Das Vizeministerium für Interkulturalität im Kultusministerium ist für den Schutz unkontaktierter und im Initialkontakt lebender indigener Bevölkerung in Peru zuständig – damit auch für die Nahua und Nanti sowie weitere Indigene, die im Schutzgebiet Kugapakori Initialkontakt mit der nicht-indigenen Gesellschaft haben.

Angrenzend an mehrere Seiten dieses Schutzgebiets hat das multinationale Unternehmen Pluspetrol (Hauptsitz in Argentinien) die Konzession über das Terrain und führt dort das immense, höchst ergiebige und lukrative Erdgasprojekt Camisea durch: Block 88 – Lote 88.

Doch genug ist nicht genug: Könnte man die Ausbeutung in die Schutzgebiete hinein ausdehnen, ließe sich die Gasproduktion noch erheblich ausweiten. Für die dort lebende indigene Bevölkerung wäre dies allerdings lebensgefährlich.

Laut UNESCO gehört das Nahua-Nanti-Gebiet zu den Weltregionen mit der größten biologischen Vielfalt. Sicher ist, dass theoretisch die dort in freiwilliger Isolation lebenden Nahua-Nanti, Matsigenga und Masko-Piro gut leben können: sofern sie nicht durch Einflüsse von außen dezimiert werden. 1984 war durch eine von Shell-Erdöl- Arbeitern eingeschleppte Epidemie die Hälfte der Nahua-Bevölkerung gestorben. Heute übt Pluspetrol, flankiert von der wirtschaftsfreundlichen Presse, erheblichen Druck auf Politik und Gesellschaft aus, um noch mehr als die bereits früher angetastete Fläche (ca. 25 %) des Schutzgebiets für sich zu erobern. Der Staat hatte das Schutzgebiet 1990 eingerichtet und 10 Jahre später erteilte er darauf Konzessionen; Block 88 ging an Pluspetrol und ragte schon ordentlich hinein ins Schutzgebiet.

Während früher offiziell (auch) vom Energieminister behauptet wurde, dass durch Infrastrukturprojekte keine unkontaktierten Indigenen bedroht sein könnten, weil es keine gäbe –  schließlich habe er keine gesehen -, wird heute Wert darauf gelegt zu betonen, man habe intensiven Kontakt und treffe Absprachen mit ihnen.

Pluspetrol verweist auf seiner Webseite auf den eigenen Respekt vor lokaler Kultur und Umwelt dank der Verwendung neuester Technologie. Zwar wird das Erdgas über eine 700 km lange Pipeline durch den Regenwald und über die Anden bis an die Küste geleitet – aber diesen Teil des Geschäfts erledigt die Firma TgP (Transportaciones de Gas del Peru). Bei Problemen lassen sich die Verantwortlichkeit hin- und herschieben.

Nun hat sich das Vizeministerium, das für den Schutz der indigenen Bevölkerung zuständig ist, mit einer ministeriellen Stellungnahme (003-2014-VMI) zu Wort gemeldet. Diese gibt „grünes Licht“ für die Ausdehnungspläne von Pluspetrol und führt als Argumente ins Feld:

Aus den Erlösen von Pluspetrol erhalten die Indigenen 496.000 Dollar, die bisher vom (bei ihnen tätigen) kath. Missionsorden der Dominikaner verwaltet werden, als finanzielle Entschädigung.

Die Nahua erhalten Geburtsurkunden und Personalausweise – und sie dürfen sich auf ihrem Territorium frei bewegen. In ihrem Kerngebiet soll nicht gesprengt werden dürfen und verunreinigtes Wasser soll geklärt werden, bevor es wieder in die Flüsse geleitet wird. Die Transporte zur neuen Station sollen ausschließlich mit Hubschraubern erfolgen und zur Schonung der Tiere nur tagsüber stattfinden.

Eine Gesundheitsbrigade wird (wie im Jahr 2013 zur Bekämpfung einer gefährlichen Durchfallerkrankung) weiterhin im Gebiet tätig sein, und alle Arbeiter werden vor ihrem Einsatz im Schutzgebiet medizinisch untersucht und geimpft. Außerdem würden die Arbeiter angehalten, sich insbesondere in der Nähe indigener Siedlungen bei der Arbeit leise zu verhalten. Und es würde mit Hilfe eines von Ethnologen erarbeiteten Plans gesichert, dass die indigene Bevölkerung nicht mit Fremden in Kontakt käme. Eine (vorgeschriebene) Umweltverträglichkeitsstudie aus dem Jahr 2005 (!) habe ergeben, dass bei dem Projekt alle umwelt- und menschenrechtsrelevanten Belange berücksichtigt seien.

Diese  Stellungnahme  löste eine Welle der Empörung aus, unter anderem beim UN-Komitee zur Beendigung rassistischer Diskriminierung sowie bei der Interamerikanischen Menschenrechtskommission CIDH, aber auch in Peru selbst: Dem Dachverband der indigenen Organisationen Perus, AIDESEP, werfen wegen seines Protests nun die Dominikanermissionare paternalistisches Verhalten vor. Das Vizeministerium selbst rudert verbal etwas zurück. Dennoch sind mehrere Organisationen, die an der Vorbereitung der internationalen Klimakonferenz COP 20 im Dezember 2014 in Lima beteiligt sind, fest entschlossen, das Beispiel Camisea / Block 88 als Rundum-Negativbeispiel einzubringen.

(Aus: Correo del Caroni, 16.4.14, Servindi, 18.4.2014, Übersetzung und Zusammenfassung Heinz Schulze)


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