Drei persönliche Statements zum Ausgang der Stichwahl in Peru.

Kein Blankoscheck

Auch wenn er noch nicht offiziell zum Präsidenten ausgerufen wurde, so ist Pedro Castillo doch der nächste Präsident Perus.  Dieser Lehrer, den wir in Peru als Gewerkschaftsführer im Jahr 2017 wahrnahmen, tat nur wenige Wochen vor dem ersten Wahlgang einen Sprung in der Wählerpräferenz. Beim ersten Wahlgang erreichte er fast 6 Prozentpunkte mehr als Keiko Fujimori, Tochter des Ex-Diktators Alberto Fujimori und zum dritten Mal Präsidentschaftskandidatin.

Der gelbe Bleistift wurde zum Symbol für Pedro Castillo. Foto: Sondra Wentzel

Die Wahlkampagne fand unter total ungleichen wirtschaftlichen und öffentlichkeitswirksamen Bedingungen statt. Dies macht den Sieg Castillos in der Stichwahl – so knapp er bei der Zahl der Wählerstimmen auch sein mag – zu einem grossen politischen, moralischen und kulturellen Sieg. Vor allem wenn wir rechnen, wieviel wirtschaftliches und symbolisches Kapital eingesetzt wurde, um genau diesen Sieg zu verhindern.

Die Rechte war sich zu Beginn sicher, dass eine ihrer Kandidaten gewinnen würde und sprach anfangs davon, die Wirtschaft und die Verfassung aus der Fujimori-Zeit zu verteidigen. Am Ende beschworen sie alle Geister über Venezuela und die Epoche des Terrorismus (Sendero Luminoso).  Die Strategie der Linken, sich zur Mitte hin zu öffnen, ist nicht aufgegangen.  Sie verlor fast ihre Parteieinschreibung und gewann nur wenige Parlamentssitze.

Währenddessen hat ein grosser Teil der Bevölkerung die politische Szene in Peru umgeschrieben. Einmal mehr verhinderten sie einen Triumph der Fujimori-Mafia und wählten einen Lehrer, „Rondero“ und Bauern. Auch wenn dieser die Unterstützung des Volkes hat – sowohl an der Wahlurne als auch durch soziale Mobilisierung – so ist dies kein Blankoscheck.  Niemand verlangt Wunder, aber die Zeit läuft und Peru will einen Wandel.

Romina Rivero ist Journalistin, lebt in Lima und war Teil der Kampagne für Pedro Castillo  #VamosPedro

 

Wahl-Kampf der Kulturen

Wie vor mehr als 500 Jahren prallten im Mai/Juni 2021 in Peru zwei Kulturen aufeinander: die westlich-rationale auf die andin-magische. Und wie es Stichwahlen so an sich haben: das Land spaltete sich in zwei Teile: Auf der einen Seite steht Keiko Fujimori mit der diktatorialen Vergangenheit ihres inhaftierten Vaters.  Sie konnte fast die gesamte Ober- und Mittelschicht vor allem in Lima und in den Küstenstädten hinter sich bringen. Ihr gegenüber steht Pedro Castillo, ein Gewerkschaftsführer und Lehrer im Hinterland, der immer mit dem typischen Hut der andinen Bevölkerung auftrat und die Ausrottung der Armut versprach. In seinem Wahlprogramm wird der Marxismus-Leninismus als Basis genannt.

Kardinal Pedro Barreto und Bürgerrechtsorganisationen hatten kurz vor der Stichwahl beide Kandidaten zum Unterschreiben einer Bürgerrechtserklärung gebracht, auf der sie sich zum Einhalten grundsätzlicher demokratischer Regeln verpflichteten. Diese Selbstverpflichtungen können nun nach der Wahl vom Gewinner eingefordert werden. Die Bischofskonferenz hat sich neutral verhalten, während einzelne Bischöfe und Priester und auch evangelische Prediger sich doch sehr dezidiert in den angeblichen “Kampf gegen den Kommunismus” einspannen ließen.

Am 6. Juni war Wahltag. Wie im Krimi war lange unklar, wer gewinnen würde. Nach über einer Woche und Auszählung von 100 Prozent der Stimmen liegt nun Castillo mit 50,125 Prozent vorne. Aber Fujimori gab nicht auf. Mit 500 Anwälten wurden ganze Wahllokale beanstandet, und nun muss das oberste Wahlgericht über hunderte von Anträgen (mit ca 200.000 Stimmen) einzeln entscheiden. Inzwischen werden die Leute auf der Straße ungeduldig: Die Armen glauben, dass man ihre Stimmen annulieren will und die Reichen verteidigen in großen Aufmärschen die “Demokratie” oder auch nur den eigenen Geldbeutel gegen den “Kommunismus”. Es sieht sehr nach dem letzten Zappeln eines toten Fisches aus, aber dahinter könnte auch die Strategie stehen, dass nur ein Militärputsch das Chaos der Straße beenden würde.

Ich bin von keinem der beiden Kandidaten überzeugt. Aber in einer Demokratie muss die Entscheidung der Mehrheit respektiert werden und in meiner Prälatur (Arequipa/Ayacucho) haben über 80 Prozent Castillo gewählt. Jetzt ist es wichtig, die Wahlpolemik erstmal abzulegen und zum Wohl aller miteinander zu reden. Vielleicht ist es doch möglich sich über einige Punkte der Pandemie- und Armutsbekämpfung einig zu werden. Pedro Castillo hat im Parlament nur eine kleine Minderheit hinter sich, die nicht ausreicht eine jederzeit mögliche Amtsenthebung zu verhindern. Wenn er sich nicht der demokratischen Mitte annähert, werden wir ihn wahrscheinlich nicht allzu lange als Präsident haben.

Reinhold Nann ist katholischer Bischof von Caraveli, Peru

 

Ich habe Angst, dass mein Land sich entwickelt wie Kuba oder Venezuela

Seit ich klein bin, habe ich viele Träume und ich weiß, dass eine gute Bildung viele Chancen eröffnet.

Aus meiner Sicht sind die Regierenden in Lateinamerika eine Hürde und ein Stein im Weg für viele Kinder und Jugendliche, die wir bessere Chancen und eine gute Bildung wollen. Peru befindet sich mitten in einer Gesundheits-, politischen und sozialen Krise.

Die Ergebnisse des zweiten Wahlausgangs in Peru haben bei mir eine große Unsicherheit und auch Angst hinterlassen. Ein Präsident der extremen Linken, Pedro Castillo, könnte am 28.Juli die Macht übernehmen. Als peruanischer Bürger befürchte ich, dass die Demokratie eingeschränkt werden und wir das Recht verlieren könnten, den nächsten Präsidenten zu wählen. Ich habe Angst, dass mein Land sich entwickelt wie Kuba oder Venezuela. Die Pandemie hat Peru in allen Bereichen destabilisiert – die Wirtschaft, den Bildungs- und den Gesundheitsbereich.

Keiko Fujimori hat die Angst vor dem Kommunismus geschürt, sollte Pedro Castillo an die Macht kommen. Foto: Sondra Wentzel

Meiner Meinung nach hat Peru weder Keiko Fujimori noch Pedro Castillo als Präsidentin bzw. Präsidenten verdient, jetzt zu Beginn unserer 200 Jahre Unabhängigkeit. Als peruanischer Bürger habe ich viele Träume – wie viele junge Menschen in unserem Land. Als Künstler,  der seine Ideen in der Kunst zum Ausdruck bringt, wünsche ich mir ein demokratisches Peru, in dem keine Regierung uns verbieten kann,  in Freiheit und Unabhängigkeit  zu leben, die wir am 28. Juli 1821 dank des Unabhängigkeitskämpfers José de San Martín erlangt haben. Ich wünsche mir ein Peru, in dem keine Regierung unsere Träume und unsere Stimmen auslöscht. Ein Peru, in dem die Kinder dank einer guten Bildung ihre Träume erfüllen können.

 

 

José Rengifo kommt aus Lima und absolviert einen Freiwilligendienst in Freiburg

 

 

 

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