Cerro de Pasco, eine der ältesten und meist kontaminierten Minenstädte Perus. Foto: Elena Clenin, Red Muqui

Cerro de Pasco: Studie belegt Hirnschäden durch Bergbauverschmutzung

Zum ersten Mal beweist eine Studie, dass es einen Zusammenhang zwischen der Konzentration von Schwermetallen in Kinderhaaren und deren Intelligenzquotient (IQ) gibt. Die Schwermetalle haben erschreckende Effekte auf den Inteilligenzquotienten der Kinder und auf die Entwicklung ihrer Gehirne. Es wurde nachgewiesen, dass ein Teil der untersuchten Kinder und Jugendlichen, die in dem von Schwermetallen betroffenen Bezirk leben, im Vergleich zu internationalen Standards, einen “niedrigen” oder “sehr niedrigen” IQ haben. Die Studie wurde im Zentrum Perus in Cerro de Pasco von der italienischen NGO Source International durchgeführt und am 1. März 2022 in Cerro de Pasco öffentlich vorgestellt.

“Was kann ich tun, um zu verhindern, dass ungeborene Kinder mit Blei und anderen Schwermetallen belastet werden?” – fragte eine junge Frau, die nicht älter als 25 Jahre alt ist, den Experten Flaviano Bianchini von Source International.

“Was soll ich tun, wenn mein 17-jähriger Sohn so blutverschmiert ist aufgrund von anhaltendem Nasenbluten, dass er nicht einmal in der Lage ist, sein Studium fortzusetzen?” – fragt ein anderer Familienvater von ungefähr 50 Jahren.

Auf diese Fragen aus dem Publikum kann es nur eine Antwort geben: den Ort der Kontaminierung zu verlassen, sprich Haus und Hof,  Job und Familie aufzugeben und woanders hinziehen.  Flaviano Bianchini, Gründer und Direktor von “Source International”, der Nicht-Regierungs-Organisation (NRO) aus Italien, die diese Studie in Zusammenarbeit mit einer lokalen NRO “Labor, Centro de Cultura Popular” durchgeführt hat, seufzt und spricht Handlungsempfehlungen aus, wie politische Entscheidungsträger*innen vorgehen können, um die Menschen vor weiterer Kontaminierung zu schützen: eine Option wäre, die Minenaktivitäten zu schließen und umfassende Umweltsanierungen des Gebiets vorzunehmen sowie Langzeit–Epidemiologische Überwachungen durchzuführen.

Was Kinderhaare verraten

Fabio Bianchini verteilt die Laborergebnisse an die Eltern der untersuchten Kinder. Foto: Jaime Silva

Aufgrund von Bergbauaktivitäten, die mitten in der Stadt von Cerro de Pasco stattfinden, ist diese Stadt einer der am stärksten verschmutzten Orte der Erde. Seit 2008 führt Source International Umwelt- und epidemiologische Studien durch, zusammen mit Gemeindemitgliedern und der lokalen NGO Labor, Centro de Cultura Popular, um die schweren Gesundheitsschäden und Umweltfolgen der Mine von Cerro de Pasco aufzuzeigen und die Menschenrechte der Gemeinde zu schützen. Dabei nahmen sie zum Beispiel Boden- und Luftproben in Cerro de Pasco und Wasserproben aus Fließgewässern in Cerro de Pasco. Es konnte so die Präsenz von Schwermetallen nachgewiesen werden. Sie untersuchten auch Tiergewebe von Lamas und Alpakas. In dem Muskelgewebe von Alpakas war eine Bleibelastung erreicht, die 10-mal höher war als die von der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen und der Weltgesundheitsorganisation empfohlenen Grenzwerte.

In der neuesten, 2019 durchgeführten und nun vorgestellten Studie, hat ein Expertenteam der Universitäten Madrid, Santiago de Compostela in Spanien und Coimbra in Portugal unter der Koordination von Source International und der Unterstützung von Labor, Centro de Cultura Popular, eine Anamnese von Kindern aus dem Stadtteil Paragsha und der Siedlung José Carlos Mariátegui durchgeführt. Diese Stadtteile von Cerro de Pasco befinden sich zwischen gerodeten Flächen und dem Tagebau der Mine und gehören damit zu den am stärksten betroffenen Stadtteilen. Die gleichen Untersuchungen wurden mit einer Referenz-Gruppe von Kindern in Carhuamayo durchgeführt. Das Dorf Carhuamayo befindet sich ungefähr 40 Kilometer entfernt von Cerro de Pasco und hat ähnliche klimatische und sozioökonomische Bedingungen wie  Cerro de Pasco, jedoch ist die Bevölkerung nicht direkt dem Bergbau ausgesetzt.

Source International hat zusätzlich die lokalen statistischen Daten für Sterblichkeit, Morbidität und psychische Krankheiten mit den nationalen und regionalen Werten verglichen. Innerhalb des Bezirks Simon Bolivar ist Paraghsa die Gemeinde mit dem höchsten Prozentsatz an registrierten Krankheitsfällen. Es gibt zahlreiche Fälle von Erkrankungen des Verdauungssystems und der Atemwege sowie Fälle von Traumata und Vergiftungen. Die lokale Bevölkerung meldete hohe Raten von Krankheiten im Zusammenhang mit der reproduktiven Gesundheit von Müttern, einschließlich Fehlgeburten.

Zuviele Schwermetalle vermindern den IQ

Die Untersuchungen haben Schreckliches gezeigt. Die Ergebnisse ergaben sehr hohe Konzentrationen von 17 verschiedenen Schwermetallen, von denen viele giftig und krebserregend sind, wie Arsen, Blei, Quecksilber und Thallium. Außerdem wiesen alle 82 Kinder, die an der Studie teilgenommen haben, Schwermetalle auf. Dadurch kann angenommen werden, dass alle Kinder zwischen 5 und 15 Jahren in Cerro de Pasco mit Schwermetallen belastet sind.

Parallel zu den Haarproben führten die Forscher*innen eine Reihe von Tests zur kognitiven und sprachlichen Entwicklung der Kinder durch.

Im Einzelnen wurden die sprachlichen Fähigkeiten, die visuellen und konzeptionellen Fähigkeiten, d.h. die Fähigkeit, Bilder zu sehen, zu erkennen und zuzuordnen, die Gedächtniskapazität und  die Fähigkeit der Kinder, Informationen zu verarbeiten, zu lernen und zu verarbeiten, bewertet. In all diesen Bereichen weist eine große Zahl von Kindern in Paragsha erhebliche Defizite auf.

Die Schwere dieses langfristigen Ergebnisses aufgrund der Schwermetallbelastungen u.a. durch Blei, Cadmium, Mangan, Arsen erklärt der italienische Forscher so: “Der IQ und das Gehirn entwickeln sich in den ersten sechseinhalb Lebensjahren. Der Großteil entwickelt sich im Fötus vor der Geburt und während der ersten fünf bis sechs Lebensjahre. Danach nur noch sehr wenig”. Was bedeutet das? Bei diesen Kindern im Alter von 8  und 9 Jahren hat sich das Gehirn  nicht so entwickelt, wie es hätte sein sollen. “Diese Auswirkungen werden die Kinder ihr Leben lang begleiten, weil sich ihr Gehirn nicht mehr entwickeln wird”, warnt Flaviano Bianchini.

Seit über 100 Jahren eine Bergbaustadt

Cerro de Pasco ist eine besondere Stadt. Sie liegt 4200m über dem Meeresspiegel und ist eine der höchstgelegenen Städte der Erde. Es leben ca. 60.000 Menschen in Cerro de Pasco. Die Bergbauaktivitäten haben eine lange Geschichte und sind seit über 100 Jahre in Cerro de Pasco präsent. Der Bergbaubetrieb in dieser Stadt besteht aus zwei Untertageminen, einem Tagebau und Konzentrationsanlagen, die die Abfälle der Mine recyceln und so Blei, Zink und Silber aus dem Untergrund gewinnen. Im Laufe der Jahre hatte die Mine verschiedene Besitzer. Im Jahre 1999 kaufte die peuranische BregbaufirmaVolcan  die  Minera Paragsha S.A.C in Cerro de Pasco und ist seitdem der Besitzer und einer der größten Zink -Lieferanten weltweit. Was nicht gleich offensichtlich ist: Glencore, ein Rohstoff-Multi mit Sitz in der Schweiz, war seit Anfang der 2000-er Jahre Minderheitenaktionär von Volcan. 2017 kaufte Glencore 36,9% der Stimmrechtsanteile von Volcan dazu und ist seitdem Hauptaktionär der Firma.

Wer ist verantwortlich für die Altlasten?

Glencore, die Hauptaktionärin von Volcan, weist immer wieder ihre Verantwortung für die Umweltschäden zurück mit dem Argument, dass diese auf die Zeit vor dem Kauf zurückgehe, zum Teil sogar bis auf die Zeit der Kolonialherrschaft.

Source International dagegen stellte fest, dass die Exposition der Bevölkerung gegenüber Metallen mit hohem toxischem Potenzial im Vergleich zu der Beprobung aus dem Jahr 2016 sogar zugenommen hat, und widerlegt somit die Argumente von Glencore. Unabhängig von Source International, bestätigen seit mehr als einem Jahrzehnt mehrere nationale und internationale Studien die Belastung der Bevölkerung, insbesondere der Kinder, durch Schwermetalle in Cerro de Pasco. Dass die Kontaminierung von Schwermetallen weiter anhält, ist somit unbestritten.

Eine untätige Regierung

Da die Besitzer keine Verantwortung übernehmen, ist es dringend notwendig, dass der Staat die Verantwortung übernimmt. Flaviano Bianchini spricht Empfehlungen an die Regierung aus und fordert zum Handeln auf: eine umfassende Umweltsanierung des Gebiets vorzunehmen und damit zu beginnen, die Gesundheit der Bewohner*innen und den Zustand der Umwelt dauerhaft und in kurzen Abständen zu überwachen. Die am schwersten betroffenen Kinder und andere Einwohner*innen sollten dringend in Spezialkliniken behandelt werden, und Minderjährige, deren kognitive Fähigkeiten lebenslang beeinträchtigt sind, sollten psychologisch betreut werden.

Auch der Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen für toxische Substanzen und Menschenrechte, Marcos Orellana, drückte dies bei seinem jüngsten Besuch in Peru aus. “Aus den Berichten, die ich erhalten habe, geht hervor, dass der Staat, anstatt die gesamte Bevölkerung zu untersuchen, bei verschiedenen Personen Proben entnommen hat und die Ergebnisse dieser Tests mit großer Verzögerung geliefert werden. Manchmal sechs Monate oder ein Jahr später. Dies schränkt die Möglichkeiten einer wirksamen medizinischen Intervention ein. Damit diese Tests wirksam sind, sollten sie in regelmäßigen Abständen durchgeführt werden, um zu sehen, wie sich die Gesundheit der Bevölkerung entwickelt.“ Er betonte auch, dass der Staat in seiner Pflicht, die Rechte zu garantieren, eine unverzichtbare Kontroll- und Garantierolle hat, damit er bei gesundheitlichen Beeinträchtigungen die notwendigen Proben nehmen kann, um die Schwere der Auswirkungen zu bestimmen und spezialisierte medizinische Hilfe zu leisten. “Es ist nicht nur eine Frage der medizinischen Hilfe. Man könnte meinen, dass die Menschen außerhalb ihrer Dörfer medizinisch versorgt werden, aber wenn sie in ihre verseuchten Gemeinden zurückkehren, beginnt alles wieder von vorne. Es muss eine umfassende Intervention erfolgen, bei der die Umweltgesundheit ein Hauptbestandteil der staatlichen Gesundheitspolitik ist, um die Exposition der Menschen gegenüber toxischen Gefahren zu verhindern.“

Es ist an der Zeit, der Gleichgültigkeit der Regierungsbehörden ein Ende zu setzen, deren Präsident im vergangenen Jahr gerade wegen seines Versprechens gewählt wurde, die Beziehungen zwischen der Gesellschaft und den trägen Minenbesitzern zu überprüfen. Volcan-Glencore rühmt sich auf seiner Website damit, dass sie aufgrund der Qualität ihrer Erzvorkommen einer der kostengünstigsten Produzenten der Branche sind. Vielleicht hängen diese niedrigen Kosten auch mit der Art und Weise zusammen, wie diese Metalle abgebaut werden,  und dass die  externen Umweltauswirkungen der Bevölkerung aufgebürdet werden.


Elena Clenin und Sarah Guenther
Elena Clenin (Kommunikationsexpertin) und Sarah Guenther (Umweltwissenschaftlerin) arbeiten als Fachkräfte von Comundo beim peruanischen Netzwerk Red Muqui.

Zusammenfassungen der erwähnten Studien können Sie hier in spanischer bzw. englischer Sprache herunterladen:

Cerro de Pasco: estudio epidemiológico comprueba daño cerebral causado por la minería

Source International (2020): Cerro de Pasco – Clinic study on children exposure and environmental monitoring between 2018-2019

Center for Climate Crime Analysis (2019): Report to the Council on Ethics of the Norwegian Government Pension Fund Global on the situation in Cerro de Pasco