Der Palcacocha-See über Huaraz. Foto: Barbara Fraser

Serie Umwelthelden:Aus Liebe zu den Bergen

Saul Luciano aus Peru ist zum globalen Klimahelden geworden Dass er es gerade mit einem deutschen Energiekonzern aufnimmt, war in seiner Heimatstadt Huaraz nicht immer leicht vermitteln.

Ende 2014, gerade war die Weltklimakonferenz in Lima zu Ende gegangen, hörte Saul Luciano auf, nur Saul zu sein. und wurde zur Symbolfigur einer Auseinandersetzung, die das 21. Jahrhundert prägen wird: Wer die Klimakrise verursacht und dafür bezahlen muss.

Saul Luciano, 41, ein drahtiger unauffälliger Mann mit Brille, erzählt bedächtig und mit leiser Stimme zum hundert und xsten Male einer ausländischen Journalistin, wie es kam, dass er den deutschen Energiekonzern RWE auf Schadensersatz verklagte – und dass sein Fall vor dem Oberlandesgericht Hamm nun verhandelt wird.  Es ist dieselbe Engelsgeduld, mit der er ausländische „Gringo“-Touristen in seine Berge führt, sie beruhigt, wenn sie Angst bekommen vor einem Gletscherfeld oder sanft zum Weitergehen ermutigt, wenn ihnen auf 5000 Metern Höhe die Puste ausgeht.

Längst ist Saul Luciano mit seiner Klage international bekannt geworden und weltweit fiebern Menschen mit, ob der David aus Peru gegen den deutschen Goliath siegen wird. Zu Hause in Huaraz aber werden die Berge und Gletscher eifersüchtig gehütet und Eindringlinge mit misstrauischen Augen beobachtet. Das hat so mancher Gletscherforscher zu spüren bekommen.  Auch was Saul Luciano im fernen Deutschland machte, wurde misstrauisch beäugt.

Saul Luciano Lliuya aus Huaraz Foto: Hildegard Willer

Wie alles begann

Im Dezember 2014 besuchte eine Abordnung der deutschen Umwelt-NGO Germanwatch Saul Luciano in Huaraz und stieg mit ihm zum 4562 Meter hoch gelegenen Palcacocha-See. Ein gemeinsamer Bekannter hatte den Besuch vermittelt. Die Leute von Germanwatch wollten nicht nur mit eigenen Augen sehen, was die Klimakrise in den Anden anrichtet. Sie waren auch auf der Suche nach einer von der Klimawandel betroffenen Person aus dem globalen Süden, die geeignet wäre, um eine zivile Klimaklage gegen einen Haupt-Verursacher im globalen Norden anzustrengen . Saul Luciano und die schmelzenden Gletscher in Peru schienen ideal für diesen weltweit ersten Präzedenz-Prozess. Denn das Abschmelzen der tropischen Gletscher in Peru ist gut dokumentiert und sichtbar. Somit tragen auch die großen Firmen im Norden mit ihrem hohen CO2-Ausstoss Schuld daran, dass die Berge in Peru ihre Schneekappen verliefen und dass Sauls Haus von einer Schlammlawine bedroht wird.. Als die Besucher der deutschen NGO ihn fragten, ob er, Saul, einen deutschen Energiekonzern deswegen auf Schadensersatz verklagen wolle, war er skeptisch. Er, ein einfacher Bauer und Bergführer aus Peru solle eine multinationale Firma verklagen? „Da gewinne ich doch nie“, dachte er. Mit multinationalen Firmen kennt er sich aus. Wie eigentlich alle Leute in Huaraz.  Internationale Bergbaukonsortien bauen in Huaraz im großen Stil Kupfer, Gold und Silber ab, kaufen den Bauern das Land ab und lassen schmutzige Rinnsale und Abraumhalden zurück. Noch nie hat man in Huaraz vernommen, dass ein Bauer gegen einen Multi auch nur den Hauch einer Chance gehabt hätte.

Saul Luciano zeigt auf der Karte, wo sein Haus steht, das vom Klimawandel bedroht ist. Foto: Hildegard Willer

 

Saul macht mit

Doch die Leute von Germanwatch hatten gute Argumente: dass der CO2-Ausstoss in Deutschland ja nicht vor der deutschen Grenze halt mache. Die ganze Erde erwärme sich und lasse also auch in Huaraz die Temperaturen ansteigen, die Sonne zum Glühen und bringe die Gletscher zum Schmelzen.  Dass dies der erste Prozess weltweit werden könnte, den ein Betroffener in einem Land des Südens gegen einen Verursacher des Klimawandels im Norden führe. Dass, wenn er diesen Prozess gewinne, den Weg freimachen würde für viele viele Sauls, die klagen können. Saul Luciano dachte lange nach, bevor er zusagte. „Es war meine Gelegenheit, etwas für die Berge zu tun“. Dabei war er nicht ohne Angst, dass er nun Drohungen bekommen würde und dass er als kleiner Bauer aus Peru gegen einen deutschen Konzern kaum eine Chance habe.  „Am Anfang schien das Verfahren nicht voranzukommen“, erinnert er sich. Dagegen kamen nun die Journalisten aus aller Herren Länder zu ihm nach Huaraz, in sein Haus. „Zu Beginn hatte ich noch Angst bei den Interviews“, erzählt Saul Luciano. Auch seine Frau machte sich Sorgen, was sich Saul mit seiner Klage wohl eingebrockt hatte.                                            .

Eine weiße Kordillere ohne Schnee

Wenn er auf seine Berge schaut, schleicht sich ein trauriger Schatten auf Sauls Gesicht: imposant, idyllisch, wunderschön stehen sie da wie eh un je, der Alpamayo (bekannt als Logo der Filmfirma Paramount), der Artesonraju, der Huandoy – und der höchste von ihnen, der Huascaran. Doch Saul Luciano sieht auch, dass die „Nevados“, die Schneeberge, immer weniger Schnee tragen. Dabei hatten sie der „weissen Kordillere“ den Namen gegeben. Einen Namen, der bald nur mehr Erinnerung sein wird, wenn es so weitergeht mit dem Klimawandel.  Ein Viertel der tropischen Gletscher weltweit stehen hier. Und sie schmelzen rapide. Das Schmelzwasser auf seinem Weg nach unten, bildet immer neue Gletscherseen.

Das blaue Wasser der Palcachocha-Lagune bildet den perfekten Kontrast zum schneebedeckten Gipfel des Palcaraju-Gletschers.. Saul Luciano  ist beunruhigt, wenn er auf den Gletschersees blickt und der Wasserspiegel angestiegen ist.

Der Gletschersee Palcacocha, oberhalb der Stadt Huaraz. Foto: Barbara Fraser

In den Anden sind Seen und Berge lebendige Wesen, und wehe, wenn sie losgelassen.

Die Gletscherkatastrophe von  1941

So geschah es am 13. Dezember 1941. Ein Eisbrocken fiel in den See, oder vielleicht war es auch ein aufgeweichter Damm – innerhalb von Minuten wälzte sich eine Lawine aus Schlamm und Felsbrocken hinab ins Tal. Dort lag die Provinz-Hauptstadt Huaraz. Mehr als 5000 Menschen wurden von den Schlammmassen überrollt oder weggespült und verloren ihr Leben. Saul Lucianos kennt die Erzählungen seines Vaters von jenem Tag auswendig. Seine Familie blieb verschont. Bis heute wird in Huaraz dieses Schreckenstages gedacht. Es war nicht der einzige. 1970 verschwand die benachbarte Stadt Yungay und ihre 18 000 Bewohner unter einer Lawine aus Schlamm, Geröll und Eis, die sich nach einem Erdbeben vom Gletscher Huascaran losgelöst hatte.  Seit 1941 sind fast 25 000 Menschen in der „Cordillera Blanca“ (weiße Kordillere) durch von Gletschern verursachten Katastrophen gestorben, schreibt der Gletscherhistoriker Mark Carey.

 

17 000 Euro Schadensersatz für ein zerstörtes Haus

Je mehr Gletscherschmelzwasser in die Lagune fließt, desto höher der Wasserspiegel und desto grösser die Gefahr, dass sich eine Flutkatastrophe wiederholt. 120 000 Menschen wohnen heute in Huaraz. Auch Saul Luciano ist vor vielen Jahren vom Dorf Llupa in die Stadt gezogen, hat sich ein einfaches Haus gebaut, damit seine Kinder in eine bessere Schule gehen können. Sein Haus liegt direkt in der Schneise einer künftigen Flutwelle. RWE ist mit seinen  CO2-Emissionen für 0,5% der weltweiten Klimaemissionen verantwortlich und soll deswegen auch 0,5% der Kosten übernehmen, um den Palcacocha-See so einzudämmen, damit Huaraz und Sauls Haus vor einem künftigen Lawinendesaster geschützt ist. 17 000 Euro,so haben die deutschen Rechtsanwälte der NGO ausgerechnet, beträgt dieser Anteil.* Und dafür soll RWE in Deutschland zahlen. 17 000 Euro sind für einen Konzern wie RWE Trinkgeld.. Für den Bewohner von Huaraz bedeuten 17 000 Euro fünf Jahre lang den Mindestlohn. So viel Geld weckt Begehrlichkeiten.

Spätestens als Saul Luciano, der Bauer und Bergführer, für ein paar Wochen nach Deutschland fuhr, um am Prozess gegen RWE teilzunehmen; spätestens dann wurden einige Nachbarn misstrauisch. „Einige Nachbarn meinten, ich würde nach Deutschland fahren, um die Lagunen zu verkaufen, das alles nur wegen des Geldes machen“, erinnert sich Saul Luciano.. Sein Sohn wurde in der Schule deswegen schon blöd angemacht, auch seine Frau verstand nicht recht, auf was sich ihr Saul da genau eingelassen hatte.  Immer wieder erklärte Saul seinen Nachbarn, den Leuten in seinem Dorf Llupa, den Behörden, warum er nach Deutschland fährt. Dass es ihm nur um den Erhalt seiner, ihrer, Berge ging. Dass ganz Huaraz, ganz Peru, davon profitieren wird, wenn er den Prozess gewönne.  Heute sind die kritischen Stimmen leiser geworden. Die deutsche NGO Germanwatch merkte, dass es nicht reichte, Saul Luciano auf die Titelblätter internationaler Topmedien zu bringen, sondern dass sie auch die Leute in Huaraz mitnehmen mussten. Unter anderem unterstützen sie nun eine lokale Initiative in Huaraz, die zur Klimakrise und zum Klimaprozess aufklärt.

Misstrauen gegenüber  Fremdem

Denn wenn es um ihr Wasser geht, verstehen die Leute in den Anden keinen Spaß. Das bekamen auch die Gletscherforscher von der Universität Zürich zu spüren. Sie hatten in der benachbarten Kleinstadt Carhuaz – ebenfalls von einem Gletscherseeausbruch bedroht – ein Frühwarnsystem aufgebaut. Eine Antenne und eine Kamera an der Lagune Nr 513 war mit einem Computer im Gemeindeamt in Carhuaz verbunden. Sobald es zu einem Erdrutsch oder Felsabbruch oder einer Überschwemmung kam, würde das Amt in Carhuaz in Echtzeit informiert und könnte die Menschen warnen, sich rechtzeitig in Sicherheit zu bringen. Eine tolle Sache, so sollte man meinen.

Doch die Menschen in den Dörfern hatten weniger Angst vor einer Schlammlawine, die sie irgendwann ereilen könnte. Mehr Sorgen bereitete ihnen, dass der Regen einfach nicht einsetzen wollte. Irgendjemand aus dem Dorf glaubte zu wissen, was daran schuld sei: die Antennen, die die Gringos aufgebaut hatten. Die würden den Regen vertreiben. In einer konzertierten Aktion begab sich das ganze Dorf im November 2016 zur Lagune und bauten die Frühwarnanlage ab. Am Tag darauf regnete es.

Es war nicht das erste und sollte auch nicht das letzte Mal sein, dass technische Neuerungen und Fremdlinge auf das Misstrauen der lokalen Bevölkerung in den Anden stieß. Jahre vorher hatten Bauern Messstationen des peruanischen meteorologischen Dienstes abgebaut, ebenfalls unter dem Vorwand, dass sie den Regen abhalten würden. Im August 2019 verwehrten die Bewohner des Dorfes Musho einer internationalen Expedition von Gletscherforschern die Durchfahrt. Man habe sie, die Bewohner, nicht um Erlaubnis gefragt und die Ausländer wollten auf dem Gletscher eine Mine errichten, hieß es.  Letztes Jahr bauten Bewohner eines benachbarten Dorfes die Antennen an der Laguna Arhuaycocha ab, um damit ihre Forderung zum Bau eines Bewässerungskanals zu untermauern.  Die Aktionen der Dorfbevölkerung gründet auf berechtigem Zweifel: Zum einen ist da die Erfahrung, dass ausländische Firmen eigennützige Interessen haben (siehe Bergbau). Zum anderen ist das fehlende Wasser für viele Gemeinden ein dringenderes Problem als eine eventuelle Gletscherlawine.

Gut erforschte Gletscher

Kaum ein tropisches Gletschergebiet ist so gut erforscht, wie die weiße Kordillere in Peru. Seit 70 Jahren hat sich eine eigene peruanische, sehr praktisch orientierte, Gletscherkunde entwickelt. Seit der Klimawandel evident ist, kommen viele internationale Gletscherforscher nach Peru. Dabei wird immer offensichtlicher, dass ein rein naturwissenschaftlicher Ansatz dem komplexen Phänomen der Gletscherwelt in den peruanischen Anden nicht gerecht wird. Denn Gletscher sind nicht nur eine in Jahrtausenden  erstarrte Wassermasse, deren abnehmende Dicke man mit immer raffinierteren Geräten messen kann. Die Gletscher sind Teil der Kultur, für die lokale Bevölkerung sind sie beseelte Wesen, sie wachten schon über das Dorf, lange bevor der erste spanische Erobererhre Gefilde betrat, und sie werden öfters zum Unterpfand der Politik: Die Frühwarnanlage, die die Bewohner von Huaraz vor einer Flutwelle aus dem Palcacocha-See rechtzeitig warnen sollte nach Bemühen der Regionalregierung schließlich finanziert und von der Kommune aufgebaut werden. Heute streiten sich beide darum, wer für die Betriebskosten aufkommen muss.

Erklärungen, die das Scheitern solcher Projekte einseitig der animistischen, ganzheitlichen Weltsichter Bewohner oder – so das gegenteilige Narrativ– ihrer abergläubischen und fortschrittfeindlichen Gesinnung zuschreiben wollen, greifen zu kurz. Sagt Tomas Uson, der an der Humboldt-Universität über den sozialen und kulturellen Kontext der Gletscherkatastrophen in Huaraz promoviert.  Eine Gemengelage von traditionellen Naturvorstellungen, handfesten lokalpolitischen Interessen und  modernen Verschwörungstheorien, von sozialen Netzwerken in Windeseile verbreitet, trifft die Stimmung wohl am besten.  Dazu die Erfahrung, dass internationale Akteure – wie Bergwerke oder Wasserkraftbetreiber – tatsächlich oft ihre Berge „kaufen“ und ausbeuten wollen. Forschungsinstitutionen  oder internationale NGOs müssen deswegen immer wieder die Bevölkerung über ihr Tun informieren und erklären, wie diese von den Forschungen und Projekten profitiert.

Rohre leiten das Wasser ab, damit der Palcacocha-See nicht überfliesst. Foto: Barbara Fraser

Ortstermin am Gletschersee

Auch Saul Luciano hat in seinem Dorf Llupa immer wieder erklärt, warum er schon dreimal in Deutschland war, warum ihn so viele ausländische Journalisten aufsuchen und sogar Drohnen über ihren Dächern aufsteigen lassen. Zuletzt im Mai 2022, als er mit einem Pulk von deutschen Richtern vom Oberlandesgericht Hamm, Gletscherexperten und Journalisten aus aller Herren Länder zum Palcacocha-See hochstieg und auf das Risiko einer Lawine hinwies. Der Ortstermin sollte den feststellen, dass dieses Risiko für Sauls Lucianos Haus tatsächlich besteht. Glaziologen haben den Beweis für den Zusammenhang zwischen dem menschengemachten Klimawandel und dem erhöhten Risiko einer Gletscherlawine in Huaraz längst erbracht. Hoffentlich noch dieses Jahr wird sich das Gericht dazu äussern.  Aber, selbst wenn die Antwort auf diese erste Frage positiv ausfällt (dass der durch die Klimakrise wachsende Palcacocha-See das Haus von Saul Luciano bedroht), so steht in einem weiteren Schritt die zweite Frage an: Saul Luciano bzw. seine Anwälte müssen nachweisen, dass die schmelzenden Gletscher in Huaraz wirklich vom Kohlendioxid-Ausstoß in Nordrhein-Westfalen verursacht ist. Es wird noch einige Zeit dauern, bis das Gericht auch diese Frage beantwortet hat und ein endgültiges Urteil fällen kann.

„Niemand hat mir gesagt, dass ich die Menschen, die vom Klimawandel betroffen sind, vertreten soll“, sagt Saul Luciano. Es ist einfach so gekommen. Weil er seine Berge und seine Heimat liebt. Weil er die Gelegenheit bekam, etwas für sie zu tun. „Ich möchte  nicht, dass wir in 40 oder 50 Jahren kein Wasser mehr haben“.  Und dafür nimmt er wohl auch den Medienrummel in Kauf. Um das zu bewahren, was ihm heilig ist und wofür er seine Nevados so liebt: „De frische Luft, das Rauschen des Baches, der Gesang der Vögel, das Getrappel der Pferde, meine Freiheit“.

Hildegard Willer

* Absatz korrigiert am 23.08.22 

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