Perus Agrarexportwirtschaft: Hintergründe – Konsequenzen – Nutznießer

Perus liberalisierter Agrarhandel, Agrarexporte und die Situation der kleinbäuerlichen Betriebe. Ein Veranstaltungsbericht.

Die Infostelle Peru hat am 12.07. ein Online-Seminar mit dem Titel „Peruanische Agrarexporte: Wem nützen und wem schaden sie?“ veranstaltet. Referenten waren

  • Eduardo Zegarra Méndez, Ökonom an der Universidad Catolica, Doktor der Agrarökonomie, Spezialist in Agrarpolitik und Forscher der Grupo de Análisis para el Desarrollo (GRADE) und
  • Luis Guerrero Leiva von der Agrarexportfirma GLINT

Dieser Artikel greift einige Informationen und Zusammenhänge aus der Veranstaltung auf, die Hintergrund und Problematik der Agrarexportwirtschaft Perus und die Situation der kleinbäuerlichen Familienbetriebe beleuchten.

Zunahme der Agrar-Exporte und –Importe

Der Agrarhandel Perus hat sich in den letzten 20 Jahren wertmäßig stark gesteigert. Die Exporte haben sich seit 2003 mehr als versechsfacht, die Importe im selben Zeitraum vervierfacht, letztere sind in den letzten zehn Jahren nur noch wenig gestiegen. Die gesamten Agrarexporte Perus stiegen im Jahr 2021 gegenüber dem Vorjahr um 18% auf 7,936 Milliarden Euro.

Das Volumen des Agrarhandels zeigt allerdings ein ganz anderes Bild: die Importe sind mengenmäßig deutlich stärker gestiegen als die Exporte.  Offenbar – so erklärt das Eduardo Zegarra – werden die Agrarimporte zu immer niedrigeren Preisen eingeführt. Das führt zu Problemen für die kleinbäuerlichen Familienbetriebe, die mit den immer billigeren (subventionierten)  Importprodukten konkurrieren müssen.

Die Importe von Getreide (Mais, Weizen) sind in den letzten Jahren sehr stark gestiegen, ebenfalls die von Ölen, Ölsaaten und Milchprodukten. Das erhöht die Abhängigkeit Perus von Lebensmittel-Importen, denn die Lebensmittelindustrie ist von der Einfuhr dieser Produkte abhängig.

 

Liberalisierung des Agrarhandels nützt dem Export

Zegarras These zur Ausweitung des Agrarhandels: Die Liberalisierung des Agrarhandels in Peru in den letzten zwei Jahrzehnten hat dem Agrarexport genützt, aber mit Kosten für die auf den heimischen Markt ausgerichtete Landwirtschaft. Meilensteine dieser Liberalisierung waren die Freihandelsabkommen Perus mit den USA (2009) und der EU (2013). 80% der Agrarexporte Perus gehen in diese Länder. Peru hat seine Märkte komplett geöffnet, die EU bleibt aber bei Einfuhrbeschränkungen und verbietet Getreide-Importe. Es gibt keine gleichen Regelungen für alle Beteiligten. In den Abkommen wird die einheimische peruanische Landwirtschaft nicht geschützt.

Luis Guerrero Leiva stellte die verschiedenen Betriebsformen der peruanischen Landwirtschaft vor:

  • Die Subsistenzlandwirtschaft produziert auf kleinen Flächen vor allem Lebensmittel für den eigenen Konsum, Überschüsse werden auf lokalen Märkten verkauft. Sie hat kaum Zugang zu Krediten und staatlicher Unterstützung. Sie arbeitet umweltfreundlich im Interesse der Erhaltung ihrer Existenzgrundlage. Viele Subsistenzbauern geben auf oder versuchen, als Kleinbauern stärker für den Markt zu produzieren.
  • Genossenschaften und Kleinbauern produzieren für Nischenmärkte. Sie haben kaum Zugang zu Krediten und staatlicher Unterstützung. Sie arbeiten teilweise mit Tagelöhner*innen, d.h. sie bezahlen keine Soziallleistungen. Sie versuchen, sich durch den Anbau von „Superfoods“ stärker auf internationale Märkte zu orientieren. Bei einigen Exportprodukten beherrschen große Unternehmen den Markt, die Kleinbauern haben wenig Verhandlungsmacht.
  • Für die Agroindustrie steht die Rendite im Vordergrund. Sie produziert überwiegend für den Export, deswegen muss sie internationale Standards beachten, z.B. beim Einsatz von Pestiziden und Düngemitteln. Ihre Beschäftigten sind fest angestellt und erhalten – aufgrund des speziellen Gesetzes für den Agrarexportbereich- niedrige Sozialleistungen. Sie diversifizieren ihre Produkte und sind auf Frischprodukte konzentriert. Ihre Anbauflächen weiten sie in den Küstenwüsten und in Primärwäldern aus.

Die bäuerlichen Kleinbetriebe, die z. T. Kaffee, Kakao oder Bananen für den Export produzieren,  haben im Agrarexport-Boom keine wichtige Rolle gespielt. Luis Guerrero sieht den Agrarexport positiv für die Kleinproduzent*innen, weil sie damit Erfolg haben.

Bei ihrer Produktion für den einheimischen Markt mussten und müssen die Kleinproduzent*innen mit den billigen Importprodukten konkurrieren.

Problematische Umwelt- und Arbeitsbedingungen in der Exportlandwirtschaft

Der Agrarexport konzentriert sich vor allem auf Früchte und in geringerem Maß auf Gemüse. Die bäuerlichen Kleinbetriebe haben  zunehmende Schwierigkeiten mit ihrer Exportproduktion (z. B. Kaffee, Kakao). Dies zeigt sich im starken Absinken des Wertes des Exports von Kaffee, dem wichtigsten Exportgut der peruanischen Familienbetriebe.

Die Exportproduktion ist auf die Küste und wenige Unternehmen konzentriert.  Es gibt eine starke Konzentration von Land und Verfügbarkeit von Wasser.  Für die Betriebe gelten gesetzliche Regelungen der Rentenversicherung und solche, die dem Schutz der Arbeitnehmerrechte widersprechen.  Dieses Sonderregime wurde 2001 eingeführt, um die Agrarexporte anzukurbeln. 2019 wurde es um 10 Jahre verlängert. Ausdruck dieser unzureichenden Arbeitsrechte ist die Entwicklung der Löhne in diesem Bereich: sie liegen nur knapp über dem  Mindestlohn (ca. 250 Dollar). Fast drei Viertel der Firmen zahlt nur den Mindestlohn oder sogar weniger. Die Löhne lagen 2019 um ca. 40 Prozent niedriger als die Löhne im Bausektor, der gewerkschaftliche Organisationsgrad ist extrem niedrig. Die Arbeitsverträge geben den Arbeiter*innen nur wenig Rechte, außerdem sind die staatlichen Kontrollen und Dienstleistungen mangelhaft. Es müsste bei den kleinen und mittleren Unternehmen ein formeller Sektor geschaffen werden.  Für  Genossenschaften gibt es Zugangsbarrieren, die Regelungen sind auf Großunternehmen ausgerichtet.

Die Arbeitsbedingungen – schlechte Bezahlung, niedrige Soziallleistungen –  haben  2020 zu Unruhen und Streiks der Arbeiter*innen geführt. Die Proteste haben nach langen Verhandlungenzur Rücknahme des Gesetzes und zur Verabschiedung eines neuen Gesetzes geführt. Dieses neue Gesetz erfüllt allerdings die Erwartungen der Arbeiter*innen  nicht. Es setzt im Wesentlichen den Geist und Inhalt des vorherigen Gesetzes fort. Die Vergünstigungen für die Unternehmen bleiben bestehen, während die Landarbeiter*innen kaum Verbesserungen erreicht haben.

Probleme mit der Umweltverträglichkeit: der Fall Ica

Zwischen 1990 und 2017 hat im Ica-Tal die Fläche des von Agrarunternehmen (für die Exportproduktion) genutzten Landes zu Lasten anderer landwirtschaftlicher Nutzung von ca. 8.000 Hektar auf über 30.000 Hektar massiv zugenommen. Am stärksten angewachsen ist hier der Export von Trauben, der von 2001 knapp über Null auf über 350 Millionen US-Dollar  2019 stieg. Auch der Export von Spargel ist in diesem Zeitraum stark angestiegen.

Diese Entwicklung spiegelt sich auch in der Entwicklung der formellen Wasserrechte (Grundwasser) wieder:  Von Anfang des Jahrtausends (Beginn der Rechnung) bis 2017 haben die Großbetriebe Rechte für 350 Millionen Kubikmeter  Wasser erworben, während die anderen landwirtschaftlichen Betriebe nach anfänglichem Zuwachs von 2011 bis 2017 bei Rechten für ca. 150 Millionen Kubikmeter Wasser „stehengeblieben“ sind. Während die großen Firmen kein Oberflächenwasser nutzen, nutzen die anderen Betriebe Rechte an Oberflächenwasser im Umfang von 50 Millionen Kubikmeter. Neben dem massiven Anstieg der Landkonzentration ist also auch eine starke Konzentration der Wasserrechte zu beobachten.

Alternative: Andere Formen der Agrarexportproduktion

Am Schluss seines Vortrags plädierte Eduardo Zegarra dafür, dass ein nachhaltigeres und integratives Modell der Agrarexportproduktion mit einer Nischenlandwirtschaft gefördert werden muss, die auf Biodiversität und Assoziativität beruht. Dadurch wären viele positive Aspekte beim Agrarexport möglich. Bisher wurde nur der Agrarexport der großen Firmen gefördert.

Die Probleme des Hochlandes und des Regenwaldes bei der Exportproduktion im Vergleich zur Küste könnten ausgeglichen werden: hier ginge es nicht um  große Export-Mengen, sondern um spezielle hochwertige Produkte. Diese Ansicht vertritt auch Luis Guerrero von GLINT.

Dabei könnten die Biodiversität und die Hochwertigkeit der Produkte aus den Anden und dem Regenwald von Vorteil sein. Zur Beteiligung von kleinen und mittleren Erzeugern müssten assoziative Formen der Exportproduktion (Zusammenschlüsse, Genossenschaften) gefördert werden.

Jimi Merk

 

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