Eine Konsequenz aus der Corona-Pandemie muss ein gestärkter Staat sein, fordert Glatzer Tuest vom Instituto de Defensa Legal.

 Mit einer durchschnittlichen Wachstumsrate von 3% und einer Inflationsrate von 2% genießt Peru über mehr als 15 Jahre eine hohe makroökonomische Stabilität. 1990 gab es noch ein negatives Wirtschaftswachstum von minus 5% und eine Inflationsrate von über 7600%. Deswegen wird Peru vom Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank auch als das lateinamerikanisches Wirtschaftswunder bezeichnet. Der peruanische Staat hat seit 1991 das vom IWF empfohlene Strukturanpassungsprogramm zur Sanierung der Wirtschaft drastisch umgesetzt. Er setzte auf Rohstoffexporte für die wirtschaftliche Entwicklung. Staatliche Investitionen in den Bereichen Gesundheit und Bildung wurden stark reduziert, der Arbeitsmarkt dereguliert. Das hatte und hat verheerende Folgen für die Umwelt, die Menschenrechte und die soziale Gerechtigkeit. In den letzten Jahren hat der peruanische Staat die Ausgaben im Bereich Gesundheit und Bildung zwar erhöht. So gibt es in vielen Orten eine Gesundheitsstation bzw. ärztliche Versorgung. Doch das Gesundheitssystem ist weiterhin unzureichend und prekär.

Gleichzeitig haben soziale Organisationen und Bewegungen viel zum Demokratisierungsprozess und zum Kampf gegen Korruption, zum Umweltschutz und zur Einhaltung der Menschenrechte beigetragen. Das tun sie auch jetzt. So ermöglichen Frauenorganisationen mit ihren in den 1980er Jahren gegründeten Volksküchen auch jetzt vielen Peruaner*innen, die ohne Arbeit und Einkommen sind, etwas zu essen zu bekommen.

Peru ist mit 120.000 Infizierten und 3.500 Verstorbenen (Stand 25.5.2020) nach Brasilien das am stärksten von der Corona-Pandemie betroffene Land Lateinamerikas. Das Gesundheitssystem ist völlig überfordert und in besonders betroffenen Gebieten kollabiert.

In einer Radiosendung von WAYKA  am 8. Mai 2020 stellt der Journalist Glatzer Tuesta vom renommierten Instituto de Defensa Legal (IDL) die Frage „Welche Art von Normalität möchten wir nach der Pandemie haben?“ Wir finden seine Überlegungen sehr lesenswert. Sein Aufruf, Realitäten wahrzunehmen, die viele bisher nicht gesehen haben oder sehen wollten, gilt für uns in Deutschland gleichermaßen. Seine Fragen geben auch wichtige Impulse für unsere entwicklungspolitische Arbeit in Deutschland.

Annette Brox

 

Welche Art von Normalität möchten wir nach der Pandemie haben?

Glatzer Tuesta, Direktor des Instituto de Defensa Legal und Moderator der Radiosendung „No hay derecho“. Foto: ideeleradio.pe

Jetzt, wenn die Ausgangssperre gelockert wird, wenn stufenweise wieder einige Aktivitäten zugelassen werden und die Reaktivierung der Wirtschaft voranschreitet, sagen einige Leute: Wir müssen schrittweise zur Normalität zurückkehren. Und das ist eine gute Frage, die wir uns stellen sollen: Welche Art von Normalität möchten wir nach der Pandemie haben?

Es erscheint ironisch, paradox und sogar pathetisch jetzt festzustellen, dass viele Menschen jetzt  ein Land entdecken, das wir vernachlässigt haben und nicht wahrhaben wollten. Warum ist es für viele Leute eine Neuigkeit, dass Menschen sterben, während sie in der Schlange vor dem Krankenhaus stehen, weil sie nicht behandelt werden und es keine Medizin gibt? Ist es etwa eine neue Erkenntnis, dass 73% der Peruaner*innen Tag für Tag arbeiten gehen, um wenigstens ein wenig Geld zum Überleben zu verdienen? Und dass sie verzweifeln, wenn man ihnen sagt, dass sie zuhause bleiben sollen? Ist es etwa eine Neuigkeit, dass die digitale Kluft zwischen Stadt und Land so groß ist, dass man, wenn man ein digitales Schulprogramm einführt, entdeckt, dass Millionen von Menschen kein Radio, kein Fernsehen und erst recht kein Internet haben?

Ist das die Normalität, zu der wir zurückkehren wollen? Diese Normalität, in der man den Menschen sagt: Bleibt zuhause in Quarantäne. Weiß man denn nicht, dass es Familien gibt, die mit acht oder zehn Personen in einem einzigen Zimmer leben müssen? Oder wenn man den Leuten sagt, dass sie nicht so oft auf die Straße und zum Markt gehen sollen, dass sie nur einmal in der Woche einkaufen sollen: Ist denn nicht klar, dass sie sich nicht aus Widerstand gegen die Behörden nicht daran halten, sondern weil sie es nicht können, weil sie keinen Kühlschrank haben, um ihre Lebensmittel aufzubewahren?

Ist das die Normalität, zu der wir zurückkehren wollen? Wir wundern uns, wenn der Bevölkerung gesagt wird, dass sie sich die Hände mit Wasser und Seife gründlich waschen soll. Die Realität ist doch, dass es sechs Millionen Menschen in unserem Land gibt, die kein Wasser und kein Abwassersystem haben.

Wir sehen mit Überraschung, dass viele Leute, tausende Personen in ihre Heimatorte zurückkehren, weil sie lieber wenig als gar nichts haben, weil sie in Lima keine Chancen mehr haben. Es sind die gleichen Leute, die vor Jahren nach Lima gekommen sind, und niemand hat sie wahrgenommen. Und jetzt gibt es Leute, die feststellen, dass es in Peru indigene Dorfgemeinschaften gibt, von denen sie dachten, dass sie nur in Büchern oder auf Postkarten existieren. Ist das die Normalität, die einige wollen?

Wer bestimmt, was in Peru „normal“ ist ?

Zu welcher Normalität werden wir zurückkehren? Zu der Normalität, in der Gauner und Diebe die politische Macht hatten, sich bereichert und nichts an diesen Missständen geändert haben?  Es scheint, dass einige diese Zeiten vermissen. Die Präsidentin der CONFIEP (Zusammenschluss peruanischer Unternehmen) hat gesagt, dass die Anforderungen des Gesundheitsministeriums europäischen Standards entsprechen und deswegen nicht erfüllt werden können. Was soll das heißen? Dass in Europa Bürger*innen erster Klasse und hier der vierten Klasse leben, die nicht erwarten können, dass ihre Rechte respektiert werden? Was ist die Normalität dieser Dame? Eine Normalität, die sie nach oben an die Spitze der Gutverdienenden stellt und in der nicht wichtig ist, was mit denen an der Basis passiert? Oder die Normalität, die uns der Präsident der nationalen Gesellschaft der Industrie präsentiert, der gesagt hat, dass Risikopersonen arbeiten gehen müssen, weil der Produktionsapparat aktiv gehalten werden muss? Oder die Normalität des Bosses der AFP (private Rentenversicherung), der sagt, dass die Peruaner*innen bedauerlicherweise länger leben und dadurch eine Last werden. Möchten wir zu dieser Normalität zurückkehren?

In diesem Land, haben wir, die Peruaner*innen, Sendero und MRTA (Terroristische Gruppen des Zeit des internen bewaffneten Konflikts) überwunden, wir haben Pandemien überwunden, die Cholera, Erdbeben, Naturkatastrophen wie El Niño, wir haben Alan García und Fujimori (der Korruption beschuldigte Ex-Präsidenten Perus) überwunden. Aber wir haben nichts daraus gelernt, und dafür bekommen wir jetzt die Rechnung. Das ist jetzt unsere letzte Chance, und wir müssen sie nutzen. Der Präsident hat 82% Zustimmung, seine Regierung 60%, seine Wirtschaftsministerin 74%. Diese Zustimmungswerte sollen nicht nur dem Ego der Regierung schmeicheln, sondern auch als Grundlage dienen, eine demokratische Reform des Staates voranzutreiben, die den Bürger*innen ihre Rechte garantiert. Und deshalb muss die Regierung einen starken, robusten, lebendigen und zuverlässigen Staat fördern, damit alle die gleichen Chancen haben. Wir dürfen nicht mehr auf die Koryphäen des Systems hören, die sagen, dass der Staat ein Zwerg sein muss, lächerlich unbedeutend, nicht existent, weil das Private immer besser ist. Die derzeitige Realität widerspricht dieser Behauptung absolut. Wenn die Regierung diesen Wandel nicht herbeiführt, wird uns das nächste Problem, die nächste Pandemie, das nächste Unglück wieder genauso treffen, aber wahrscheinlich wäre diese Situation noch viel schwerwiegender.

Glatzer Tuesta

Übersetzung: Mirjam Hitzelberger (DEAB)

https://wayka.pe/video-a-que-normalidad-queremos-volver/

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