Liebe Leserin, lieber Leser des InfoPeru,

als ich am Wahlsonntag mehrere Wahllokale im gut situierten Stadtteil Miraflores abklapperte, sah ich, dass sich vor mehreren Lokalen Schlangen vor allem älterer Menschen gebildet hatten. Sie warteten bis zu drei Stunden in der Sonne, um ihrer Bürgerpflicht nachzukommen – aus Überzeugung, denn die über 65-jährigen sind  in Peru als einzige von der Wahlpflicht ausgenommen.  Der Grund für ihr Warten: die vorher per Los bestimmten Wahlhelfer*innen hatten ihren Dienst nicht angetreten. Die Mitarbeitenden der Wahlbehörde mussten  freiwillige Wahlhelfer ad hoc rekrutieren. Einige Wahltische konnten deswegen erst nach Stunden geöffnet werden. Vor allen in einigen reichen Stadtteilen haben die Wahlhelfer*innen ihren Dienst geschwänzt, denn sie können es sich leisten, die umgerechnet rund 60 Euro Strafe zu zahlen. Der Grund war oft die Angst vor einer Corona-Ansteckung. Statt ihrer  selbst, gefährdeten sie somit die älteren Mitbürger*innen, die recht gedrängt stundenlang auf die Öffnung ihrer Wahltische warteten.

Letztlich liefen die Wahlen gut organisiert und ohne Zwischenfälle ab. Aber die Präsenzwahlen stellten sicher einen Anachronismus dar. Kein peruanisches Schulkind hat seit über einem Jahr seine Schule von innen gesehen; allenthalben wird Online- oder Whatsapp-Unterricht abgehalten, viele arbeiten seit über einem Jahr im Homeoffice. Und doch war es nicht möglich, eine Briefwahl oder eine elektronische Wahl zu gestalten, welche die Bürger*innen besser vor der Ansteckung durch Corona schützte.

Denn Corona ist weiterhin das grosse Thema hier in Peru. Kaum eine Familie, die nicht Kranke und sogar Tote in ihren Reihen hat. Die zweite Corona-Welle ist in Peru nie abgeebbt und seit die brasilianische Mutante im Land ist, schnellen die Fall- und damit auch die Todeszahlen wieder in die Höhe. Menschen harren weiterhin verzweifelt auf Sauerstoff und ein Intensivbett.  Und viele sterben, weil es von beidem viel zu wenig gibt in Peru.

Die neue Regierung – wer immer sie stellen wird- wird sich zuallererst um Corona und seine Folgen kümmern müssen. Darum, wie die Impfungen vorangetrieben werden können – und hoffentlich auch, wie das desolate öffentliche Gesundheitssystem reformiert werden kann.

Die zwei Gewinner des Wahlsonntags – Pedro Castillo und Keiko Fujimori  – haben zusammen gerade mal 32% der Wählerstimmen erhalten. Das heisst 68% haben weder für Keiko noch für Castillo gestimmt.  Um diese 68%  Stimmen wird in den nächsten 6 Wochen bis zur Stichwahl ein heftiger Kampf entbrennen.

Ich hoffe, dass ich viele von Euch am nächsten Wochenende zum Online-Jahresseminar der Infostelle am Bildschirm antreffen werde und wir über die politischen und sonstigen Perspektiven Perus ins Gespräch kommen.

 

Ihre Hildegard Willer

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