Im Dialog mit aussterbenden Insekten und Pflanzen

Die deutsch-peruanische Theaterperformance Intercambios und ein Gespräch mit peruanischen Umweltaktivist*innen

Ein sehr besonderes Theatererlebnis erwartete das Publikum des Festivals 6 TAGE FREI in Stuttgart: Das Cargo-Theater Freiburg, elgalpon.espacio und Teatro Yuyachkani aus Lima luden mit ihrer Performance Intercambios zu einer interaktiven Entdeckungsreise durch die Welt der aussterbenden Dinge ein.

Leon und Carla Wierer vom Cargo-Theater und Jorge Baldeon von elgalpon.espacio haben in Lima die deutsch-peruanische Biologin und Lehrerin Soledad Bauer getroffen und sich auf ihren Dachboden zum „Archiv der aussterbenden Dinge“ führen lassen. Diese Begegnung hat sie zu der Performance Intercambios inspiriert, die sich dem Aussterben von Arten, Ressourcen und kulturellen Praktiken widmet. Das Publikum wandert durch das nachgebildete Archiv der Soledad Bauer und durch acht „Mikrokosmen“, in denen schwindende Strände zu ihnen sprechen, bedrohte Insekten ein Manifest schreiben, Pflanzen sie zum Handeln auffordern und aussterbende Sprachen und Dialekte zum Thema werden. Die jeweils 16 Gäste pro Vorstellung treffen sich während ihrer Entdeckungsreise immer wieder in der Mitte des Raums zum Austausch mit den drei Schauspieler*innen: Haben Pflanzen eine Persönlichkeit? Kann Musik aussterben? Ist es gerechtfertigt, für ein Theaterstück über Klimagerechtigkeit 10.000 km zu fliegen?

„Die Nachbildung von Soledad Bauers Archiv und ihrer fantasiereichen Welt lässt uns die Beziehung zu der Welt, in der wir leben, überdenken. Wir sind eingeladen, dem Plädoyer für den Erhalt der Biodiversität zu folgen. Die Performer*innen und das Publikum befinden sich in einer ständigen Aushandlung von Ideen, Perspektiven und Strategien“, so Festival-Kurator Wagner Carvalho.

Zwischen den Aufführungen hatte die Infostelle Peru zu einer Begleitveranstaltung eingeladen: Antonio Zambrano, Klima-Aktivist von der peruanischen Klimaschutzbewegung Mocicc, und Augostina Mayán vom Volk der Awajún in der Region Amazonas, berichteten – per Zoom zugeschaltet – von ihren Erfahrungen mit der Klimakrise in Peru, die sich schon jetzt deutlich bemerkbar macht: Die Wasserressourcen werden weniger, das Land hat bereits 53 Prozent seiner Gletscherfläche verloren. Die Waldabholzung hat dazu geführt, dass der amazonische Regenwald 2021 zum ersten Mal mehr CO2 ausgestoßen als gespeichert hat. Die Artenvielfalt geht dramatisch zurück, 389 Tierarten sind bedroht. Extremwetterereignisse und Krankheiten wie Dengue-Fieber und Malaria nehmen zu. Augostina Mayán berichtete, dass es früher einen engen Kontakt der Menschen mit dem Wald gab. Der Bezug habe sich geändert. Früher gab es viele verschiedene Arten von Schmetterlingen am Fluss, heute sieht man nur noch ein oder zwei, es gibt weniger Bäume und Reptilien, das verstärkt die Ausbreitung von Krankheiten. Der Staat tue nichts dafür, die Verletzungen an der Umwelt zu stoppen. Die Awajún machen deshalb selbst Aktionen, um ihren Lebensraum und ihre Kultur zu schützen. So ist für sie das Kunsthandwerk ein Mittel des Aktivismus, um die Probleme in Amazonien öffentlich zu machen.

Auf die Frage nach der Verantwortung für die Klimakrise meint Antonio Zambrano, die Reichsten der Welt hielten eine Machtstruktur aufrecht und verhinderten, dass die Kosten ihres Lebensstils von ihnen getragen werden. Ein Prozent der Menschen verschmutze die Umwelt mehr als der Rest der Menschheit. Geld und Gold kann man nicht essen, sagt Augostina Mayán. Die indigenen Völker hätten das Pech, im Reichtum geboren worden zu sein. Jetzt wollten alle an die Rohstoffe, auf denen die Indigenen leben. „In der Pandemie haben wir noch stärker gespürt, wie wichtig für uns indigene Völker unser Territorium ist.“  Indigene Völker leben mit der Natur und erleben sich als Teil von ihr. Das ist ihr Reichtum. Lange Zeit waren die indigenen Völker unsichtbar. Das hat sich geändert, als man in Amazonien Rohstoffe gefunden hat. Seither gibt es einen Run auf Gold, Holz, Erdöl. Und seither hätten die Rohstoff-Ausbeuter gemerkt, dass im Amazonasgebiet Menschen leben, so Mayán. Es sei eine der Aufgaben der Indigenen, denjenigen, die die Rohstoffe ausbeuten, die Bedeutung der Natur nahezubringen.

Ist die Kunst ein Ansatzpunkt sich zu solidarisieren? Ja, über die Kunst kann man einen gemeinsamen Spirit schaffen. Seminare und Vortragsveranstaltungen sind für viele langweilig und ausgelutscht. Über die Kunst kann man andere Zugänge finden, nämlich über Emotionen und Freude. Und das Theater kann Bilder schaffen, die wichtig sind.

Das ist der Theaterperformance Intercambios zweifelsohne gelungen.

Annette Brox

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