Klimakrise in den Anden: Auf zum Wasser-Säen!

In den Anden wird das Wasser knapp. Doch die Bewohnerïnnen wissen Abhilfe.

Bedächtig holt Romualdo Horqque seine Kokablätter aus der Hosentasche, hebt drei davon in den Himmel hoch, wie ein katholischer Priester die Hostie, und bittet die Pachamama, die Mutter Erde, um Erlaubnis und ihren Segen. Der Agrartechniker aus Accha steht auf 4.400 Meter Höhe, mitten in den Anden, vier Autostunden von Cusco entfernt. Der Wind kann hier ungehindert pfeifen und tosen. Kein Baum, kein Strauch, kein Gebüsch versperrt ihm den Weg. Nur Büschel von gelbem Ichu-Gras (deutsch: peruanisches Federgras) stehen zwischen dem grauen Felsen und dem weiten blauem Himmel.

In den Anden ist es üblich, vor einer Verrichtung die Pachamama, die Mutter Erde, um Erlaubnis zu bitten. Kokablätter haben eine rituelle Bedeutung. Auf dem Foto ist Romualdo Horqque in Accha, Cusco. Foto: Hildegard Willer

In dieser kargen Einöde entsteht das Wasser, das 1.000 Höhenmeter weiter unten Mais- und Gemüsefelder zum Blühen bringt. Doch unberechenbar gewordene Niederschläge, Bergbau und Überweidung gefährden die Wasserquellen im Hochland. Es liegt am Menschen, wie viel von dem Wasser, das hier vom Himmel fällt, letztlich unten im Tal ankommen wird.

Wasser war in den Anden immer schon ein kostbares Gut. Wer jemals die große Vielfalt an einheimischen Lebensmitteln auf einem peruanischen Markt gesehen hat, wird sich fragen, wo eigentlich der ganze Mais, Kartoffeln, Ocas, Bohnen und viele weitere Gemüsesorten angebaut werden, und woher das Wasser dafür kommt. Denn die Anden, das bis über 6.000 Meter hohe Gebirgsmassiv, das ganz Südamerika durchzieht, sind ein schroffes, steil aufragendes Gebirge, das die Hälfte des Jahres nur aus kahlem grauem Gestein zu bestehen scheint.

Und doch werden fast 80 Prozent aller Lebensmittel Perus von kleinen Familienbetrieben angebaut – sehr viele davon in den Anden. In den steilsten Tälern und auf allen Klimastufen bauen die Andenbewohnerïnnen seit Alters her auf engstem Raum ihre Nahrung an.

Sofern es genügend Wasser gibt.

Diese natürlichen Bergseen wurden mit Steindeichen verstärkt, so dass sie mehr Wasser speichern können. Foto: Hildegard Willer

  

Stopp der Brandrodung

„Bis vor wenigen Jahren haben sich Feuer bis hierher nach oben an die Puna ausgedehnt und das Ichu-Gras zerstört“, erzählt Horqque. Früher war Brandrodung üblich. Heute würden die Bauern darauf achten, kein neues Ackerland abzubrennen, und hätten neues Ichu-Gras gesät. Denn je dichter und größer das Ichu, desto besser kann das Wasser im Boden versickern und desto weniger erodiert dieser.

In einer Mulde unterhalb der Bergkuppe glänzt dunkel eine Lagune. Auch hier haben die Menschen Hand angelegt und mit Steinen einen Damm errichtet. So kann der kleine Bergsee heute sehr viel mehr Wasser speichern, das dann in die Erde einsickert und sich in unterirdischen Adern seinen Weg bis nach unten bahnt. Um fast das Fünffache habe sich die gespeicherte Wassermenge erhöht.

„Zuerst haben wir mit den Gemeinden ein Verzeichnis der manantes, der Wasserquellen, angelegt“, erinnert sich Horqque, der für die Nichtregierungsorganisation Cedep Ayllu arbeitet. „Manantes“ sind spontan entstandene Wasserlöcher. Von der Bergkuppe aus kann man mehrere von ihnen erkennen.

„Bevor man erntet, muss man säen“, erklärt Horqque. Das sei mit dem Wasser nicht anders, als mit Kartoffeln, Getreide oder Gemüse. Verschiedenste Techniken werden unter dem Begriff des „Wassersäens“ zusammengefasst: die Aufforstung mit Pflanzen, die besonders viel Wasser absorbieren; der Bau von Staumauern in Seen und Tümpeln; das Ausheben von Kanälen, durch die das Wasser gezielt in den Boden geleitet wird; der Bau von Reservoirs, um Regenwasser zu speichern.

Dorfbewohner schleppen Wasserleitungen bis auf 4.000 Meter, um das Wasser direkt von der Quelle auf ihre Felder zu leiten. Foto: Hysha Palomino/Cedep Ayllu

Gemeinsame Mühe

„Vor zwei Jahren haben wir in Gemeinschaftsarbeit die Staumauer aufgebaut“, erzählt Lucio Bustamante. Der 60-Jährige ist den Berg behände hochgestiegen. Sein Gesicht ist von Sonne und Wind gegerbt. Er bewirtschaftet einen knappen Hektar Land und ist Vorsitzender des Vereins der Wassernutzer des Dorfes Tambo. Rund 450 Menschen leben in dieser „Microcuenca“, einem Seiten-Wassereinzugsgebiet des Velille-Flusses. Alle kleinen Dorfgemeinden haben mitgeholfen, um Wasserlöcher freizuschaufeln, Staumauern zu bauen, oder Kanäle zu ziehen. Stundenlang sind sie dafür den Berg hochgelaufen, Geräte und Wasserleitungen auf dem Rücken von Maultieren oder dem eigenen. Aber damit das „Wassersäen“ gelingt, müssen viele Absprachen unter den Dörfern und einzelnen Höfen geschehen: wo die Grenzen des Weidelandes verlaufen, wo die des Gemeinschaftslandes und wieviel Wasser jeder nutzen darf.

Viele der alten Praktiken seien in den letzten Jahrzehnten verloren gegangen, erzählt Lucio Bustamante. Der Klimawandel habe die Notwendigkeit verschärft, vorsichtiger mit dem Wasser umzugehen und alte Techniken wieder zu beleben. „Es regnet weniger oft und unregelmäßig, dann aber zum Teil sehr stark“, sagt der Landwirt. Auch dieses Jahr sei der Regen spät dran. Durch die höheren Temperaturen sind auf einmal Schädlinge in den Höhen aufgetaucht, die man vorher nur aus anderen Klimazonen kannte.

Lucio Bustamante leitet das Wasserkomitee in seinem Dorf Tambo im Distrikt Accha, rund vier Autostunden von Cusco entfernt. Foto: Hildegard Willer

Hunger nach Silber und Gold gräbt Wasser ab

Aber nicht nur der Klimawandel ist eine Gefahr. Der weltweite Hunger nach Rohstoffen ist in Accha sehr konkret zu sehen. Von einer weit entfernten Bergkuppe funkelt ein silberner, metallischer Fleck. „Da sucht eine Mine nach Gold oder Kupfer“, meint Bustamante. Lange Zeit hat die Zentralregierung in Lima Bergbaukonzessionen vergeben, ohne die lokale Bevölkerung zu informieren. Dies ist heute nicht mehr möglich. Doch der Staat darf immer noch Bergbaukonzessionen in Wassereinzugsgebieten vergeben. Die Mitsprache der lokalen Bevölkerung ist in der Praxis noch nicht geregelt.

Dabei ist gerade die Nutzung als Wasserquelle eine Chance, dem Bergbau einen Riegel vorzuschieben: Denn wenn hier Wasser entsteht, kann das Land nicht als Brachland katalogisiert werden und damit auch keine Nutzungsumwandlung für Bergbaukonzessionen erfahren, sagt Menschenrechtsanwalt Ramiro Llatas aus Cusco.

Bauern in Omache, im Departament Cusco, bauen ein neues Wasserreservoir. Foto: Hysha Palomino/Cedep Ayllu

In die Wasserrechnung eingepreist

Marco Sotomayor, Agraringenieur und Universitätslehrer für Umweltwissenschaften, spricht lieber von Klimaschwankungen als vom Klimawandel. „Damit ist nicht nur der menschengemachte Klimawandel gemeint, sondern auch die periodischen Klimaphänomene wie El Niño“, sagt Sotomayor. Die neuen Niederschlagsmuster und eine durch den Urbanisierungsdruck gestiegene Nachfrage nach Wasser haben dazu geführt, dass die alten Techniken des Wasserspeicherns und -säens an vielen Orten der peruanischen Anden wieder eingeführt werden. „Regen, der auf trockenen Boden fällt, ist ein Problem. Wenn er auf einen Boden fällt, der wie ein Schwamm funktioniert, dann ist es gut“, meint Sotomayor.

Nicht nur einzelne Bauerngemeinschaften oder Nichtregierungsorganisationen, sondern auch staatliche Organisationen führen heute Projekte durch, um Regen- und Schmelzwasser zu bewahren oder an der richtigen Stelle versickern zu lassen. Dafür zahlen die Peruanerïnnen mit ihrer Wasserrechnung einen Betrag, der für diesen Erhalt der Ökosysteme eingesetzt werden muss.

Es ist dann Aufgabe der städtischen Wasserwerke, dieses Projekt umzusetzen, sei es durch Aufforstung, den Bau von Speichern, Kanälen oder Staudämmen. Die große Herausforderung ist dabei gar nicht technischer Art, sagt Sotomayor, sondern das Wassermanagement: Wie werden Abkommen getroffen, wer kontrolliert, wie transparent sind die Projekte? Zudem müssen die Menschen mit der Gemeinschaftsarbeit in Vorleistung gehen und darauf vertrauen, dass sich die Mühe in einigen Jahren lohnen wird.

Gut zwei Jahre dauert es, bis eine Wiederherstellung von Vegetation, der Bau einer Staumauer oder eines Kanals Wirkung zeigt und die Bauern tatsächlich mehr Wasser zur Verfügung haben.

Auf knapp 3.000 Metern Höhe baut Lucio Bustamante Gemüse an. Dank des gewonnen Wassers kann er auch in der Trockenzeit bewässern und zweimal im Jahr ernten. Foto: Hildegard Willer

1.000 Meter tiefer, auf 3.200 Metern Höhe, fällt das Tal immer noch steil ab. Aber überall stehen kleine Felder und Terrassen in sattem Grün. Denn hier wird das Wasser geerntet, das die Bauern so mühsam gesät haben. Lucio Bustamante hat seinem Hektar Land neue Terrassen abgetrotzt. Grüner Viehklee, Mais, Weizen oder Kohl wachsen auf dem neu gewonnenen Land. Dank einer Sprinkleranlage kann er zweimal pro Jahr ernten.

Denn ohne Wasser geht gar nichts. Ebenso wenig wie ohne die Erlaubnis der Pachamama.

Hildegard Willer

Die Reportage erschien ursprünglich auf dem Portal www.riffreporter.de

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