Prof. Dr. Barbara Göbel ist studierte Ethnologin, Direktorin des Ibero-Amerikanischen Institutes der Stiftung Preußischer Kulturbesitz in Berlin und Honorarprofessorin an der Freien Universität Berlin. Ihre Forschungsgebiete sind sozio-ökologische Ungleichheiten, Ressourcenkonflikte, Geopolitik des Wissens, Archive und digitale Transformation.Im April war Barbara Göbel im Rahmen eines DFG Forschungsprojektes zum Ressourcenboom und sozialen Ungleichheiten in Lima und hat sich mit Hildegard Willer getroffen.

InfoPeru: Welches Interesse haben Forscher aus Deutschland an und in Peru?

Barbara Göbel: Insgesamt hat Deutschland historisch betrachtet enge Beziehungen zu der Andenregion und damit auch Peru. Zum Beispiel haben deutsche Wissenschaftler in der archäologischen, ethnologischen, historischen und geographischen Erforschung der Anden eine wichtige Rolle gespielt und wir haben viele Sammlungen zu Peru in Museen, Archiven und Bibliotheken in Deutschland, insbesondere im Ibero-Amerikanischen Institut. Schaut man sich jedoch die aktuelle Forschungskooperation an, dann hat diese zwar in den letzten Jahren an Dynamik zugenommen, jedoch sind im deutschen Wissenschaftssystem nur wenige Experten und Expertinnen zur Andenregion, insbesondere Peru. Global betrachtet ist die Andenregion ein fragmentierter Wissensraum, da auch zwischen den Andenländern aus vielen Gründen keine intensive Kooperation herrscht. Dies ist insofern problematisch, auch für uns in Deutschland, als die Andenregion, wie man auch in Peru gut sehen kann, ein „Hot-Spot“ des globalen Umweltwandels ist: Klimawandel, Biodiversitätsverlust, Wasserknappheit, Bodenerosion, all dies zeigt sich in der Andenregion mit allen sozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen sehr deutlich. Auf der anderen Seite ist festzustellen, dass aus der Andenregion, vor allem auch Peru, wir interessante und wichtige Forschungen zu den vielfältigen Auswirkungen extraktiver Industrien (Bergbau, Erdöl- und Gasförderung) haben, die noch viel stärker als bislang geschehen in Deutschland Berücksichtigung finden sollten. Hier spielt vor allem die PUCP (Pontificia Universidad Católica del Perú) als eine der zentralen Universitäten der Andenregion eine wichtige Rolle. Dies hängt auch damit zusammen, dass Peru die Ausbeutung und den Export von Rohstoffen in den letzten Jahren immens gesteigert hat, mit all den Konfliktpotentialen, die damit einhergehen. Wir haben ja einen Rohstoffboom in den letzten beiden Jahrzehnten gehabt, der durch hohe Weltmarktpreise gekennzeichnet war.

InfoPeru: Auch der große Rohstoffboom in Lateinamerika ist bereits vorbei….

Barbara Göbel: Ja, ab 2014 sind die Weltmarktpreise gefallen. Dies ist vor allem für klassische Rohstoffe wie Gas oder Kupfer der Fall, aber nicht für die neuen strategischen Ressourcen wie Lithium oder Koltan. Auch muss man feststellen: nach dem Boom ist vor dem Boom.

Auch heißt der Post-Boom nicht, dass extraktive Industrien zurückgefahren werden. So können wir in Peru durchaus eine räumliche Ausweitung und Intensivierung der extraktiven Industrien beobachten, um auch dem Preisverfall entgegenzusteuern. Ebenfalls ist zu berücksichtigen, dass Konzessionierungen ja Langzeit-Investitionen sind, die die Nutzung des Territoriums auf mehrere Jahrzehnte hin beeinflussen und binden. Schaut man sich eine Landkarte Perus an, dann wird man sehen, dass Bergbaukonzessionen, Wasserreservoirs und Schutzgebiete sich überlappen. Hier sind Ressourcenkonflikte und Auseinandersetzungen um unterschiedliche Logiken der Inwertsetzung der Natur vorprogrammiert.

InfoPeru: Der Rohstoffboom ist heute schon hoch konfliktiv und führt zu großen Spannungen…

Barbara Göbel: Ja, wir können in der gesamten Andenregion, vor allem auch in Peru beobachten, dass die Konflikte um extraktive Projekte deutlich zugenommen haben. Konflikte zwischen lokaler Bevölkerung, transnationalen Bergbauunternehmen und dem Staat auf seinen unterschiedlichen Ebenen haben eine komplexe Dynamik. Sie entzünden sich häufig an Auseinandersetzungen um Partizipation und Teilhabe. Hierbei stehen kurzfristige Kompensationen im Vordergrund. Bei den Aushandlungsprozessen wird kaum berücksichtigt, was nach der Rohstoffextraktion, also der Schließung der Mine, passiert, wie zum Beispiel mit Altlasten umgegangen wird. Neben den Machtunterschieden ist vor allem die geringe Information über die sozialen, ökonomischen und ökologischen Folgen eine große Schwierigkeit für die Lokalbevölkerung. Wie sollen sie dann nachhaltige und angemessene Kompensationszahlungen definieren können?

InfoPeru: Von 2009-2014 waren Sie mit dem Ibero-Amerikanischen Institut an einem vom BMBF (Bundesministerium für Bildung und Forschung) finanzierten Verbundprojekt mit der Freien Universität Berlin beteiligt, dem Netzwerk desiguALdades.net zu interdependenten Ungleichheiten in Lateinamerika. Im Rahmen dieses Netzwerkes haben Sie auch mit der PUCP kooperiert. Was waren wichtige Ergebnisse?

Barbara Göbel: Wir haben im Netzwerk die Mehrdimensionalität sozialer Ungleichheit und ihre transregionalen Interdependenzen betont. Ein weiterer wichtiger Beitrag ist die Einbeziehung der Umweltdimension in die Analyse sozialer Ungleichheiten. Zum einen hat der Ressourcenboom in Peru zu einer Erhöhung der Staatseinnahmen geführt. Sie haben Sozialprogramme finanziert, aber auch zur Umverteilung von öffentlichen Geldern innerhalb des Landes geführt. Hierdurch konnte die absolute Armut reduziert werden. Auch die Mittelschicht ist gewachsen, jedoch eher in den Städten als auch auf dem Land. Auf lokaler Ebene hat der Ressourcenboom zwar Arbeitsplätze und auch Einkommensmöglichkeiten wegen Dienstleistungen geschaffen, jedoch hat er in mehreren Regionen auch zur Erhöhung der Lohn- und der Lebenserhaltungskosten allgemein geführt. Wir sehen also in räumlicher und zeitlicher Hinsicht Ungleichheiten im Zusammenhang mit dem Ressourcenboom. Zum einen ist die Bevölkerung, die in unmittelbarer Umgebung der extraktiven Projekte wohnt, am stärksten von den Kosten und Risiken des Abbaus und Abtransports von Rohstoffen betroffen, partizipiert aber nur in sehr eingeschränkter Form an den Gewinnen. Zum anderen entstehen durch extraktive Projekte auch intergenerationelle Ungleichheiten. Denn aufgrund der Umweltkosten und -risiken sowie der territorialen Veränderungsprozesse schränken extraktive Projekte die Entwicklungsmöglichkeiten zukünftiger Generationen ein.

InfoPeru: Angesichts der Weltlage spielt Lateinamerika allgemein, und Peru im Besonderen, für Deutschland keine große Rolle. Wo konkret bestehen heute deutsche Interessen in Peru?

Barbara Göbel: Perus Bedeutung für Deutschland besteht in seiner Rolle als Rohstofflieferant einerseits und Abnehmer von Industriegütern andererseits. Die Bioökonomie hat in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen. In Deutschland ist man sich der aufstrebenden Rolle Chinas in Lateinamerika sehr bewusst und möchte gerade in dieser neuen Konjunktur seinen eigenen Einfluss auf die Region nicht verlieren. Für die multilaterale Agenda Deutschlands ist Peru im Zusammenhang mit der Klimapolitik sowie der Biodiversitäts- und Wasser-Agenda von gewisser Bedeutung. Die wissenschaftliche Kooperation zwischen Deutschland und Peru ist sehr gewachsen, auch wenn von den absoluten Zahlen her weiterhin Brasilien, Mexiko, Argentinien und Chile die wichtigsten Partner Deutschlands im Bereich Wissenschaft und Forschung sind.

Infoperu: Vielen Dank Frau Prof. Dr. Göbel für dieses Interview.

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