Trotz staatlicher Hilfen hat die Pandemie verheerende soziale und ökologische Auswirkungen

 

Die Rechtsanwältin Rocío Meza vom Instituto de Defensa Legal in Lima berichtete in ihrem Vortrag beim Peru-Seminar der Informationsstelle Peru im April 2021 über die sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Folgen die Corona-Pandemie in Peru. Der folgende Artikel basiert auf ihrem Vortrag.

 

Exporte brechen ein – bis auf Trauben und Heidelbeeren

 

Ein harter Lockdown ließ in Peru vor allem in den Monaten April bis Juni 2020 die Wirtschaft einbrechen. Die Wirtschaftsleistung ging im ganzen Jahr um 11,1 Prozent zurück, zeitweise lag sie rund 40 Prozent unter dem Vorjahresniveau.

Mit der Aufhebung der strikten Ausgangssperre im Juli wurde auch die Wirtschaft in großen Teilen reaktiviert. Im November 2020 lag die Wirtschaftsleistung nur noch 2,8 Prozent unter dem Vorjahresmonat.

Der mit Abstand am stärksten betroffene Wirtschaftssektor war mit einem Rückgang von fast 53 Prozent das Hotel- und Gastgewerbe. Die Bauwirtschaft kam aufgrund des Lockdowns zeitweise zum kompletten Stillstand, dafür erlebte sie zum Jahresende hin ein Comeback (November: plus 17,3 Prozent).

Der Wert der peruanischen Exporte ging um 15,3 Prozent gegenüber 2019 zurück. Am stärksten war der Rückgang bei Kupfer (minus 23,9 Prozent), Zink (minus 36,9 Prozent) und Fischmehl (minus 21,8 Prozent). Die Exporte nach China gingen um 18,3 Prozent zurück, in die USA stiegen sie dagegen um 6,8 Prozent. Einen Anstieg gab es auch bei den Lebensmittelexporten, etwa bei frischen Trauben (20,4 Prozent) und Heidelbeeren (23,9 Prozent). Die Nachfrage nach landwirtschaftlichen Produkten im Inland ging dagegen um bis zu 13 Prozent zurück, die Preise  sanken um bis zu 40 Prozent. Insgesamt ging der private Konsum zwischen Januar und September 2020 um 11,3 Prozent zurück.

 

Staatliche Konjunktur- und Hilfsprogramme helfen nur langsam

 

Die Regierung traf zahlreiche Maßnahmen, um die wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen der Covid-19-Pandemie abzumildern. Insgesamt umfassten die Maßnahmen 142 Mrd. Soles (31,4 Mrd. Euro). Mit 19 Prozent des BIP investierte Peru im Verhältnis so viel wie kaum ein anderes Land in die Pandemiebewältigung.

Von Armut betroffene Haushalte erhielten verschiedene Hilfszahlungen („bonos“), Unternehmen Lohnzuschüsse zum Erhalt von Arbeitsplätzen. Mit dem Kreditprogramm „Reactiva Perú“ erhielten zwischen April und Oktober 2020 insgesamt 500.000 von der Pandemie betroffene Unternehmen einen Kredit. Der Zinssatz lag mit etwa zwei Prozent weit unter den üblichen Raten. Die Regierung bürgt für jeweils 80 bis 98 Prozent der Kredite.  Außerdem gab es staatliche Kreditprogramme für kleine Landwirte und kleine und mittlere Tourismusunternehmen.

Dass die Maßnahmen nur sehr zögerlich wirkten, hat mehrere Gründe: die heterogenen Strukturen im Land, die ungleiche Einkommensverteilung, die große Bedeutung des informellen Sektors und das mangelhafte staatliche Krisenmanagement. Langsam scheint die Strategie aber aufzugehen, die Wirtschaft erholt sich allmählich.

 

Die Krise verstärkt die Ungleichheiten

 

Das schnelle staatliche Handeln hat dazu beigetragen, den Anstieg der Armut einzudämmen. Allerdings hat die Krise bestehende Ungleichheiten offengelegt und vertieft. Angestellte und Menschen mit hohem Bildungsabschluss verloren seltener ihren Arbeitsplatz als Personen mit niedriger Qualifikation, Männer seltener als Frauen.

Die Arbeitslosenrate hat sich mindestens auf 13,1 Prozent verdoppelt, eine andere Quelle geht von 23,6 Prozent und 3,5 Mio. verlorenen Arbeitsplätze aus. Allein in der Metropolregion Lima waren im vergangenen Jahr 1,13 Millionen Menschen arbeitslos. Die Pandemie betraf Peru auch deshalb besonders hart, weil 70 Prozent der arbeitenden Bevölkerung im besonders gefährdeten informellen Sektor beschäftigt sind, deutlich mehr als in den meisten anderen lateinamerikanischen Ländern.

Die Einkommensrückgänge waren laut Umfragen vor allem zwischen Mai und Juli sehr hoch. 80 Prozent der befragten Haushalte gaben an, ihr Haushaltseinkommen sei zurückgegangen. In jedem fünften befragten Haushalten ließ ein Erwachsener aus Geldmangel eine Mahlzeit am Tag aus, jeder vierte Haushalt konnte sich keinen Arztbesuch leisten. In 34 Prozent der Haushalte konnten die Kinder wegen mangelnder Ausstattung nicht am Fernunterricht teilnehmen.

Die Landbevölkerung war besonders stark betroffen, da die Nachfrage und die Preise für landwirtschaftliche Produkte zurückgingen. Arbeitsplätze gingen verloren, die Armut nahm zu, in der Folge auch die Mangelernährung. Die fehlende Ernährungssicherheit ist ein chronisches Problem in Peru, das sich in der Pandemie noch verschärft hat. 21,2 Prozent der peruanischen Haushalte leiden unter Ernährungsunsicherheit.  Sie haben ein erhöhtes Risiko, an Covid-19 oder anderen Krankheiten zu erkranken.  So stieg in Gebieten mit hohem Tuberkulose-Risiko in der Pandemie auch die Wahrscheinlichkeit, an Tuberkulose zu erkranken.

 

3,3 Millionen Menschen mehr in Armut

 

Im Mai veröffentlichte das staatliche Statistik-Institut INEI erschreckende Zahlen zum Anstieg der Armut in der Pandemie. 3,3 Millionen Menschen gerieten im letzten Jahr neu in Armut. Damit stieg der Anteil der von Armut Betroffenen landesweit von 20,2 Prozent 2019 auf jetzt 30,1 Prozent. Der Anteil der in extremer Armut Lebenden ist ebenfalls stark gestiegen, von 2,9 auf 5,1 Prozent. Die Armut hat in den Städten (11,4%) deutlich stärker zugenommen als auf dem Land (4,9%). Dennoch ist die Landbevölkerung nach wie vor stärker von Armut betroffen (45,7%) als die Stadtbewohner*innen (26%). 13,7 Prozent der Landbevölkerung lebt sogar in extremer Armut, in der Stadt liegt der Anteil bei 2,9 Prozent. Über die Hälfte (55,9%) der von Armut Betroffenen arbeiten in der Landwirtschaft, Fischerei oder im Bergbau.

Auch der Zugang zu den grundlegenden Versorgungsleistungen ist sehr ungleich verteilt. Während immerhin 93,3 Prozent der Haushalte an das öffentliche Stromnetz angeschlossen sind, verfügen gerade einmal 18 Prozent über einen Internetzugang und nur 14,3 Prozent haben einen Computer oder Laptop – beides elementare Voraussetzungen für den Zugang zu Bildung in Zeiten des Fernunterrichts während der Pandemie. (Allerdings besitzen mehr als 90 Prozent der von Armut betroffenen Haushalte ein Handy.)

Die Lockerung der Restriktionen und die allmähliche Wiederbelebung der Wirtschaft in der zweiten Jahreshälfte haben zu einer leichten Verbesserung der Situation geführt. Zwischen April und Juni lag die Armutsquote bei über 40 Prozent, im letzten Quartal ist sie auf 23 bis 26 Prozent gesunken.

 

Mehr Gewalt gegen Frauen

 

Gewalt gegen Frauen hat in der Pandemie zugenommen. Ende Juli berichtete das Frauenministerium, dass während der Pandemie 1.200 Frauen als vermisst gemeldet wurden, davon waren 66 Prozent Mädchen und junge Frauen. Bei einigen von ihnen wurde später festgestellt, dass sie Opfer eines Femizids geworden sind. Von vielen anderen ist ihr Verbleib noch unbekannt oder die Familie hat ihre Rückkehr möglicherweise nicht gemeldet. Von März bis August wurden 5370 sexuelle Übergriffe gemeldet, in 600 Fällen waren die Opfer minderjährig. Ebenso wird von 101.344 Fällen geschlechtsspezifischer Gewalt in ihren verschiedenen Formen berichtet (siehe hierzu auch den Artikel im InfoPeru Nr. 75).

 

Schlimme Auswirkungen auch für die Umwelt

 

Was außerhalb der Städte passiert, wird in Peru kaum dokumentiert und wahrgenommen, in der Pandemie noch weniger als sonst. Das schafft optimale Bedingungen für illegale umweltschädigende Aktivitäten wie illegale Waldabholzungen, illegalen Bergbau, Ausweitung der Landwirtschaftsflächen und das Eindringen in Naturschutzgebiete und auf Territorien indigener Gemeinschaften.

Es wurde zwar eine Reihe von gesetzlichen Regelungen zum Umweltschutz verabschiedet. Sie haben jedoch nicht sicherstellen können, dass das Recht auf Gesundheit durchgesetzt und Umweltschäden etwa von Bergbauprojekten verhindert werden konnten.

Indigene Organisationen kritisierten die staatlichen Maßnahmen massiv, da sie nicht an deren Ausarbeitung beteiligt waren und die Regelungen nicht an ihren Bedarfen orientiert waren. Und vor allem, weil die Aufmerksamkeit und Hilfe zu spät kamen.

Das größte Risiko für die Umwelt nach der Pandemie ist, dass Regierung und Gesellschaft alle ihre Bemühungen auf die wirtschaftliche Reaktivierung richten und die öffentlichen Ressourcen darauf konzentrieren. Dies würde dazu führen, dass die Ausgaben für den Erhalt des natürlichen und kulturellen Erbes gekürzt und die Folgen der Pandemie als Vorwand genutzt würden, um die Umweltgesetzgebung aufzuweichen.

 

 

Annette Brox

 

Quellen:
Vortrag von Rocío Meza am 24.4.2021 bei Peru-Seminar der ISP

La República vom 15.5.2021

El Comercio vom 15.5.2021

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