Santiago Manuin, der große Pamuk, ist gestorben.

Santiago Manuin wurde 1957 in der Nähe des kleinen Weilers Domingasa in der Region Amazonas geboren. Am 1. Juli 2020 starb er an den Folgen von Covid-19 im Krankenhaus der Küstenstadt Chiclayo.
In seinem intensiven Leben entwickelte er sich zum wichtigsten Führer (pamuk) des indigenen Volkes der Awajun.

 

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Während unserer Tätigkeit in Cajamarca waren meine Frau und ich auf einem Seminar in der Nachbarregion Amazonas, in deren Hauptstadt Chachapoyas, zusammen mit Pater Alois Eichenlaub. Das Thema war: Die Realität zu sehen, sie beurteilen und schauen, was getan werden kann. Ein Großteil der Teilnehmenden waren Kleinbauern aus den Anden, die, wegen der Landknappheit in den dortigen Regenwald ausgewandert waren, um diesen „zu entwickeln“, wie sie sagten. Mit dabei war eine kleine Gruppe junger Menschen aus dieser Region, die sich Aguaruna nannten, wie die Awajun damals genannt wurden. Sie nannten sich „selvaticos“ und setzten sich von den Neusiedlern, den Colonos aus den Anden, ab. Die Diskussionen waren heftig und es ging um Themen wie Gerechtigkeit, Kultur, wen soll die Kirche unterstützen, etc. Damals gab es noch keine indigene Organisation der Awajun, und die Neusiedler hatten mit der sich gerade gegründeten dortigen Basis der Bauerngewerkschaft CCP nichts am Hut. Eventuell war Santiago Manuin einer der jungen Menschen dabei.

 

Zurück zu seiner Person: Der ehemalige Priester Javier Arellano Yanquas hat mit Santiago Manuin viele Jahre zusammen gearbeitet und über ihn geschrieben. Santiago war in seinen jungen Jahren viel unterwegs, informierte und organisierte die Menschen in ihren verstreuten Dorfgemeinschaften. Seine erste Frau und das Töchterchen starben bei der Geburt. Bekannt wurde er, als er 1991 zum Präsidenten des Rates der Aguaruna-Huambisa gewählt wurde. Er erhielt Menschenrechtspreise, in Spanien und 2014 den von der peruanischen Menschenrechtskoordination. Beim „Baguazo“, der großen Demonstration der indigenen Organisationen 2009  in der Nähe der Provinzstadt Bagua,  versuchte er mäßigend auf die Gewalt von Polizei und Militär ein zu wirken. Dabei wurde er von acht Kugeln getroffen und schwebte viele Tage in Lebensgefahr. Außerdem wurde er – mit anderen – wegen Mordes angeklagt. Auch durch eine intensive internationale Solidaritätskampagne wurden er und die anderen 52 angeklagten Indigenen frei gesprochen.

Wir beteiligten uns als Informationsstelle intensiv an dieser Kampagne.

 

Einigen sind die Fotos bekannt, als er, im Rollstuhl sitzend – eine Folge der Kugeln beim „Baguazo“  – Papst Franziskus bei dessen Besuch im Regenwald Perus eine Federkrone als Geschenk überreichte. Mit anderen Führer*innen erreichten die Awajun die Gründung und Anerkennung ihrer autonomen Regierung der Awajun-Warmi um dadurch mehr Macht zur Mitentscheidung bei ihren politischen und wirtschaftlichen Angelegenheiten zu bekommen. Durch seine schweren Verletzungen war er gesundheitlich sehr angeschlagen. Mitte Juni 2020 zeigten sich bei ihm Anzeichen von Covid-19. Seine Söhne brachten ihn zum nächsten Gesundheitsposten in Santa Maria de Nieva (Region Amazonas). Die Mitarbeiter*innen behandelten ihn nicht, weil sie keine Schutzkleidung und keine Masken hatten. Später wurde er in das Krankenhaus der Provinz Bagua gebracht. Da benötigte er bereits Sauerstoff. Der war dort aber nicht vorhanden. Nach drei Tagen wurde ein Zimmer mit einem Beatmungsgerät im Krankenhaus der Küstenstadt Chiclayo frei. Mit einem Krankenwagen wurde er in sieben Stunden nach Chiclayo gefahren. Dort starb er nach vier Tagen. Er erlebte nicht mehr, dass der große und langjährige Kampf der Awajun gegen die Erdölfirma Geopark mit ihren Umweltverschmutzungen in ihrer Region Erfolg hatte. Geopark verkündete am 17.7.20 den Rückzug aus dem Los 64.

 

Neben Santiago Manuin starben und sterben immer mehr Indigene an Covid-19. Genaue Zahlen sind nicht bekannt, da die, die in ihren Hütten sterben meist  nicht als Coronafälle registriert werden.

 

Heinz Schulze

 

mit Informationen aus: El buhu, 5.7.20, Maria Glave, La República, 3.7.20, diverse Artikel  u.a. von Servindi, Juli 2020

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