Eine peruanische Sozialunternehmerin in Berlin.

250 Mitglieder hat der Verein „MaMis en Movimiento e.V.“. In Berlin führt er neun Projekte für Migrantinnen und ihre Kinder durch. Gegründet wurde MaMis e.V. vor sieben Jahren von neun Latinas. Unter ihnen die Peruanerin Marita Orbegoso, die auch Geschäftsführerin des Vereins ist.

Infostelle Peru: Marita, erzählst du uns erst mal ein wenig von Deinem Hintergrund in Peru. Wie bist du da aufgewachsen? Was hat Dich geprägt?

Marita Orbegoso: Ich bin in einem tollen Jahr geboren, 1968. Da gab es in Peru verschiedene Wechsel. Und das hat mich geprägt, die Revolution 1968. Ich bin somit mit dieser Transformation geboren und das war mir immer sehr bewusst. Das heißt auch, sich nicht mit dem Status quo zufrieden zu geben und nicht immer nur Dinge zu kritisieren.

Bis ich 11 Jahre alt war, kannte ich die Anden meines Landes nicht. Ich spürte vorher eine totale Traurigkeit und Leere und ich wusste nicht, woher das kam. Ich passte nicht wirklich in meine Familie rein, und auch nicht in die Gesellschaft und in die Schule, die ich kannte. Ich bin in einer sehr konservativen Familie aufgewachsen.

Ich kannte schon andere Orte in Peru, Arequipa, wo meine Mutter aufgewachsen ist, oder Cajamarca, wo mein Vater herkam. Aber erst als ich das erste Mal das Departament Ancash besuchte, hatte ich das Gefühl, die richtigen Anden kennen zu lernen. Ich hatte das erste Mal das Gefühl, Peruanerin zu sein, zu merken, dass hier verschiedene Sprachen gesprochen werden, und mit der Tradition in den Kontakt zu kommen. Die Begegnung mit dem Leben in den Anden war ausschlaggebend, dass ich später Lehrerin wurde. Seit ich 14 Jahre bin, habe ich in Bildungsprojekten gearbeitet: Projekte entwickeln, Seminare planen und durchführen; Bildung ist somit ein wichtiger Teil von mir. Zuletzt arbeitete ich in Lima im Bildungsministerium.

Nach Berlin kam ich 2005, um einen Master in öffentlicher Verwaltung zu studieren.

Der Master hat mir sehr gut gefallen, auch wenn er sehr europazentriert war, denn zu dem Zeitpunkt hatte ich vor, wieder nach Peru zurückzugehen. Dann lernte ich aber zwei Monate vor der geplanten Rückkehr meinen heutigen Mann kennen und entschied zu bleiben und eine Familie zu gründen. 2008 kam unsere Tochter Rosalinda zur Welt.

Infostelle: Wie fing dann alles mit MaMis (MaMis en Movimiento) an?

Marita Orbegoso: Als ich nach Deutschland kam, interessierten mich schon immer die Themen der Migration. Ich bewegte mich viel auf Spielplätzen, Kindercafés, Kindergärten und traf viele spanischsprachige Frauen. Wir hatten viel gemeinsam, eine ähnliche Migrationsgeschichte, wir waren alle Akademikerinnen, aber gerade in einer Babypause. Aber im Hintergrund war immer, wie wir wieder in unseren gelernten Berufen arbeiten könnten. Zu dem Zeitpunkt führte ich eine Forschung durch und konnte feststellen, dass es für diese lateinamerikanische Akademikerinnen keine Angebote gab. Wir sahen unsere Kinder als Motor, uns zu organisieren. Und somit kamen wir schnell auf das Thema Migration und Mutter. Zweisprachigkeit und Partizipation, das sind die Hauptlinien, die es bis heute in MaMis gibt.

Ich hatte zu dem Zeitpunkt sehr viel Energie und viel Zeit und auch viele Ideen. Die Themen, die wir mit den anderen Müttern besprachen, waren: Was passiert mit der Sprache unserer Kinder? Was passiert mit unserer Kultur? Welche Transformationen erleben wir als Mütter, wenn wir in der Migration leben? Das waren Themen von Frauen, die in der Gemeinschaft aktiv sein wollten. Seit 2009 habe ich mich mit den Müttern und Institutionen zusammen getan, die hier in der Nähe sind. Zweisprachige Erziehung mit dem Fokus auf die spanische Sprache ist kein Zweig, der Geld bringt. Somit haben wir von Anfang an darauf gesetzt, dass diese Kurse durch Eigenfinanzierung laufen. Und das ist bis heute so.

Infostelle Peru: Du betonst sehr, dass Ihr bei Mamis Akademikerinnen („profesionales“, also Frauen mit einer qualifizierten Berufsausbildung) seid. Warum ist Euch das so wichtig, und können auch Frauen bei Mamis mitmachen, die keine Ausbildung haben?

Marita Orbegoso: Es ist ein Klischee, dass lateinamerikanische Frauen mit guter Ausbildung immer aus der Mittel- oder Oberschicht kommen. Und andererseits gibt es das Klischee der armen, ausgebeuteten Latina-Frau. Dem entsprechen die meisten Latina-Migrantinnen nicht, die meisten haben eine gute Ausbildung in ihrem Heimatland genossen und wollen damit auch anerkannt werden. Bei Mamis machen auch Frauen und Männer mit, die nicht studiert haben, aber die meisten Mitglieder sind Akademikerinnen aus Lateinamerika.

Infostelle Peru: Wenn ich mir die Website von MaMis anschaue, sehe ich sehr viele Angebote. Ich verliere selbst manchmal den Überblick, wo gerade was gemacht wird…..

Marita Orbegoso: Angefangen haben wir mit selbstorganisierten Musik- und kreativen Kursen in spanischer Sprache für unsere Kinder und Familien. Das ist immer noch ein Teil unseres Angebots, und wird durch die Beiträge der Nutzerinnen und Mitglieder finanziert.

Wenn wir MaMis 2018 anschauen, dann überschreitet die Struktur bereits das Niveau eines Vereins. Wir haben nicht nur den Vorstand, die Geschäftsführerin und Mitglieder, sondern wir führen auch Projekte durch. Wir haben ein Finanzteam, ein Kommunikationsteam und das Zweisprachigkeitsteam. Dann haben wir 14 lokale Koordinatorinnen in 11 Bezirken Berlins. Sie sind die Verbindung zwischen den Mitgliedern und den drei übergeordneten Regionalkoordinatorinnen. Ich als Geschäftsführerin habe Kontakt mit den drei übergeordneten Koordinatorinnen.

Wir knüpfen an den Bedürfnissen der Familien an. Alle Seminare, die wir anbieten, haben einen pädagogischen Ansatz. Jetzt versuchen wir verstärkt in das Thema der politischen Partizipation einzusteigen. Neben den eben genannten Angeboten, beraten wir auch andere Migrantinnenorganisationen, z. B. wie sie ihre Netzwerke ausbauen können, damit sie sich besser positionieren. Wir arbeiten auch mit anderen Bildungseinrichtungen zusammen, also nicht nur mit bilingualen deutsch-spanisch-sprachigen Kitas, sondern auch mit anderen zweisprachigen KITAS. Letztes Jahr haben wir auch angefangen, mit deutschen Kitas zusammen zu arbeiten, um den Fokus der Interkulturalität zu stärken.

Fast alle Projekte, die wir durchführen, sind Kooperationen mit anderen Einrichtungen. In Pankow und in Hellersdorf arbeiten wir eng mit den Integrationsbeauftragten der Bezirksämter zusammen. Für uns ist die Netzwerkarbeit sehr wichtig. Momentan arbeiten wir mit ca. zehn anderen „Plattformen“ zusammen. Momentan arbeitet MaMis e.V mit zehn Festangestellten und mit acht festen Honorarkräften.

Infostelle Peru: Was bedeutet diese Arbeit für die Integration für Deutschland? Was sagen Dir die Teilnehmenden über Euer Angebot?

Marita Orbegoso: Viele Migrantenorganisationen sind schon viel älter als wir, haben aber nicht so starke Partizipationsmöglichkeiten und entwickeln sich kaum weiter. Wir können somit auf jeden Fall mit positiven Ideen und Beiträgen zur Integration und Koexistenz in Berlin beitragen. Der Staat erreicht oft die Migrant_innen nicht. MaMis übernimmt somit oft die Arbeit, die eigentlich die Arbeit des Staates sein sollte, wie viele Migrantenselbstorganisationen.

Infostelle Peru: Wie siehst du die jetzige Situation in Deutschland, mit der Anzahl von Geflüchteten?

Marita Orbegoso: Es ist eine Herausforderung. Es sind viele Menschen mit unterschiedlichen Kulturen, viele sehr gut ausgebildet. Es ist eine Verantwortung, die wir alle tragen. Und ich glaube nicht, dass sich alle Menschen an Deutschland anpassen müssen, sondern Deutschland sollte wenigsten für eine Europäische Eingliederung vorbereitet sein. Das bedeutet multilingual sein. Das heißt, nicht einfach nur deutsch zu lernen, dass ist eine Vision des 18. Jahrhunderts. Ich glaube, wir als Migrant_innen können eine wichtige Rolle in der Zukunft spielen. Wir sind keine Geflüchteten, aber wir haben eine Migration durchgemacht. Wir übernehmen somit eine Brückenfunktion, so verstehe ich MaMis.

Infostelle Peru: Du hast die letzten 9 Jahre nichts anderes gemacht, als Dich bei MaMis zu engagieren. Wo bist Du da persönlich geblieben?

Marita Orbeogso: Ich hab´ einen tollen Mann, der mich unterstützt, und auch eine Tochter, die mich in dem ganzen Prozess begleitet hat. Die beiden geben mir die Energie, die ich brauche. Ich unterstütze gerne den Prozess der Gemeinschaft, aber ich muss nicht das Zentrum sein. Wie lange muss ich also präsent sein, bis der Prozess alleine weitergeht? Es soll nicht von mir abhängen.

Infostelle Peru: Eine letzte Frage, wie siehst du die Zukunft für Dich? Für MaMis? Siehst du Dich in Peru oder in Deutschland?

Marita Orbegoso: Ich bin wirklich glücklich in Berlin. Ich passe mich aber an alles an. Was ich habe, habe ich, was ich nicht habe, habe ich nicht. Ich möchte mit den MaMis gerne mehr in die Bildungspolitik reinkommen. Ich kann mir nur vorstellen außerhalb Berlins zu sein, wenn es Winter ist. Dann stelle ich mir Peru vor, Pozuzo und Oxapampa. Dort, wo es warm ist, also der Anfang des Regenwaldes mit viel Grün und viel Vegetation.

Das Interview führte Kerstin Kastenholz

Die Webseite des Vereins MaMis en movimiento e.V:  https://www.mamisenmovimiento.de/

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