Wer in Peru Sauerstoff braucht, kommt an deutschen Firmen kaum vorbei.

“Sauerstoff ist nicht irgendein Medikament; die Kaufstrategie und die Logistik unterscheiden sich grundsätzlich von anderen Medikamenten”, sagt Dr. Rocio Espino. Sie leitet die Abteilung für Medikamentenbeschaffung (CENARES) beim peruanischen Gesundheitsministerium. Im Jahr 2020 war sie vor allem damit beschäftigt, genügend medizinischen Sauerstoff für die vielen Corona-Patienten zu besorgen.

Das erwies sich als gar nicht einfach, sagt Dr Espino im Interview mit InfoPeru. Zum einen gab es in Peru gerade ein (andere Quellen sagen sechs) Krankenhäuser mit einer autonomen Sauerstoffversorgung, das heisst einer Anlage, die Sauerstoff aus der Luft ansaugt und in medizinischen Sauerstoff zerlegt. Patientenbetten mit Sauerstoffanschlüssen, wie sie in den meisten Ländern üblich sind, gab es in Perus Spitälern nicht. „Und dann kommt dazu, dass jedes regionale Krankenhaus seine eigenen Sauerstoffkäufe tätigt“, erklärt die Medizinerin. Das heisst bis einige Monate nach Ausbruch der Pandemie, wusste man im Gesundheitsministerium nicht, wieviel Sauerstoff im Land vorhanden ist und wieviel benötigt wird.

Der Bedarf hat sich verdreifacht

Heute weiss Rocio Espino die Zahl: der Bedarf an Sauerstoff hat sich während der Corona-Pandemie verdreifacht. Und die beiden Hauptanbieter für Flüssigsauerstoff in Peru kamen nicht hinterher mit der Lieferung. Praxair-Linde und Airproducts hatten praktisch ein Monopol auf die Sauerstofflieferung in Peru. Nur sie konnten 99%igen Sauerstoff herstellen, wie ihn die peruanische Norm vorschrieb. Ihre Verträge mit den Krankenhäusern umfassten auch die Lieferung von Tanks und Sauerstoffflaschen. Selbst wenn der Sauerstoff vorhanden war, so fehlte es oft an Flaschen und Tanks, um diesen abzufüllen.  Immerhin habe Airproducts eine bereits aufgegebene Flüssig-Sauerstoffanlage in Chimbote wieder in Betrieb genommen. Dank ihr, so Espino, sei die Versorgung um vieles verbessert worden. Zum anderen wird viel Flüssigsauerstoff aus Ecuador und Chile eingeführt.

Allerdings habe sich auf der Preis für Sauerstoff erhöht, sagt Dr Espino.  Betrug er vor der Pandemie 1,50 – 4 Soles pro m3, sei er nach Ausbruch von Corona auf 6-7 Soles pro m3 angestiegen.  Grund, so die Anbieter, sei der Ankauf aus dem Ausland und der erhöhte Aufwand für den Transport.

Aber reicht das schon, um für die zweite Welle gewappnet zu sein ?

Sauerstoffanlagenbauer haben Hochkonjunktur

Neben dem Flüssigsauerstoff, der in den industriellen Anlagen der beiden Groß-Lieferanten hergestellt wird, sind kleinere Anlagen mit dem PSA-Luftzerlegungs-Verfahren eine Alternative, vor allem für die kleinen Krankenhäuser in den Anden und im Amazonasgebiet. Denn der Transport des Flüssigsauerstoffs dorthin ist gefährlich und aufwendig.

Im Oktober hatte Gesundheitsministerin Pilar Mazzetti verkündet, dass ihr Ministerium 81 Sauerstoffanlagen für seine Krankenhäuser kaufen würde, und diese im Oktober und November geliefert würden.  Bisher ist nicht bekannt, ob diese Anlagen geliefert worden sind.

Aber nicht nur der Staat orderte Sauerstoffanlagen.  Gemeinden, Regionalregierungen, Bischöfe, Firmen begannen Geld zu sammeln und auf eigene Faust Sauerstoffanlagen zu kaufen. Die bekannteste Initiative ist „Respira Peru“. Unter diesem Namen haben sich die peruanische katholische Bischofskonferenz, der Industrieverband SNI und Privatpersonen zusammengetan, um Geld für Sauerstoffanlagen aufzutreiben. 8 600 000 Soles  (rund 2 Mio Euro) wurden nach Angaben der Bischofskonferenz gesammelt. Neun Anlagen verschiedenster Grösse sowie kleinere Sauerstoffflaschen, Intensivbetten u.a. seien damit in ganz Peru installiert worden (u.a. in Chachapoyas, Trujillo, Yurimaguas, Camana, Tacna und Puerto Maldonado)

Während die deutsche Firma Linde wegen ihrer Marktdominanz für Flüssigsauerstoff in Peru in Verruf geriet, ist eine andere  Firma aus Herrsching am Ammersee in Peru nun sehr gefragt.

 

Anlagen vom Ammersee für Peru

Die Firma Inmatec ist ein Marktführer für Sauerstoffversorgungseinheiten für Krankenhäuser. „Wir waren bereits mit Peru im Gespräch , bevor Corona los ging, und hatten die nötigen Bewilligungen erhalten“, berichtet Peru-Sachbearbeiter Marvin Wolf im Gespräch mit InfoPeru.  In den ersten Monaten nach Ausbruch der Pandemie hätten sie 40-50 Anfragen täglich aus Peru erreicht, zum Teil auch aus kleinen Gemeinden, und bereits im Mai sei die erste Anlage ausgeliefert worden.  Bis Ende Oktober hatte Inmatec 30 Sauerstoffanlagen nach Peru geliefert, 80% davon seien Ende Oktober bereits in Betrieb gewesen, berichtet Wolf.

Er geht hart mit der 99%-Norm für medizinischen Sauerstoff ins Gericht. Diese Norm war bis Anfang Juli  in Peru gültig und schuf erst das Monopol der industriellen Sauerstoffhersteller Linde-Praxair und AirProducts.  „Kein Mensch braucht 99%igen Sauerstoff, solange er noch selber atmet“, sagt Wolf.  Die PSA-Luftzerlegungs-Anlagen stellen medizinischen Sauerstoff mit einem Reinheitsgrad von 93-95% her.

Die kleinen PSA-Anlagen können jedoch bei weitem nicht den Bedarf an Sauerstoff in Peru decken. Deshalb ist das Gesundheitsministerium weiterhin auf die industriellen Marktführer angewiesen.

Ende Dezember 2020 steigen auch in Peru die Zahlen der Corona-Infizierten wieder an. Die Regierung hat den motorisierten Individual-Verkehr für die Feiertage eingeschränkt, in der Hoffnung, damit grosse Familienzusammenkünfte zu verhindern.  Wann und in welchem Ausmaß die zweite Corona-Welle Peru erreichen wird, kann niemand vorhersagen.

Ob dieses Mal zumindest der Sauerstoff reichen wird, leider auch nicht.

 

Hildegard Willer

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