Frauenrechte in Peru – eine Bilanz

Ein Bericht über die Online-Veranstaltung vom 10. März

Zum Weltfrauentag hatte die Infostelle Peru am 10. März drei Aktivistinnen zum Gespräch eingeladen: Tarcila Rivera Zea von der indigenen Frauenorganisation Chirapac (Centro de Culturas Indígenas del Perú), María Ysabel Cedano García, feministische Aktivistin von DEMUS (Estudio para la Defensa de los Derechos de la Mujer) und Ruth Buendía Mestoquiari, Asháninka und frühere Leiterin von CARE (Central Asháninka Rio Ene).

Der Internationale Frauentag: ein Tag der Reflexion, des Erinnerns und des feministischen Widerstands

Für Tarcila Rivera ist der Frauentag ein Tag der Reflexion und Analyse: Was tun Frauen, um eine eigene Stimme zu haben? „Feliz día“ („Einen glücklichen Tag“) bleibt ein leerer Wunsch zum Frauentag, so lange immer noch Frauenrechte verletzt werden. Es geht deshalb darum, mehr Bewusstsein zu schaffen, was Frauen noch alles tun müssen, um gleiche Rechte zu erlangen.

Für Maria Ysabel Cedano geht es am Weltfrauentag darum, sich an die historischen Kämpfe und Erfolge der Frauenbewegung zu erinnern. Es ist ein Tag des feministischen Widerstands gegen das Patriarchat, gegen Kolonialismus und neoliberalen Kapitalismus. Die Zwangssterilisierungen von Frauen während des Regimes von Ex-Diktator Fujimori sind ein Beispiel für eine besonders schlimme Form von Machismus und Rassismus, der zu Menschenrechtsverletzungen gegen Frauen führt. Endlich hat – nach vielen Jahren – der Prozess gegen die Verantwortlichen begonnen.

Für Ruth Buendía geht es am Frauentag darum aufzuzeigen, dass die Regierung den Frauenrechten auch heute noch kaum Bedeutung gibt. Immer noch geschehen Femizide, Vergewaltigungen und andere Verletzungen von Frauenrechte. Weil viele indigene Frauen zu wenig über ihre Rechte informiert sind, müssen gerade ihnen Räume eröffnet werden, in denen sie sich aus- und weiterbilden können.

Die aktuelle Lage der Frauenrechte: Viel Papier, wenig Umsetzung

„Wir haben einen ‚Papier-Staat‘“, stellt Maria Ysabel Cedano fest. Es gibt zwar Gesetze, Institutionen und politische Strategien zum Schutz der Frauenrechte. Aber sie existieren nur auf dem Papier, die Realität sieht sehr anders aus. Die offizielle Politik für Gendergerechtigkeit kämpft nur vermeintlich gegen Gewalt und für Gleichberechtigung. Tatsächlich gibt es etwa von den landesweit 52 Anlaufstellen für Frauen, die Gewalt erlitten haben, keine einzige für Lesben, Transsexuelle oder Bi-Personen. Das zugesagte Register von Straftaten der Hass-Kriminalität gibt es bis heute nicht. Die Regierung hat zwar eine Feministin als Frauenministerin, aber gleichzeitig Minister, die der häuslichen Gewalt und der Korruption beschuldigt werden. Das Frauenministerium hat nur wenig Personal und einen kleinen Etat, kann also nicht viel bewegen. Das hat sich auch unter Präsident Castillo nicht geändert. Die feministische Bewegung hat keinen Zugang zur Regierung. Für wirkliche Verbesserungen braucht es viel fundamentalere Veränderungen und neue Sicht- und Denkweisen, ist Tarcila Rivera überzeugt. Das braucht viel Zeit.

Der Präsident hat sein Versprechen aus dem Wahlkampf, sich für die Opfer der Zwangssterilisierungen einzusetzen, vergessen. Gegenüber dem fundamentalistisch geprägten Kongress kämpft die feministische Bewegung um eine geschlechtersensible Schulbildung und gegen die Abschaffung des Rechts auf Abtreibung, das ohnehin einzig beim Vorliegen medizinischer Gründe gilt. Junge Mädchen, die Opfer einer Vergewaltigung wurden, haben kein Recht auf Abtreibung. Sie stoßen auf ein Justiz- und Gesundheitssystem voller rassistischer und von Machismus geprägter Widerstände. Medizinisches Personal weigert sich oft, eine Abtreibung vorzunehmen. Und dies ist kein individuelles Problem, es handelt sich nicht um Einzelfälle.

Traumatisiert durch Gewalt

Ein Video der indigenen Frauenorganisation Chirapaq dokumentiert die Traumatisierung von Frauen durch die Gewalt während des internen bewaffneten Konfliktes in ihrer andinen Gemeinde, die sich als Gewalt in der eigenen Familie fortsetzt. Der sehr authentische, intensive Film, in dem eine Frau ihre Erfahrungen schildert, kann hier angesehen werden.

Lange Zeit war es in ländlichen Gemeinden „normal“, dass junge Mädchen Männer heiraten mussten, die ihre Familie für sie ausgesucht hatte. Die Mädchen hatten kein Recht, ihren Mann auszuwählen und selbst darüber zu entscheiden, wie viele Kinder sie haben wollen. Dies hat sich, so Tarcila Rivera, gottseidank geändert. Dennoch werden immer noch viele Mädchen in jungem Alter schwanger – 1.400 waren es im vergangenen Jahr. Der Kampf gegen sexuelle Gewalt gegen Mädchen ist ein sehr langwieriger und  mühsamer Prozess. Die Mädchen haben praktisch keinen Zugang zum Rechtssystem, die Behörden sind sexistisch und rassistisch geprägt. Die geltenden Gesetze nützen nichts, solange Diskriminierung und Rassismus den Umgang der staatlichen Stellen mit indigenen Frauen prägt und solange Mädchenschwangerschaften als „Teil ihrer Kultur“ abgetan werden. Indigene Frauen müssen durch Information und in ihrem Recht auf Selbstbestimmung gestärkt werden. Diese Arbeit leistet Chirapac. Die Agenda für diesen Prozess des Empowerment kann nicht von außen kommen. Es geht um eine horizontale Arbeit auf Augenhöhe. Die indigenen Frauen sollen sich als handelnde Subjekte erfahren und ihre individuellen und kollektiven Rechte als Frauen erkennen: das Recht auf Land, auf ihre eigene Sprache, auf ein selbstbestimmtes Leben ohne Gewalt.

Ruth Buendía schließt daran an und kritisiert, dass Anthropologen sexuelle Gewalt gegen Mädchen als „Teil der Kultur der indigenen Völker“ bewerten. Das ist falsch und dient den Männern als Schutz. Ruth Buendía kritisiert, dass das Thema Gewalt gegen Frauen und Mädchen auch in den indigenen Organisationen nicht ernst genug genommen wird. Oft wird es als innerfamiliäre Angelegenheit abgetan.

Frauen: Starke Akteurinnen im Kampf gegen Ausbeutung

Ruth Buendía hat als Leiterin der Asháninka-Organisation CARE erfolgreich mit ihrer Organisation gegen ein Staudammprojekt gekämpft, das die Lebensgrundlagen der Anwohner*innen zerstört hätte. Dafür wurde sie 2014 mit dem renommierten Goldman-Umweltpreis ausgezeichnet. Über ihr Engagement gibt es ebenfalls einen öffentlich zugänglichen Videofilm. Gefragt nach der Rolle der Frauen in diesem Kampf berichtet sie, dass Frauen nach außen hin oft nicht gesprochen haben, aus dem einfachen Grund, dass sie die spanische Sprache nicht sprechen. Aber innerhalb ihrer Gemeinde und im Kampf gegen das Großprojekt waren die Frauen sehr aktiv. Die sprachliche Barriere führt immer wieder dazu, dass Frauen in den Behörden nicht ernstgenommen und diskriminiert werden.

Wie können Frauen in Deutschland sich mit Frauenkämpfen in Peru solidarisieren?

Tarcila Rivera setzt auf länderübergreifende Solidarität. In Deutschland werden Frauen sehr wohl als Teil der Zivilgesellschaft wahrgenommen und gehört. Dies können wir nutzen, um auf internationaler Ebene einzufordern, dass Frauen überall ihre individuellen und kollektiven Rechte erhalten und Zugang zum Rechtssystem haben.

María Ysabel Cedano appelliert neben der Solidarität auch auf die Wachsamkeit der deutschen Frauenbewegung: Wohin fließen Gelder der Entwicklungszusammenarbeit? Wem nützen sie? Kommen gut ausgestattete Programme  tatsächlich bei den betroffenen Frauen in den indigenen Gemeinden kommen an oder sorgen sie nur für gute Löhne von Mitarbeiter*innen in den Provinzhauptstädten?

Wo gibt es auf europäischer Ebene Möglichkeiten, in Abkommen mit Lateinamerikanischen Ländern die Einhaltung der Rechte für Frauen verbindlich zu regeln.                                                                                                                                                                                                                                              Wo gibt es Allianzen zwischen Kirchen und Ultrarechten, die aus wirtschaftlichen Interessen Ausbeutung rechtfertigen? Wir sollten „Landkarten der Macht“ zeichnen, die aufzeigen, wo die mächtigen Gruppen in Deutschland sitzen und wie sie Einfluss in Peru nehmen. Als jüngsten Beispiel nennt sie die Friedrich-Naumann-Stiftung, die ein Treffen (ultra)rechter Parlamentarier*innen mitfinanziert hat, bei der eine Strategie für die Amtsenthebung von Präsident Castillo besprochen wurde.

Annette Brox

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.