Die Informationsstelle Peru und das Hilfswerk Misereor haben vor fünf Jahren den Bericht der peruanischen Wahrheitskommission  einem deutschsprachigen Publikum zugänglich gemacht. Das Buch ist heute so aktuell wie vor fünf Jahren und weiterhin im Buchhandel erhältlich

Bericht der peruanischen Wahrheits- und Versöhnungskommission in deutscher Ausgabe erschienen
Berlin – Wie kann ein Land 20 Jahre der Gewalt und totalen Verunsicherung bewältigen und dann Schritte in eine demokratische Zukunft gehen? Dazu gehören zunächst die Anerkennung des Geschehenen, der Opfer und der Schuld(igen), dann ein Prozess der Wiedergutmachung und Versöhnung und der Kampf gegen die Straflosigkeit. Das ist das Ziel der peruanischen Wahrheits- und Versöhnungskommission.

In den zwanzig Jahren des bewaffneten internen Kriegs in Peru zwischen der Untergrundorganisation Leuchtender Pfad, dem Militär und der Polizei (1980 – 2000) haben fast 70.000 Menschen ihr Leben lassen müssen, drei Viertel der Ermordeten und Verschwundenen waren Angehörige der indigenen Bevölkerung, die nur ein Viertel der Bevölkerung Perus ausmacht. Die nach dem Ende der Fujimori-Diktatur eingesetzte Wahrheits- und Versöhnungskommission hat die Hintergründe dieses Konflikts untersucht.

Im August 2003 wurde in Lima der sechstausend Seiten in neun Bänden umfassende Bericht der Wahrheits- und Versöhnungskommission mit einer ausführlichen Dokumentation des Geschehenen und Handlungsempfehlungen für die Zukunft dem damaligen Staatspräsidenten Alejandro Toledo übergeben. Fünf Jahre später, im April 2008, sind nur ganz kleine Teile der Empfehlungen der Kommission umgesetzt. Der heutige Staatspräsident Alan Garcia, der dieses Amt schon einmal innehatte (1985 – 1990), war damals selber Partei und ist heute an einer Aufklärung und einer Wiedergutmachung für die Opfer offenbar wenig interessiert.

Vor diesem Hintergrund wurde am 29. April 2008 in Berlin die deutsche Ausgabe des Berichts der Wahrheits- und Versöhnungskommission Perus von Entwicklungshilfeministerin Heidi Wieczorek-Zeul, Professor Josef Sayer, Hauptgeschäftsführer von Misereor, sowie Professor Salomon Lerner, dem ehemaligen Präsidenten der Wahrheits- und Versöhnungskommission, der Presse und der Öffentlichkeit vorgestellt. In dem im Auftrag von Misereor und der Informationsstelle Peru herausgegebenen Band „Wider das Vergessen – Yuyanapaq“ sind auf 208 Seiten die wichtigsten Ergebnisse, Schlussfolgerungen und Empfehlungen des Kommissionsberichts zusammengefasst. Josef Sayer, der in den 1980-er Jahren als Entwicklungshelfer in Peru gearbeitet hat, schilderte mit bewegenden Worten seine damaligen Erfahrungen während des internen Krieges und wies darauf hin, dass ohne die Anerkennung der Wahrheit und der Schuld, durch Wiedergutmachung und symbolische Entschädigung sowie durch institutionelle Veränderungen keine Versöhnung zustande kommen und verhindert werden kann, dass sich die Ereignisse wiederholen. Das Quechua-Wort „Yuyanapaq“ im Buchtitel bedeutet einerseits „sich erinnern“ und anderseits „aufwachen“. „Yuyanapaq“ kann so zum Leitwort der Arbeit für die volle Einhaltung der Menschenrechte, für Gerechtigkeit und Frieden sowohl in Peru als auch in Deutschland dienen – damit wir von unserer Vergangenheit, in Peru und auch in Deutschland, in einem gemeinsamen Prozess von einander lernen: „Damit so etwas nie wieder geschieht!“ (Para que no se repita.)
Salomon Lerner beschrieb die Arbeit der Kommission und der für sie tätigen 900 Mitarbeiter/innen in den Jahren 2001 bis 2003 und forderte ebenfalls verstärkte Bemühungen zur Umsetzung der Empfehlungen. Ohne Gerechtigkeit, ohne kollektive, wirtschaftliche und moralische Entschädigung, ohne eine Reform staatlicher Strukturen werde es keine gesicherte demokratische Zukunft Perus geben. Die Politik müsse auf einen Ausgleich zwischen Arm und Reich abzielen.

Ministerin Wieczorek-Zeul berichtete über ihre Perureise im März 2008, bei der es um den Klimawandel, Armutsbekämpfung, die Ausweitung der landwirtschaftlichen Produktion und die Verbesserung der Wasser- und sanitären Versorgung ging. Direkt dazu bemerkte Salomon Lerner, dass mit einem Umsteuern zu kleinbäuerlicher, nachhaltiger Landwirtschaft, einem Verzicht auf den Anbau von Pflanzen für Agrotreibstoffe und einem Vorrang der Landwirtschaft vor dem Bergbau die Armut in Peru deutlich gemildert werden könne.

Vor dem Hintergrund der bevorstehenden Reise der Bundeskanzlerin zum EU-Lateinamerika-Gipfel nach Peru im Mai 2008 wies Salomon Lerner darauf hin, dass Präsident Garcia auf Meinungen aus dem Ausland mehr höre als auf kritische Stimmen im eigenen Land, und bat ebenso wie Josef Sayer die Kanzlerin, sich bei Präsident Garcia für die Umsetzung der Empfehlungen der Wahrheits- und Versöhnungskommission sowie für die Einhaltung der Menschenrechte auch im Bergbausektor einzusetzen.
Es ist zu hoffen, dass die Ausstellung „Yuyanapaq“, die in der 6. Etage des Museo de la Nación in Lima die Menschenrechtsverletzungen während des internen Krieges eindrucksvoll dokumentiert, von möglichst vielen Teilnehmer/innen des EU-Lateinamerika-Gipfels angesehen wird. Auch für weitere Besucher/innen wird sie sehr empfohlen.

Bibliographische Angaben:
Salomón Lerner Febres/ Josef Sayer (Hg. – i.A. von Misereor u. Informationsstelle Peru), „Wider das Vergessen. Yuyanapaq!“ Bericht der Wahrheits- und Versöhnungskommission Peru. (Übers. a. d. Span.: Beate Engelhard/ Elena Muguruza u. Mitarb. v. Hartmut Heidenreich, Red.: Hartmut Heidenreich/ Juan Josi/ Elena Muguruza/ Karl Weber), Matthias-Grünewald-Verlag der Schwabenverlag AG, Filderstadt 2008, 208 S., EUR 16, 90. ISBN 978-3-7867-2720-0. Weitere Infos unter: www.gruenewaldverlag.de; www.misereor.de.

Das Buch ist in jeder Buchahndlung erhältlich oder per Fax beim Verlag oder MISEREOR zu bestellen (siehe folgende Dateien).
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Quelle: Michael Schrick / Elena Muguruza (30.04.2008)
http://www.staepa-cajamarca.de/tickermeldung.php?id=11593