Zwangssterilisierte Frauen in Peru kämpfen immer noch um ihre Anerkennung.

 „Wir fordern Respekt und denunzieren die Drohungen gegen unsere Organisationen“. Unter diesem Leitsatz publizierte die nationale Betroffenenorganisation zwangssterilisierter Frauen AMPAEF (Asociación de Mujeres Peruanas Afectadas por Esperilizaciones Forzadas)  am 12. August 2019 eine Stellungnahme auf ihrer Facebookseite. Sie forderte damit ein Ende der politischen Instrumentalisierung durch verschiedene Parteien. Besonders im Norden des Landes, in Huancabamba, sei die Lage untragbar, heißt es in der Stellungnahme. Die sich für die Aufarbeitung der Zwangssterilisationen einsetzenden Frauenverbände seien aktuell massiven Einschüchterungs- und Diffamationsversuchen ausgesetzt.

Zwei Jahrzehnte ist es her, dass in Peru etwa 350 000 indigene Frauen und 25 000* Männer zwangssterilisiert wurden. Fast genau so lange dauern nun auch schon die Kämpfe für Gerechtigkeit an, die die selbstorganisierten Frauen führen. Leider stellen auch die in der Stellungnahme angeprangerten Vorfälle keineswegs ein Novum dar.

 

Andauernde Bedrohungen

 

So berichtete Rute Zúñiga, die Präsidentin von AMPAEF und AMAEF, einer regionalen Betroffenenorganisation in Cusco, im Jahr 2017, dass ein Hauptproblem ihres Protestes das kontinuierliche Bedrohtwerden sei. Die Frequenz und Intensität der Drohungen gegen die politisch aktiven Frauen veränderten sich je nach politischer Konjunktur. Schlimm sei das Jahr 2016 gewesen, als Keiko Fujimori für die Präsidentschaft kandidierte, berichtet Rute Zúñiga. Bei Behördengängen, bei welchen sich die Frauen als Opfer von Zwangssterilisation zu erkennen geben, kam es zu zahlreichen Fällen von Belästigung durch Mitarbeiter*innen – etwa bei den Registrierungsstellen des nationalen Opferregisters Reviesfo. Die Mitglieder von AMAEF mussten sich Sätze anhören, durch die Täter zu vermeintlichen Opfern verkehrt wurden: „Der arme Alberto Fujimori, wie könnt ihr ihn beschuldigen!? Tut es euch nicht leid, dass er im Gefängnis ist!? Der Arme, und ihr beschuldigt ihn noch.“ Weitere Äußerungen lauteten: „Habt ihr etwa Geld für den Gerichtsprozess? Gleich kommt ihr ins Gefängnis. An dem Tag, an dem Keiko gewinnen wird, wird sie euch Süßes schicken mit Gift darin.“ Diese Vorfälle bereiten den Frauen große Sorgen und führen dazu, dass sie vor Behördengängen Angst haben, erzählt Rute Zúñiga.

Auch sie selbst wurde wiederholt bedroht: „Ich erhielt Anrufe mitten in der Nacht, zu jeder Zeit. Sie riefen mich an und bedrohten mich und sagten, «Wenn du da mit drin steckst und den Frauen die Lüge in den Kopf setzt, dass sie gezwungen waren, sich operieren zu lassen, dann weißt du nicht, was dir geschehen wird.»“.

 

Scham vor dem Outing

 

Sie erzählt auch, wie innerhalb der Gemeinden gegen ein ‚Selbst-Outing’ der Frauen als Opfer von Zwangssterilisation Stimmung gemacht wird. Auch deshalb haben viele betroffene Frauen nach wie vor Angst und empfinden Scham. Dies wird durch schlechte Behandlung in staatlichen Krankenhäusern verstärkt, resümiert Rute Zúniga. Ihre langjährige Mitstreiterin María Esther Mogollón berichtet in einem Interview ebenfalls von diskriminierender Behandlung durch das medizinische Personal. Sie selbst habe dies in einem Krankenhaus in Cusco miterlebt, als sie eine Gruppe betroffener Frauen zu einer durch das Gesundheitsministerium angeordneten ärztlichen Untersuchung begleitete. Dort wurden die Frauen als „schmutzige Lügnerinnen“ beschimpft, die sich „grundlos beschweren“.

María Esther Mogollón unterstützt AMAEF bereits seit 1997 von Lima aus. Auch sie wurde im Zuge ihres politischen Engagements bedroht: „Sie haben mich an einem Tag bestimmt hundert Mal angerufen und gesagt: «Ich habe deine Internetseite gesehen. Ich will mit einer von euch ausgehen.»“ María Esther Mogollón konnte durch das Einschalten einer Anwältin herausfinden, dass eine Internetseite mit den Namen und Telefonnummern ihrer Kolleginnen mit dem Hinweis erstellt worden war, dass sie sexuelle Dienste anbieten würden. Die Seite war in Miami aufgesetzt worden, konnte aber von ihrer Anwältin gesperrt werden.

 

Erster Enthüllungsbericht vor 20 Jahren

 

Auch weitere Menschenrechtsaktivist*innen im Umfeld von AMAEF fielen Telefonterror zum Opfer. Der vielleicht prominenteste Fall ist jener der feministischen Menschenrechtsaktivistin Giulia Tamayo. Sie publizierte 1998 unter dem Titel „Nada Personal“ einen umfangreichen Enthüllungsbericht über die Zwangssterilisationen. In Folge des Bekanntwerdens von „Nada Personal“ wurde sie dermaßen bedroht, dass sie sich gezwungen sah, mit ihrer Familie ins Exil nach Spanien zu ziehen. María Esther Mogollón erinnert sich gut an diese Zeit, als ihre Mitstreiterin Giulia Tamayo täglichem Telefonterror ausgesetzt war und gar einen Einbruch in ihre Wohnung miterleben musste. Sie ist überzeugt davon, dass es sich bei den Aggressoren, wie in ihrem eigenen Fall auch, um Sympathisant*innen von Alberto Fujimori handelte.

Die Erzählungen von Rute Zúñiga und María Esther Mogollón verdeutlichen, dass sie und ihre Mitstreiter*innen in den zwei Jahrzehnten ihres Einsatzes für die Aufarbeitung der Zwangssterilisationen kontinuierlicher Verleumdung und unterschiedlichsten Drohungen ausgesetzt waren. Sie vermitteln damit eindrücklich, wie umkämpft und unabgeschlossen das Kapitel der Zwangssterilisationen in Peru ist. Die Zwangssterilisationen selbst scheinen für sie nur ein qualvoller Tiefpunkt zu sein und stellen keinesfalls ein Ende der institutionellen Diskriminierung und Gewalt dar, die sie als (indigene) Frauen erleben. Die juristische und damit gesellschaftliche Aufarbeitung der Zwangssterilisationen ist vor diesem Hintergrund besonders wichtig. Durch sie kann zumindest unter dieses dunkle Kapitel ein Schlussstrich gezogen werden.

 

Gerichtsverfahren eingeleitet

 

Wie sieht die aktuelle Situation der Aufarbeitung aus? Im November vergangenen Jahres wurde einer Sammelklage der Opfer stattgegeben und ein Gerichtsverfahren gegen die verantwortlichen Politiker und Funktionäre eingeleitet. Dies ist ein wichtiger Etappensieg. Für die politisch aktiven betroffenen Frauen sind damit die Schwierigkeiten jedoch nicht beendet. Dies verrät auch der letzte Absatz der oben genannten Stellungnahme von AMPAEF. Dort heißt es: „Wir möchten die Zivilgesellschaft und die Behörden darüber in Kenntnis setzen, dass wir Ziel von Drohungen sind. Man will nicht, dass wir uns selbst organisieren und auch nicht, dass wir unser Anliegen weiter verfolgen.“ Das Schriftstück von AMPAEF ist unmissverständlich: Auch gegenwärtig unter der Präsidentschaft von Martín Vizcarra ist die Situation für die Betroffenenorganisationen und ihr Unterstützer*innen-Netzwerk äußert schwierig. Wie bereits in den Jahren zuvor führt eine Phase politischer Instabilität auf nationaler Ebene zu stärkerer Unsicherheit für die Mitglieder der Betroffenenorganisationen.

Trotz der schwierigen Lage betonen die Aktivistinnen in ihrer Stellungnahme: „Wir machen ohne Angst weiter.“

Manuela Barriga

Die Autorin ist deutsch-peruanische Soziologin

 Weitere Literaturtips : https://www.deutschlandfunk.de/zwangssterilisierungen-grausame-familienpolitik-in-peru.1773.de.html?dram:article_id=345930

 

 

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