Im peruanischen Regenwald kommt es immer wieder zu Lecks in einer alten Pipeline. Wer und was steckt dahinter?

 

Regenwasser ist nun das einzig verfügbare Wasser

Als Holguín Macedo an jenem 18. Juni zum Fischen ging, sah er, dass eine schwarze, zähflüssige Brühe das Wasser bedeckte, in dem er sein Netz auswerfen wollte. Schnell lief er zurück ins Dorf und schlug Alarm. Die Männer des Dorfes eilten an die Stelle, wo eine Erdöl-Pipeline auf ihrem Gemeindegebiet velräuft und sahen bestätigt, was sie vermutet hatten: Die Pipeline war leck geschlagen. Erdöl war ausgelaufen und bedrohte nun den nahen Bach, aus dem sich Nuevo Progreso mit Wasser versorgt. Die Frauen stellten ihre größten Kochtöpfe ins Freie, um jeden Tropfen Regenwasser aufzufangen. Das Wasser zum Trinken, Kochen und Waschen, das würde nun sehr knapp werden. „Wir können das Wasser nicht mehr zum Kochen und Trinken benutzen und die Fische sind auch verseucht“, klagt Yolanda Unkuncham, eine 58-jährige Dorfbewohnerin.

 

Seit 42 Jahren transportiert eine Pipeline Erdöl aus dem Herzen des peruanischen Amazonasgebietes an die 1000 Kilometer weiter westlich gelegene Pazifikküste. Genauso lange ist auch die Geschichte ihrer Lecks. 108-mal sei seitdem Erdöl ausgetreten, vermeldet die Webseite der staatlichen Pipeline-Betreiberin Petroperu. In den letzten fünf Jahren sei es zu 49 Zwischenfällen gekommen, allerdings sei über die Hälfte nicht auf natürliche Ursachen zurückzuführen. Saboteure seien am Werk gewesen, hätten die Pipeline mutwillig zerstört. 29 Mal allein in den letzen fünf Jahren. Auch das neue Leck in Nuevo Progreso sei von Dritten herbeigeführt worden, behauptete Petroperu.

Yolanda Unkuchum bei der Gemeindeversammlung in Nuevo Progreso

 „Keines meiner Kinder hat die Pipeline angerührt“, reagiert Yolanda Unkuncham erbost auf die Anschuldigungen von Petroperu. „Das ist nur, weil sie so alt und verrostet ist, und Petroperu sich nicht um die Instandhaltung kümmert“. Häuptling „Apu“ Sabino Escalante, ein drahtiger kleiner Mann mit wachen Augen pflichtet ihr bei. „Aus unserem Dorf war das niemand. Im Gegenteil, wir sind ja die ersten Geschädigten“. Die 164 Einwohner von Nuevo Progreso gehören dem Volk der Awajún an und leben von dem, was der Fluss ihnen an Wasser und Getieren gibt. Andererseits haben sie außer Natur nichts: kein aufbereitetes Trinkwasser, die nächste befahrbare Straße erreicht man erst, wenn man eine Stunde durch Schlamm gewatet und auf Baumstämmen über Flüsse balanciert ist. Handys kann man in Nuevo Progreso nur zum Fotografieren benutzen, weil es kein Netz gibt, und die weit abgelegenen kleinen Felder werfen gerade etwas Yuca und Bananen für den Eigenverbrauch ab. Wenn man nicht nur eintöniges Essen und ein Dach über dem Kopf, sondern auch Geld braucht: dann ist man in Nuevo Progreso wirklich arm dran. In Nuevo Progreso leben die Awajún noch in weiten Teilen so, wie sie vor der Ankunft der Spanier im Land gelebt haben. Gerade mal eine Grundschule zeugt davon, dass es so etwas wie einen peruanischen Staat gibt. Vom Fortschritt, den der Ortsname vollmundig ankündigt (Nuevo Progreso heisst auf deutsch“ Neuer Fortschritt“) ist in Nuevo Progreso nichts zu spüren.

Häuptling „Apu“ Sabino Escalante von Nuevo Progreso

Erdöl fliesst in den Bach, aus dem die Bewohner von Nuevo Progreso ihr Wasser holen

Wenn Nuevo Progreso in Kolumbien liegen würde, dann würde hinter der Sabotage wahrscheinlich eine Guerrilla-Gruppe stecken, die damit die Macht des Zentralstaates angreifen will. In anderen Teilen Perus kommt es auch zu Sabotage, weil Erdöl abgezapft wird, um es weiterzuverkaufen. Aber im unzugänglichen Regenwald könnte man das so gestohlene Öl gar nicht abtransportieren. Warum also sollte jemand in Nuevo Progreso mutwillig die Pipeline zerstören und damit die eigene Existenzgrundlage schädigen?

 

Für Beatriz Alva Hart, bei Petroperu für soziale Unternehmensverantwortung zuständig, ist die Sache klar. „Die Indígenas selber zerstören die Pipeline, um nachher einen Job bei der Sanierung zu bekommen“. Denn die Jobs in der Reinigung und Sanierung von Pipeline-Austritten sind begehrt, seit bei einem Pipeline-Unfall vor 5 Jahren erstmals 150 Soles (rund 40 Euro, das Dreifache eines normalen Tageslohns) für die Arbeiter angeboten wurde. „Sie gaben uns weiße Schutzanzüge und Handschuhe, dann mussten wir ins Wasser steigen und eimerweise das Erdöl heraustragen“, erinnert sich Juan José Huinapi im nahen Saramiriza, als er vor drei Jahren mehrere Monate in der Sanierung eines Lecks arbeitete. „Eine harte Arbeit, aber solch einen gut bezahlten Job habe ich danach nicht mehr gefunden“. Heute, so sagt er, würden angebliche Mittelsmänner bis zu 500 Soles (130 Euro) Schmiergeld kassieren, mit dem Versprechen auf einen der begehrten Jobs. Dennoch hält er es für unmöglich, dass die Anwohner selbst die Pipeline schädigen könnten. „Vor meinem Haus am Fluss ist der ganze Sand bereits voller Erdölschlieren, das kann ich mir doch nicht selber antun wollen“.

 

Mechanische Barrieren sollen verhindern, dass sich das Erdöl im Fluss ausbreitet

Im Dorf Nuevo Progreso warten die Menschen derweil auf die Fachleute von Petroperu und der Staatsanwaltschaft. Das Misstrauen zwischen dem Dorf und der staatlichen Petroperu ist gross. „Wir wollen dabei sein, wenn Petroperu und der Staatsanwalt die Pipeline aus dem Wasser heben und den Grund für das Leck feststellen“, sagt Apu Sabino Escalanta selbstbewusst. „Wir fordern, dass der Premierminister kommt, und mit uns verhandelt“. Und: „Wir sind jetzt auch dran mit Jobs“.  Dass eine staatliche Pipeline auf ihrem Gelände Schaden anrichtet, gibt ihnen Hoffnung, von den Regierungsstellen endlich gehört zu werden. Aber genau daraus könnte dieses Mal nichts werden.  Beatriz Alva Hart stellt die neue Strategie von Petroperu vor, die auf eine Form der Kollektivbestrafung setzt: „Wenn der Schaden durch Sabotage Dritter entstanden ist, dann stellen wir keine Arbeiter aus der nächsten Siedlung an und versorgen die Gemeinden auch nicht mit unserer Notfallausrüstung“. Mit dieser Politik der harten Hand, habe sich die Zahl der Sabotageakte bereits verringert. Wenn bei der Ortserkundung Sabotage als Grund für das Leck festgestellt wird, dann würde es also nichts werden mit den Jobs in Nuevo Progreso.

 

Dabei stehen die Indigenen-Gemeinschaften mit ihren Hilfsjobs am unteren Ende der Kette derjenigen, die von einem Erdölunfall profitieren. Wer vor allem davon profitiert, hat 2017 eine parlamentarische Untersuchungskommission herausgefunden. In ihrem 388 Seiten langen Schlussbericht steht, wie nachlässig Petroperu die Wartung der Pipeline war und wie kleine lokale Firmen mit einem Startkapital von wenigen Tausend Dollar auf einmal Millionenaufträge von Petroperu bekamen, um die vom Erdöl verseuchten Gewässer und Gelände zu sanieren. Es steht der Verdacht im Raum, dass ehemalige Angestellte von Petroperú hinter den neuen Sanierungsfirmen steckten.  „Das sind Subunternehmer gewesen, auf die wir keinen Einfluss hatten“, verteidigt sich Beatriz Alva Hart. Inzwischen würden nur mehr renommierte Firmen nach einem Bietungsverfahren an die Sanierungsaufträge kommen.

Aber selbst der Präsident von Petroperu, Carlos Paredes, gibt zu, dass die Institution ein Problem mit interner Korruption hat. Der anerkannte Finanzfachmann ist erst seit wenigen Monaten im Amt und es fällt ihm nicht leicht, das marode Staatsunternehmen zu verteidigen.

 

Denn wenn es allein nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten ginge, wäre im peruanischen Amazonasgebiet nie Erdöl gefördert worden. Geopolitische Gründe waren ausschlaggebend, als die linksnationalistische Militärdiktatur unter General Velasco 1969 Petroperu ins Leben rief und den Pipeline-Bau quer durch den peruanischen Regenwald in Angriff nahm. Es galt Stellung zu beziehen, gegen den nördlichen Nachbarn Ecuador, mit dem es immer wieder zu Grenzstreitigkeiten gekommen war. Dabei konnte es Peru nie mit den großen Erdölproduzenten Venezuela, Mexico oder Ecuador aufnehmen und die wirtschaftliche Bedeutung sank spätestens seit den 2000 er Jahren, als der Bergbau zum wichtigsten Produktionszweig Perus wurde. Dennoch gilt bis heute die Ideologie der Energie-Souveränität als unantastbar: Peru soll sein eigenes Erdöl produzieren. Ganz egal wie teuer oder wie umweltschädlich es ist. Und teuer ist es in der Tat. In der Betriebsrechnung von Petroperu haben die Pipeline-Unfälle große Spuren hinterlassen. 210 Millionen Soles (55 Mio Euro) habe das Unternehmen seit 2014 in Aufräum- und Sanierungsarbeiten nach Schäden an der Pipeline gesteckt, sagt Carlos Paredes. Ausserdem wird im Amazonasgebiet zuwenig Öl gefördert, als dass die Pipeline rentabel ist. „Wir machen einen Verlust von 20 Millionen US-Dollar jährlich“, gibt Paredes zu. Und hier sind die externen Kosten für die aufwändige Restaurierung der beschädigten Umwelt noch gar nicht eingerechnet.

 

„Wenn der peruanische Staat sich nicht massiv für mehr Erdöl-Ausbeutung im Amazonasgebiet einsetzt, damit die Pipeline rentiert, dann sollte er dort vielleicht etwas anderes machen“, wirft der Wirtschaftsfachmann Paredes in den Raum und könnte damit eine neue Diskussion über die Erdölförderung auslösen.

Vertreter verschiedener Indigenen-Verbände besetzen die Erdöl-Pumpstation Nr 6, um von der Regierung Entschädigung zu fordern.

Denn Stimmen, die den Stopp der Erdölproduktion im peruanischen Regenwald fordern, sind in Peru noch rar. Die Vertreter der Indigenenverbände gehören dazu. Sie möchten, dass der Staat, statt in Erdöl zu investieren, das Geld den indigenen Völkern direkt zur Verfügung stellt für Investitionen in ihren Gebieten. Und sie für den Schaden der nun 50-jährigen Erdölausbeutung entschädigt. Momentan laufen dazu die Verhandlungen zwischen den Vertretern mehrere Indigenen-Verbände und dem peruanischen Premierminister.

 

In Nuevo Progreso war es am 23. Juli endlich soweit. Staatsanwaltschaft und Vertreter von Petroperu haben unter Beisein der gesamten Dorfbewohner die Pipeline aus dem Wasser gehoben, um den Grund für das Leck festzustellen. Noch steht das offizielle Gutachten aus, aber auf den Fotos ist eindeutig zu erkennen, dass ein Loch in die Pipeline gesägt wurde.

 

Nach langen Verhandlungen hat das Dorf in die Auswahl der Firma eingewilligt, die die Aufräumarbeiten leitet. Jobs beim Abtragen des Erdöls wird es, laut Beatriz Alva Hart, für die Bewohner von Nuevo Progreso dabei nicht geben. Aber dafür eine Alternative zu den gesundheitsschädlichen Sanierungsjobs:

Petroperu hat inzwischen damit begonnen, indigene Gemeinden für die Bewachung und Instandhaltung der Pipeline zu bezahlen. Damit niemand mehr zur Säge greifen und seine Umwelt zerstören muss, um sich einen Job und Gehör zu verschaffen.

 

Wer die Pipeline in Nuevo Saposoa angesägt hat, bleibt weiterhin ein Rätsel. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Unbekannt.

 

Der Bericht der parlamentarischen Untersuchungskommission aus dem Jahr 2017 wurde vom Plenum des Kongresses bis heute nicht verhandelt.

 

Text und Fotos: Hildegard Willer

 

Die Recherche für diese Reportage wurde ermöglicht durch das  von Caritas International und der Weltkirche Freiburg geförderte Amazonas-Projekt der Infostelle.

 

 

 

 

 

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