Altos“  wird die Ermordung von 15 Personen am 3. November 1991 durch Personal des  militärischen Geheimdienstes während eines privaten Festes bekannt. Unter den Opfern waren ein achtjähriger Junge sowie sein Vater.

 (Anm. 4)  In dem Ort Accomarca  in der Region Ayacucho wurden im Jahr 1985 insgesamt 69 Menschen von Angehörigen des Militärs ermordet.

 (Anm. 5) Der Hauptangeklagte der Verbrechen von Accomarca  wurde bald darauf dreimal befördert und später immer wieder durch die Militärinstitutionen gedeckt.

 (Anm. 6) Neun Studierende und ein Professor wurden am 18. Juli 1992 von der Nationalen Universität Enrique Guzman y Valle („La Cantuta“) verschwunden, Täter waren Angehörige des Militärs und einer paramilitärischen Gruppierung. Der Ex-Präsident Fujimori und mehrere  Offiziere des Militärs verbüßen u.a. wegen diesem Fall eine Gefängnisstrafe.

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Text und Foto: Heeder Soto Quispe

Heeder Soto Quispe ist Künstler und Ethnologe. Er ist Mitglied von ANFASEP in Ayacucho. Sein Vater wurde während des Bürgerkrieges vom Militär getötet. – Auf seiner Website ist der Text im Original nachzulesen  und viele beeindruckende Fotos zu sehen.

http://heedersoto.wordpress.com/

 

(Übersetzung: Mechthild Ebeling)

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