Am 15. September 2012 starb in Lima die bekannte Menschenrechtsverteidigerin Pilar Coll im Alter von 83 Jahren. Die gebürtige Spanierin war die erste Generalsekretärin der peruanischen Menschenrechtskoordination und bis zuletzt engagiert in der Gefängnispastoral und der Umsetzung des Berichtes der Wahrheitskommission.

Als Hommage an diese aussergewöhnliche Frau, reproduziert die Infostelle Peru ein Portrait von Pilar Coll, das im Februar 2008 in der Zeitschrift Publik-Forum erschienen ist.

Kraft und Zaertlichkeit:Die Menschenrechtsverteidigerin Pilar Coll

Vor mir sitzt eine Frau, deren Kraft,  Willen und Durchhaltevermoegen mich unwillkuerlich an eine Eiserne Lady denken lassen – jedoch keine Verfechterin des Neoliberalismus wie es Margaret Thatcher war, sondern eine Jeanne d´Arc der Menschenrechte. Ich spreche von Pilar Coll, Jahrgang 1929, die mir in ihrer kleinen Wohnung in Lima  aus ihrem Leben und ihrem angefuellten Alltag erzaehlt.  Ihr Alter nennt die lebhafte Frau nur ungern, und Lippenstift und Schmuck lassen nicht vermuten, dass ich es mit einer katholischen Laienmissionarin zu tun habe.

„Heute war ich wieder im Frauengefaengnis“, erzaehlt Pilar. Seit 30 Jahren besucht die studierte Juristin zweimal die Woche politisch Gefangene . In diesen Jahren ist das Vertrauen und die Freundschaft zwischen den Gefangenen und Pilar gewachsen.  „ Heute  zum Beispiel, war mir nicht gut, und sofort haben sie mir  eine „Panelada“ , einen heissen Tee mit Rohzucker, zubereitet“. Pilars Besuche gelten den politischen Gefangenen im Hochsicherheitstrakt – viele von ihnen sind oder waren Mitglied der maoistischen Terrorvereinigung „Leuchtender Pfad“. Obwohl Pilar deren Ideologie nicht teilt und ihre Greueltaten verurteilt, so sieht sie die Gefangenen doch in erster Linie als Menschen, die ihre Hilfe brauchen und die Rechte haben. „Früher waren die Bedingungen noch unhaltbar. 3 Frauen waren auf 6 Quadratmeter 24 Stunden lang eingesperrt“. Es waren weder Zeitungen, noch sonstige Kommunikationsmittel erlaubt. „Als erstes musste ich die politischen Neuigkeiten erzählen, praktisch die Zeitung ersetzen“. Und Briefe schmuggeln zwischen den gefangenen Frauen und ihren Männern im Männergefägnis Castro Castro. „ Da ich nach einer Brustamputation eine Prothese trug, konnte ich dort die Briefe der Frauen verstecken. Die Prothese wurde nicht durchsucht“, erzählt Pilar von vergangenen Zeiten. Wie nebenbei erfahre ich dabei auch, dass sie nicht nur eine Krebserkrankung überstanden hat, sondern ihre Kindheit vom Krieg geprägt war. Ihr Vater, ein Grundbesitzer aus Aragon, wurde von der Nationalfront getötet, die Mutter war vorher schon gestorben, zwei ihrer Geschwister starben an Tuberkulose.  Erst mit 20 Jahren konnte Pilar die Sekundarschule besuchen und danach Jura studieren. Nach Peru kam sie im Jahr 1967 als Mitglied einer Vereinigung von katholischen Laienmissionarinnen. Dort geriet sie schnell in die sozial und politisch engagierten Kreise der katholischen Kirche um Gustavo Gutiérrez.

1987 wurde sie zur ersten Generalsekretärin der peruanischen Menschenrechtskoordination ernannt.  Es war die Zeit des Bürgerkrieges zwischen dem leuchtenden Pfad und der peruanischen Armee. Die indianische Landbevölkerung geriet zwischen die Fronten und wurde Opfer beider Parteien. Kirchliche Menschenrechtsvikariate und Ordensleute spielten dabei eine entscheidende Rolle , die Menschenrechtsverletzungen publik zu machen und die Opfer zu verteidigen. „ Damals war es innerhalb der Kirche, bei vielen Bischöfen, noch anrüchig, von Menschenrechten zu sprechen“, erinnert sich Pilar Coll. Und für Militär und Polizei galten sie als Verbündete der Terroristen. Es war ein brisanter Posten, den Pilar Coll damals übernahm, Polizei, Militär, Politik und Medien in der Haupstadt Lima verleugneten damals die Menschenrechtsverletzungen und bezichtigten Kritiker schnell der Sympathie mit dem Terrorismus.

 

14 Jahre später, im Jahr 2001, arbeitete eine von einer demokratisch gewählten peruanischen Regierung eingesetzte Wahrheitskommission die jüngste Gewaltgeschichte auf. Pilar Coll, inzwischen offiziell pensioniert, ist aktiv dabei: sie hält unzählige Vorträge in Pfarreien, um für die Arbeit der Kommission zu werben und hilft bei der Systematisierung der Fälle.

Vor einem Jahr wurde sie von der peruanischen Regierung in die Kommission berufen, welche die Entschädigungszahlungen für die Opfer des Bürgerkrieges organisieren soll. „Bis jetzt hatte wir schon 49 Sitzungen; da auch Militärs in der Kommission sitzen, gibt es grosse Auseinandersetzungen darüber, wer als Opfer gelten soll“. Ob sie dafür wenigstens Geld bekommt ? „Nein“, lacht Pilar Coll. „ Alles Freiwilligenarbeit“. Ob es nicht etwas zuviel sei als Rentnerin ? „Von der Rentnerin trifft auf mich nur das Einkommen zu“, meint sie mit einem Augenzwinkern.

 

Von den vielfältigen Engagements, ist und bleiben ihr die Gefängnisbesuche am wichtigsten. Nichts hält sie davon ab, jede Woche nach Chorrillos ins Frauengefängnis zu fahren. Dabei hat sie ebenso viel erhalten, wie gegeben. „Ich habe im Gefängnis das Menschsein in all seinen Dimensionen kennengelernt, und ich durfte Menschen sehr nahe begleiten“. Nicht nur juristische Beratung hat sie erteilt; sondern Kurse über Werteerziehung, Bibellektüre oder Literatur gegeben. Besonders stolz ist sie darauf, dass die Gefangenen – viele von ihnen ideologische Hardliner – ihr zum 70. Geburtstag ein Buch schrieben mit der Widmung „Danke Pilar, dass Du uns das Recht auf Zärtlichkeit gelehrt hast“.

 

Pilar hatte in ihrem Leben nicht nur mit wirtschaftlichen oder politischen Schwierigkeiten zu kämpfen, sondern immer  wieder auch mit ihrem eigenen Körper. Vor einem Jahr fesselte eine Rückenkrankheit sie ans Bett, und erst letzten Oktober stürzte sie übel. „Gott hat mir die Kraft gegeben, mich von all dem zu erholen“, sagt Pilar. „Meine Erfahrungen als Kind im spanischen Bürgerkrieg haben mir sehr dabei geholfen,  Widrigkeiten durchzustehen“. Auch heute abend, nach ihrem erfüllten Tag, ist ihr Engagement noch nicht zu Ende. „Ich gebe einer jungen Freundin noch Kommunionunterricht“, erlärt sie. „An dem Tag, an dem ich nichts mehr tun kann, werde ich einfach sein“, sagt die Eiserne Lady und lacht dabei, so als ob dieser Tag noch in weiter Ferne liege.

(Autorin: Hildegard Willer; erschienen in Publik-Forum, 22.02.2008)